Zu selten gesagt

Morgens sitze ich am liebsten eine Stunde auf dem Balkon, trinke zwei bis drei Dosen Energydrinks und rauche dabei zwei, drei, vier – ja, wie viele eigentlich? – Zigaretten. Mir ist bewusst das beides eher Laster sind, das lasse ich aber mal außen vor. Jeder hat welche – auch ich. Genaugenommen ist das ein Ritual geworden, eine Konstante. Es ist halt etwas, das man tut und mag. Andere lesen morgens die Zeitung, ich mache dies und lese Twitter, die Nachrichten im Web und denke nach. So wie heute. Und gestern. Und den Tag davor vermutlich auch. Danach laufe ich mit dem Hund 2-3 Kilometer, je nachdem wie fit er ist und was seine Motivation hergibt.

Heute habe ich den Brief einer depressiven Frau gelesen; dieser war an ihren Mann adressiert. Sie beschreibt Situationen des Alltags, Ängste und die Dinge, die sich daraus zwischenmenschlich ergeben. Auftretende Probleme, Kommunikationslabyrinthe, Unverständnis, Zweifel und auch Dankbarkeit.

Dankbarkeit war für mich heute ein wichtiger Punkt. Ich bin ein sehr dankbarer Mensch und nehme Dinge nicht als selbstverständlich wahr. Zudem bin ich sehr (manchmal zu) empathisch und kann mich meistens gut in andere Personen einfühlen und vieles verstehen. Das führt dazu, dass ich dann oftmals unbewusst das richtige sage  und die meisten Leute, die viel mit mir zu tun haben, schätzen das – manchmal ist es aber auch unangenehm, weil Menschen durchaus berechenbarer werden oder weil man unter den Problemen anderer leidet. Ab und an ist es aber so, dass ich Dinge – die ich halt schon immer so kenne – nicht mehr als „fremd“ wahrnehme, sondern eben als gegeben oder irgendwie auch normal. Dadurch vergesse ich hin und wieder wie Situationen, Angewohnheiten, Macken und auch mein teils unnachvollziehbares Verhalten andere Menschen irritieren, oder schlimmer: ich nehme es halt eben nicht wahr. Für mich ist es völlig nachvollziehbar – für andere nicht.

 

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Ich leide seit einigen Jahren – jetzt kommt die alte Leier wieder – an rezidivierenden Depressionen und PTBS. Medikamente nehme ich seit 3 Jahren nicht mehr und bin ziemlich happy damit. Die Symptome und Begleiterscheinungen im Allgemeinen sind seit dem Klinikaufenthalt 2012 weniger geworden und auch dadurch, dass meine Lebensumstände besser wurden, ich mich von Menschen löste, die mir nicht gut taten und ich Rückhalt geliebter Menschen habe/hatte. Leider bin ich nicht völlig frei von dem Scheiß (‚Tschuldigung!) und überblicke die Situationen manchmal zu spät. Das ist okay so, wenn man dies als „Moment“ (der kann durchaus auch mal länger dauern) akzeptiert und weiß, dass noch nicht aller Tage Abend ist oder sein wird. Schwierig ist es, dies in den Alltag zu integrieren und vor allem andere Menschen einzubeziehen. Ich habe heute mal ein paar Dinge Revue passieren lassen und bin auf Situationen gestoßen, die gar nicht allzu lange her (manche dann doch) sind. Ich entschuldige mich immer – aber ich sage in den Momenten zu selten danke und vertraue darauf, dass die Person es spürt. Das sollte man wirklich nicht tun. Wenn man Menschen schätzt, sollte man ihnen das sagen.
Und manchmal ist es wichtige, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen oder sich in andere Menschen zu versetzen.

Tja, leider bin ich mit meinen eigenen Gefühlen oft genug überfordert und nicht oder nur teilweise in der Lage diese in Worten auszudrücken – gerade was das Reallife anbelangt, aber ich versuche mal einen kleinen Teil dessen wiederzugeben, an was für Dinge ich dachte und die ich dann nun loswerden wollte.

Ich bin froh und dankbar, dass mein Mann zum Beispiel fragt, was mit mir los ist, wenn ich stiller bin als sonst, und dass er es akzeptiert, wenn ich nicht darüber reden kann. Ein „Wir sprechen darüber, aber nicht jetzt“ nimmt unglaublich viel Druck von einem selbst, da man manchmal auch erst herausfinden muss, was einem weh tut oder belastet. Ich weiß es oft genug einfach nicht – es scheint dann einfach so zu sein und ich kann keinen Grund dafür finden. Wie also darüber reden und es verständlich machen? Ich bin dankbar dafür, dass er über mein unnötiges Gemecker hinweg sehen kann und weiß, dass ich ihn liebe. Ich mecker unglaublich selten, aber ich weiß, wie sehr es nervt, vor allem, wenn es keinen sichtbaren Grund dafür gibt – es richtet sich dann gegen ihn, obwohl ich diejenige bin, die mit sich selbst unzufrieden ist – das ist unfair.
Ich bin dankbar dafür, dass er ein Mensch ist, dem ich bedenkenlos den Spiegel hinhalten kann und mit dem man ehrlich reden kann, ohne dass alles, was man sagt, zu einem Politikum wird.
Ich bin dankbar dafür, dass er mit mir zusammen in die Stadt geht und wir bummeln oder gezielt nach Platten (oder Pokémon) suchen, weil ich mich alleine nicht dazu überwunden bekomme. Er ist der Tritt in den Arsch, den ich manchmal brauche, um meinen Scheiß hinzubekommen und der Mensch, der mir auch etwas im Haushalt oder zum Beispiel ein Telefonat abnimmt, oder mal alleine mit dem Hund geht, wenn ich mit mir und meinem nicht vorhanden Antrieb hadere. Das ist schön, weil ich das dann aufsparen und kurz darauf wieder für andere Dinge nutzen kann. Ich bin nicht unselbstständig und sitze auch nicht den ganzen Tag auf meinem Hintern – auch wenn viele Menschen dies von Depressiven denken – aber an manchen Tagen zieht es einen einfach nach unten und es ist schön, wenn es jemand versteht.
Auch bin ich dankbar dafür, dass er sich nicht für mich schämt, wenn ich still in meine Pommes heule, weil der unfreundliche Pommesverkäufer mich anschnauzt und damit ein Fass zum Überlaufen bringt. Das ist selten. Wirklich selten. Wir sind beide nicht perfekt, aber ein gutes Team.

Danke dafür. Ich liebe dich. 

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Ich bin meiner Mutter dankbar, die es nie so ganz leicht mit uns Dreien hatte und versucht hat uns nach bestem Gewissen zu erziehen. Wo Menschen sind, passieren Fehler. Unsererseits wie ihrerseits und ich bin dankbar dafür, dass wir während der Klinikzeit darüber schreiben konnten, wie unsere jeweilige subjektive Wahrnehmung dazu aussah, ohne uns an die Gurgel zu gehen und uns zudem auch noch besser verstehen zu lernen. Ihr ging es oft genug selbst nicht gut.
Ich bin dankbar dafür, dass sie trotz dem Klinikschreck damals zu mir gehalten hat – auch wenn es eine Weile gedauert hat, zu begreifen – und auch heute nicht ständig fragt, ob alles in Ordnung ist, sondern davon ausgeht, dass ich mich selbst melde, wenn etwas mit mir schief läuft. Das habe ich damals versäumt und es würde mir wohl auch Sorge bereiten.
Ebenfalls dankbar bin ich dafür, dass sie mir nicht den Arsch aufreißt, weil ich mich nicht oft genug melde oder genug erzähle und sie stattdessen lieber meinen Twitteraccount nachliest. Meine Mutter und mein kleiner Bruder haben nie etwas auf mich kommen lassen.

Danke für alles. Ich liebe dich.

Meinen Freunden bin ich unglaublich dankbar dafür, dass sie mir nicht den Rücken zukehren, weil ich nicht oft genug schreibe, mich nicht ständig nach ihnen erkundige oder Phasen habe, in denen ich nicht mal zurückschreiben kann. Sie akzeptieren das und in der Regel sind alle Begegnungen und Gespräche genauso, wie sie zuvor auch waren. Ich habe in der Vergangenheit öfter Verabredungen spontan abgesagt, weil ich mich nicht gut genug fühlte, um mit ihnen herumzuziehen oder weil „Clubben“ in meinem Alter zwar Volkssport, aber eben nicht (mehr) mein Ding ist. Konzerte/Festivals/Szenekneipen waren immer schon mehr mein Ding, nicht nur aus musikalischer Sicht. Auf dem M’era Luna trifft man sich zum Beispiel ein Mal im Jahr – auch wenn man sich sonst nicht sieht – und verbringt schöne Zeit miteinander – auch das ist ein Privileg, das ich genieße. Es ist wie Heimkommen.
Dankbar bin ich auch, dass die Leute, die mehrere Tage herkommen (oder die ich besuche), akzeptieren, dass ich jemand bin, der danach Erholung braucht. Nicht vom Menschen an sich, den mag ich auch weiterhin sehr gern, aber von damit verbundenen Aktivitäten. Und danke ebenfalls an die wirklich guten Freunde, die vor ein paar Jahren dafür gesorgt haben, dass ich ein Dach über dem Kopf hatte und wieder neu in mein Leben starten konnte – ohne diese Hilfe hätte ich das alleine auf die Kette bekommen.

Vielen Dank. Ich liebe euch. 

Ich sag es nur einfach zu selten.


(TW) SVV: Gedanken III

Hier nun ein recht emotionaler Beitrag von @Sophies_World_, den ihr auch auf ihrem Blog nachlesen könnt. Mir gefiel er sehr gut, gerade weil er sehr emotional ist,  aber schaut’s euch an:

SVV
Schwieriges Thema, ich weiß. Und ich will nicht umfassend darüber informieren, aber einfach meine Gedanken dazu loswerden.

Es fiel mir schwer, diesen Beitrag zu schreiben und ich habe ihn nicht auf Passwortgeschützt gesetzt. Ich bin froh, dass er von allen gut aufgenommen wurde. Das hier ist sehr privat und ich fühle mich ein bisschen entblößt. Aber es geht mir insgesamt durch die Publikation und das Schreiben besser, sonst hätte ich das nicht gemacht.
SVV – Selbstverletzendes Verhalten. Aus Verzweiflung, Selbsthass, Schmerz. Eine Gegenmaßnahme zu anderem Schmerz. Zu Overloads. Ein Hilfeschrei. Aber Hilfe will ich eh nicht. Ich bin – war – so abhängig davon. Ich habe viel geritzt. Die neusten und tiefsten Narben sieht man noch. Die anderen habe ich quasi ausradiert. Ich hasse den Schmerz, hasse die Narben noch viel mehr, aber der Schmerz tut so gut. Ich will ihn so sehr, vermisse ihn. Die Narben entferne ich regelmäßig. Auf eine Weise, die ich zum Schutze anderer nicht beschreiben möchte. Neue Haut wächst drüber. Die tiefsten Narben sieht man noch. Eigentlich bestehen meine Arme wohl nur noch aus Narbengewebe. Ungesund. Mir egal. Einige Schnitte hab ich selbst genäht, selbst Fäden gezogen. Ich habe Verbände und Pflaster en masse benutzt. Ich trug Stulpen, langärmliges im Sommer, suchte lange nach einem langärmlichen Schwimmshirt für den Urlaub, ging in Behandlung die nichts brachte, ließ es bleiben und machte weiter. Ich liebte es zu bluten. Es zeigte, dass ich noch lebte. Ich hasse es, zu bluten, es zeigt, dass ich noch lebe. Ich schnitt viel. Schnitt am Handgelenk, direkt neben der Schlagader, nachdem ich lange versuchte diese zu schneiden und mich nicht traute. Ich schnitt andauernd. Aus allen möglichen kleinen Gründen, immer überfordert. Meist heulend. Tief, lang. Mit stumpfen Messern. Ich gab die Messer weg und fand doch andere Wege. Ich schnitt mit einer Nagelschere. Bis heute ertrage ich das Geräusch meiner Nagelschere nicht. Ich putzte wahnsinnig viel Blut weg, meine Arme waren immer geschwollen, jede beiläufige Berührung schmerzte. Ich sagte, es wäre eine Katze gewesen, schnitt wieder, setzte an den Schlagadern an. Ich war dabei sie aufzuschlitzen als mir jemand das Messer weg nahm. Keine einfache Aufgabe. Ich erinnere mich kaum. Ich schulde einem anderen mein Leben. Ich will trotzdem immer wieder schneiden, gebe so gern mein Leben auf. Und wenn ich nicht schneide, übergieße ich mit heißem Wachs. Ich verbrenne mich gerne. Ich schneide mich gerne. Vielleicht während du im Haus bist. Nebenan, oder im Bad. Vielleicht während du mit mir telefonierst. Meine Verzweiflung ist still. Na und? Wozu auch nicht schneiden?
Die Narben erinnern mich an was ich bin. Dreck. Ungewollt. Unnötig. Dumm.

Sind doch alles nur Katzenkratzer. Mich schneiden? Ach, ihr kommt auf Ideen, sowas würde ich nie machen. Ich muss der Katze meiner Oma immer die Zecken zeihen und sie festhalten, wenn sie mit Zeckenspray eingesprüht wird. Leider hasst sie mich deshalb. Ich bin doch nicht krank.
Ich bin nicht…
Ich kann nicht…
Ich bin nicht gut genug. Ich reiche nicht…

Hungern. Zu viel essen. In letzter Zeit lieber hungern als zu viel essen. Ich will nicht mehr von meinen Eltern wegen meines Gewichts kritisiert werden. Mehr hungern, mehr Sport. Schon 14 Kilo. Über mein Gewicht habe ich Kontrolle.

Stiller Schrei. Einsamkeit, Schlaflosigkeit. Angst. Angst, Angst, Angst, das Monster unter dem Bett. Dunkel draußen. Auu. Geh. Weg. Lass mich. Angst. Dunkel. Weg, weg, weg, will weg. Lass mich. Raus hier. Weg, einen Moment. Au. Selbst schuld. Gut so. Verdient. Besser so. Lass mich. Einsam. Angst. Einrollen. Blut. Blut überall. Wegmachen. Funktionieren. Spiegelbild anlächeln. Gesicht waschen. Pflaster. Stulpen drüber. Noch lebe ich. Was für ein Fehler. Kein Selbstmitleid. Selbst schuld. Verdient. Dumm, dumm, dumm. Aua. Nicht heulen. Lass mich. Will nichts hören. Geht alle weg.

Ich bin hässlich, dumm, unfähig, kriege nichts auf die Reihe, hab es verdient zu bluten, viel zu bluten. Nicht liebenswert. Nicht dünn genug, nicht hübsch genug, nicht klug genug, schlechte Noten, zu viel Druck, kann nicht tun was sie von mir wollen … Anforderungen nicht erfüllen, dumm, unfähig, blöd, nichts wert … Bluten
Aufhören. Aufhören dumm zu sein, aufhören zu essen. Mehr lernen, nicht mehr schlafen, mehr bluten, Wachs drüber. Kontrolle wiedererlangen, Kontrolle behalten. Besser werden. Bessere Tochter. Nicht so ein Looser, nicht so dumm. Liebenswert sein. Bitte hab mich lieb.

Irgendwie ich selbst sein. Bin so kaputt, egal, weiter machen, sei nicht so eine Memme, stell dich nicht so an. Besser machen, mach es diesmal besser, gute Note, bessere Note, perfekte Note, perfekte Tochter sein, einmal geliebt werden, angenommen werden, nicht fortgestoßen sein, will nicht zweitklassig sein, bin zweitklassig, bin dumm, hässlich, gemein, böse, ungeliebt. Dumm, dumm, dumm. Muss besser sein. Muss perfekt sein. Hasse mich selbst, alle hassen mich, kann nicht geliebt werden, bin nicht perfekt. Ich bin schlecht.

Autistisch, krank, empathielos, dumm, krank, verkorkstes Hirn. Irrational, dumm, dumm, dumm. Alles gleich. Alles laut, doof. Ich bin falsch, ich verstehe die Welt nicht, was ist los? Ich bin dumm, ich kann nicht, ich bin dumm, verstehe nicht…
Wut, Wut, Wut. Angst.
Ich ruiniere alles, bin schuld, bin dumm. Ich verdiene es nicht, jemandem wichtig zu sein. Ich muss wahnsinnig sein, durchgeknallt, nicht liebenswert, ich bin falsch hier.

Warum auch nicht selbst verletzen? Isolieren. Niemand merkt es. Keiner stellt Fragen und selbst wenn – Katzenkratzer können passieren. Egal. Nicht wichtig. Bluten. Viel bluten. Bis kein Blut mehr kommt. Bis das Herz nicht mehr kann. Weil es schon längst nicht mehr will. Warum bin ich unfähig, mein Leben auf die Reihe zu kriegen, warum kann ich meine Probleme nicht regeln? Andere sind schlimmer dran. Ich bin so dumm, so unfair den anderen gegenüber. Ich bilde mir die Probleme nur ein, der Schmerz ist real. Dumm. Warum mache ich das? Will ich nicht. Lass mich. Passiert trotzdem. Bin so dumm. Dumme Laune. Ich bin eine dumme Memme. Ich bin unfähig. Ich kann nicht, lass mich. Ich bin nicht so schlimm dran.

Alles gut.
Einfach glücklich sein. Ich bin happy. Mir geht’s bestens.

Bitte lasst euch allen sagen, dass ich nur noch selten schneide. Mir geht es gut.
Und zu euch? Ihr seid großartig. Ich möchte euch alle umarmen. Ihr seid toll. Du bist toll. Danke, dass es dich gibt und du so bist, wie du bist. Ich meine dich. Du musst nicht allein sein. Du musst niemandem etwas vorspielen. Du musst nichts. Du bist genug. DU bist toll. Du bist gut so, wie du bist.


SVV: Gedanken II

Heute kam ein weiterer Erfahrungsbericht, diesmal von @miss_taylorT9. Ich finde es schön, dass wir somit mehrere Perspektiven und Meinungen zum Thema SVV einfangen können.🙂 Meldet euch ruhig weiterhin.❤

Hier nun der Text: 

Ich persönlich habe erst recht spät damit angefangen, mich selbst zu Verletzen. Ungefähr mit Anfang 20. Ich habe schon von jeher mit depressiven Verstimmungen zu kämpfen, oftmals auch mit Suizidgedanken. Die Ursachen liegen bei mir sehr wahrscheinlich an der eigenen Unzufriedenheit, mangelndem Selbstvertrauen und meinem Selbstwertgefühl. Darunter leide ich seit meiner Schulzeit, in der ich zudem Opfer von extremem Mobbing wurde. Hinzu kamen auch Probleme im Privatleben, wie etwa Streit in der Familie, Liebeskummer, Ängste und Sorgen, Schlafstörungen… Zu all dem hatte ich damals auch kaum Freunde. All das staute sich über längere Zeit in einem gewaltigen, innerlichen Druck auf.

Eines Tages griff ich dann zu einem der schärfsten Küchenmesser und schnitt mir in die Haut meines linken Armes. In diesem Moment hatte ich nicht das Gefühl, dass ich etwas falsch machte, nein, es brachte mir wirklich eine kurzzeitige Erleichterung. Den Schmerz nahm ich wahr, aber ich war damals bereit ihn für das andere Gefühl -das der Erleichterung-  in Kauf zu nehmen. So entstand der übliche Teufelskreis auch bei mir; es wurde immer öfter, immer mehr und immer heftiger. Ich schnitt mir immerzu in dieselben Wunden, tiefer und blutiger. Zusätzlich habe ich mich auch selbst geschlagen, meistens waren es sehr heftige Ohrfeigen oder andere Schläge ins Gesicht. Auch habe ich Glasscheiben eingeschlagen um mich an Händen und Armen zu verletzen. Das ging bei mir über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Ich erkannte zum Glück auch von selbst irgendwann, dass es so nicht weitergehen konnte und habe aus eigener Kraft heraus geschafft, damit wieder aufzuhören.

Allerdings ist es mir wichtig zu betonen, dass es richtig ist, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, da jeder anders ist und es große individuelle Unterschiede gibt. Bis heute hatte ich keine Rückfälle mehr. Und was auch mir nochmals sehr am Herzen liegt und enorm wichtig ist: SVV ist kein Betteln nach Aufmerksamkeit ,es ist der harte Kampf mit sich selbst, der sich seinen Weg nach Außen gesucht hat.

Ich würde mir gerade diesbezüglich für uns Betroffene viel mehr Verständnis, Akzeptanz und Toleranz in unserer Gesellschaft wünschen und keine Vorverurteilungen und Diskriminierungen von psychisch Erkrankten. Von Diskriminierungen in jeglicher Form auf Grund meiner Narben habe ich kaum und eher selten direkt erfahren müssen. Auch nicht bei Behörden, Arbeitgebern, etc… Die üblichen, unangenehmen Blicke von anderen im Sommer, wenn man kurze, leichte Kleidung trägt, spürt man aber dennoch ganz genau.
Meine Narben sind inzwischen weitestgehend sehr gut verheilt und verblasst. Aber sie sind und werden immer ein Teil von mir und meinem Leben sein- dazu stehe ich.

#VersteckDichNicht – by @miss_taylorT9

 


SVV: Gedanken (TW)

Ich habe im Anschluss zum letzten Artikel einen Text von @koexistenz bekommen (vielen Dank an dieser Stelle!), der euch mal eine Betroffenen-Sichtweise aufzeigt. Natürlich ist dieser Text subjektiv und kann/wird nicht für alle Betroffenen gelten; man darf aber gern in den Dialog treten und/oder sich zwecks Veröffentlichung an mich wenden – gerne auch anonym.
Ich wiederum hab mich in manchen Szenen wiedererkannt – gerade was Behörden, Beleidigungen und Bevormundungen angeht; vielleicht geht es manchen von euch ähnlich?

Aber lest selbst:

Gedanken zu SVV

Kannst Du Dir vorstellen, im Hochsommer in brütender Hitze einen Pulli zu tragen? In einer Gesellschaft zu leben, in der es nicht gerne gesehen wird, kurze Ärmel zu tragen? Wann immer Du ein Shirt trägst, wird über Dich gelästert, im schlimmsten Fall darfst Du dir dafür sehr verletzende Sprüche anhören. Für viele Betroffene mit selbstverletzendem Verhalten ist das Alltag.
Die Gesellschaft, in der wir leben, grenzt aus, was „anders“ ist.

Wenn man Narben von selbstverletzendem Verhalten hat, dann sind das Kampfnarben. In den meisten Fällen haben Betroffene viel durchgemacht, die Narben zeugen von Kämpfen mit sich selbst, mit dem Alltag, mit dem Leben. Man selbst kann wählen – Narben verstecken oder nicht?
Ich möchte Euch einen kleinen Einblick in die Situationen geben, die Betroffene oft erleben, wenn sie die Narben offen zeigen.

Belehrungen
Wenn es warm ist, verstecke ich meine Narben nicht. Es ist schon öfter vorgekommen, dass Menschen mir lange Vorträge halten. Ich persönlich finde das sehr unangenehm, dennoch fällt es mir sehr schwer, mich diesen Belehrungen zu entziehen. Es ist für mich kein leichtes Thema, solche Gespräche sind immer sehr anstrengend und meist habe ich kaum eine Chance, mir zu überlegen, wie ich mich am schnellsten aus dem Staub machen kann.
Allein die Tatsache, dass ich teilweise von Orten verschwinden muss, an denen ich gerne bin, finde ich sehr schade.
In solchen Gesprächen „darf“ ich mir dann oft anhören, was ich falsch mache. Dass ich mich einfach mal zusammenreissen muss, damit aufhören. Auch fallen Sätze wie „Narben entstellen dich“ oder „So findest du doch keinen Freund“.
Ja, ich habe Narben. Viele. Sie gehören zu mir. Ob Narben entstellen oder nicht, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich persönlich finde sie nicht entstellend, vermutlich auch, weil sie gefühlt schon immer da sind.
Mich stört es, dass ich, wenn ich keinen Pullover trage, automatisch ein Risiko eingehe, mir mehrmals am Tag von Menschen, die es vermutlich nur gut meinen (aber selbst davon keine Ahnung haben), Vorträge darüber anhören zu müssen, was ich anders machen muss. Der krasseste Fall war ein dreieinhalb Stunden langer Vortrag einer sehr aufdringlichen Person.
Ich kann hier nur für mich sprechen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass auch andere Betroffene sich solche Belehrungen anhören dürfen/müssen und lieber darauf verzichten würden.

Der „Ich kenn das“
Manchmal werden in Gesprächen meine Narben zum Thema. Oft kommt es vor, dass ich dann den Satz „Ich kenn das“ höre. Teilweise sind es sinnvolle Sätze, die darauf folgen: „Ich kenn das, meine Schwester macht das seit Jahren. Ich hoffe, es wird irgendwann besser bei dir.“
Meistens kommt aber sowas wie „Ich kenn das, ich hab mich mit 14 auch einmal geritzt, weil mein Freund mit mir Schluss gemacht hat.“
Generell ist es für mich in Ordnung, wenn meine Narben zum Thema werden. Schliesslich kann man sie sehen, es ist verständlich, wenn jemand neugierig ist, Fragen hat. Sätze wie das erste Beispiel finde ich vollkommen in Ordnung, weil die Person in diesem Fall wirklich wusste, was das bedeutet. Das zweite Beispiel höre ich allerdings öfter und gerne höre ich es nicht. Ich verletze mich seit Jahren, die Gründe sind sehr unterschiedlich. Sich mit 14 Jahren einmal verletzt zu haben, weil es einem ganz kurz schlecht ging, ist etwas anderes, als sich seit vielen Jahren so schlimm zu verletzen, dass es oft genäht werden muss oder müsste. Ich wünsche mir oft, dass Menschen lernen, diese beiden Dinge zu unterscheiden, auch wenn der Übergang ziemlich fließend ist. Im Zweifel würde ich mich darüber freuen, auf solche Formulierungen einfach zu verzichten.

Blicke und Lästereien, Beleidigungen, Beschimpfungen
Wenn man meine Narben sehen kann, dann wird gelästert und gestarrt. Das ist allgegenwärtig, ob in der Stadt oder auf dem Land. Das reicht von „im Bus angestarrt werden“ bis hin zu sehr lauten Lästereien Jugendlicher am Nachbartisch in der Pommesbude.
Oft fallen ziemlich harte Worte wie z.B. „Attention-Whore“, manchmal wird man als Emo klassifiziert.
Beleidigungen oder Beschimpfungen fallen auch oft, teilweise sind diese sehr verletzend. Ich frage mich des öfteren, wieso so etwas sein muss, wieso man sich über Menschen mit Narben von SVV lustig machen muss. Ich gehe meistens davon aus, dass diese Menschen einfach keine interessanten Themen zur Unterhaltung haben. Das macht es einfacher, damit umzugehen.

Kinder mit Eltern
Es kommt oft vor, dass Kinder meine Narben sehen. Viele von diesen Kindern haben so etwas noch nie gesehen und fragen sich natürlich, wieso ich so viele Narben habe. Meistens wird sofort ein Elternteil gefragt.
Das unangenehme sind hier nicht die Kinder, sondern die Eltern. Ich kann verstehen, wenn Eltern nicht wollen, dass ihr vielleicht 4 Jahre altes Kind mit so etwas konfrontiert wird – dennoch finde ich es nicht gut, wenn Eltern, die vermutlich wissen, wovon die Narben kommen, mit Lügen reagieren („Hat bestimmt eine böse Katze.“) oder sowas sagen wie „Da guckt man nicht hin“ oder ähnliches.
Wieso kann man nicht einfach so etwas sagen wie „Ich weiss es nicht“? Das finde ich persönlich weniger doof, als das Kind anzulügen und es schnellen Schrittes wegzuziehen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es Betroffene stört, wenn ein Kind die Narben ansieht. Die meisten Kinder sind nun einmal neugierig…

Indiskrete Fragen, unpassende Formulierungen
Nun ja, „Common Sense“ is not so common. Fragen finde ich vollkommen okay, einige Fragen finde ich jedoch zu persönlich. Okay finde ich sowas wie „Darf ich fragen, wieso du so viele Narben hast?“ oder Fragen danach, was man mich fragen darf. Das finde ich bei Neugierde vollkommen okay, zumal ich so die Grenzen selbst stecken darf.
Viel zu persönliche Fragen gibt es auch, insbesondere von Menschen, die mich vielleicht drei Minuten kennen. Fragen wie „Ritzt du dich zusammen mit Emo-Freunden?“ oder „Mit was ritzt du dich?“ gehen meines Erachtens einfach gar nicht, zu den Gründen, wieso ich das nicht okay finde, fallen mir keine Worte ein. Ich finde Fragen aus diesen Kategorien einfach nicht in Ordnung.
In Sachen Formulierungen würde ich mir wünschen, wenn auf negativ belegte Worte wie „Schnitzen, ritzen, schlitzen“ verzichtet würde und stattdessen einfach die neutrale Formulierung „sich selbst verletzen/selbstverletzendes Verhalten“ verwendet würde.

Diskriminierung
Oft verhalten sich Menschen mir gegenüber zuerst neutral, ändern dieses Verhalten jedoch, sobald sie meine Narben sehen.
Zuletzt kam es vor, dass ich beim Sozialamt war, um Wohnhilfe zu beantragen. Zu Beginn war die bearbeitende Person mit mir einer Meinung, im Laufe des Gesprächs zog ich aufgrund der Hitze im Raum den Pullover aus. Kaum sah mein Gegenüber die Narben, wurde aus der Wohnhilfe sofort Eingliederungshilfe, ohne mir eine einzige Frage zu stellen, ohne einen einzigen Arztbrief oder ein Gutachten zu sehen.
Das finde ich nicht nur verletzend, sondern auch diskriminierend. Bei vielen Sozialarbeitern und im Sozialamt angestellten Personen würde ich mir wünschen, wenn sie im Umgang mit psychisch kranken Menschen besser geschult wären, ob es um SVV geht oder nicht. Kaum ist bekannt, dass ich psychisch nicht gesund bin, werde ich kaum mehr gefragt, wenn es um Entscheidungen geht. Im Grunde werde ich kaum eingebunden. Es geht nur noch darum, mich irgendwie für die Gesellschaft passend zu bekommen, darum, die Gesellschaft toleranter zu machen, wird sich eigentlich nie gekümmert.

Selbstverletzendes Verhalten hat viele Formen. Ob man sich nun schlägt, Drogen nimmt oder sich schneidet macht im Grunde kaum einen Unterschied. Schnitte sind jedoch sichtbar. Das sollte eigentlich nicht problematisch sein, ist es aber. Für Menschen, die sich schneiden, weil es so viele Vorurteile gibt. Schon oft habe ich mir gewünscht, ich würde mich auf eine andere Weise verletzen.
Es ist aber auch für diejenigen ein Problem, die sich auf andere Arten verletzen, weil sie oft nicht ernstgenommen werden.
Wenn man sich in einer Art selbst verletzt, die Narben hinterlässt, dann hat man drei Optionen. Option eins, sich in der Wohnung verschanzen. Dass das keine Lösung ist, sollte allen bewusst sein.
Option zwei ist, einen Pullover zu tragen, einen Teil seiner Selbst zu verstecken, im Grunde unehrlich zu sich selbst zu sein.
Die letzte Option ist, seine Narben zu zeigen. Diskriminierung und Beschimpfungen sind allgegenwärtig, wenn man das tut. Wenn man dann auch noch auf Fragen antwortet, kann es sein, dass behauptet wird, man sei stolz darauf.
Irgendetwas muss sich ändern. Ich wünsche mir Inklusion, nicht Integration. Ich möchte nicht in eine Gesellschaft gequetscht werden, die mich nicht akzeptiert, wie ich bin. Ich möchte nicht an sie angepasst werden, nur damit ich weniger „Probleme“ mache. Ausserdem bin ich mehr als nur ein „Fall“. Ich bin ein Mensch wie jeder andere auch und finde es nicht fair, nur als Fall betrachtet zu werden. Ich bin keine Akte.
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die einen akzeptiert und respektiert, ob man Narben hat oder nicht, ob man sich verletzt oder nicht, ob man psychisch gesund ist oder nicht. Eine Gesellschaft, in die man nicht hereinintegriert, eingegliedert werden muss, sondern eine Gesellschaft, in der man gleich viel wert ist wie jeder andere. Eine, in der es egal ist, ob man Narben hat oder nicht.
Und ich finde es schade, dass das offensichtlich zu viel verlangt ist.

By @koexistenz


TW: Selbstverletzendes Verhalten

Wie einige von euch mitbekommen haben (einige vermutlich auch nicht) habe ich neulich unter dem Hashtag #VersteckDichNicht Bilder meiner Narben gepostet, welche zu 98% durch Selbstverletzendes Verhalten entstanden sind. Auch ein paar Tweets hatte ich unter diesem Hashtag (den übrigens @koexistenz ins Leben rief) abgesetzt. Dies hatte das Ziel anderen Betroffenen Mut zu machen. Mut dazu, zu den Narben zu stehen und sie zu akzeptieren. Mut dazu, über die eigene Scham oder Angst hinweg zu sehen und den Wollpulli bei wärmstem Wetter einfach mal im Schrank zu lassen. Vielleicht auch sogar den Mut aufzubringen, den es definitiv benötigt, um sich Hilfe zu suchen oder sich jemandem anzuvertrauen. Die Reichweite und das Feedback zu meinen (und anderen) Tweets hatte ich so nicht erwartet – danke dafür. Mich erreichten einige Fragen auch im Bezug auf andere Personen und den Umgang mit ihnen, ebenso wurde ich auch mit negativen Kommentaren, sowie Vorurteilen konfrontiert – deshalb schreibe ich diesen Blogeintrag. Ich möchte klären, was Selbstverletzendes Verhalten (kurz: SVV) ist, ein paar Vorurteile abbauen und ein paar offene Fragen beantworten.

Was ist SVV?

SVV (Selbstverletzendes Verhalten) beschreibt – trocken gesagt – autoaggressives Verhalten. Während bei der „normalen“ Aggression, die schädigende Verhaltensweise nach außen gerichtet wird, ist die Auto-Aggression gegen die eigene Person gerichtet. Das bedeutet in diesem Kontext, dass sich Betroffene mit und ohne Hilfe von „Werkzeugen“ Verletzungen/Wunden zufügen. Diese sind sehr vielfältig und reichen von blauen Flecken, Verbrennungen, Erfrierungen, ausgerissenen Haaren, Verätzungen, Bisswunden, Quetschungen bis hin zu Stich- und Schnittverletzungen. Letztere sind die bekanntesten und vor allem lange sichtbaren Formen.

Wodurch entsteht dieses Verhalten?

Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich. So unterschiedlich, wie die Betroffenen selbst. Es können Traumata im Spiel sein, Selbsthass, verschiedene Arten von Missbrauch, Substanzen, fehlende „Nestwärme“ und/oder geht mit einer/mehrerer Persönlichkeitsstörung/en einher. Die „Gründe“ oder besser gesagt Auslöser müssen nicht objektiv als „schlimm“ erachtet werden, denn sie fußen auf subjektivem Empfinden und gehen mit dem Krankheitsbild einher. Am häufigsten tritt SVV in der Pubertät auf, kann aber auch bei weit älteren Menschen in Erscheinung treten. Die meisten Betroffenen sind weiblich, aber es gibt auch viele männliche Betroffene – genaue Statistiken existieren aber leider nicht.

Wie geht man mit Betroffenen um?

Wichtig ist, die Person nicht abwertend zu behandeln und dessen Probleme ernst zu nehmen, auch wenn sie subjektiv betrachtet – also dem eigenen Empfinden nach – klein erscheinen mögen. Das Gespräch zu suchen kann helfen, extremes Nachbohren kann aber in Verschlossenheit enden. Wichtig ist, für den Betroffenen da zu sein, ihm zu zuhören und für ihn einen sicheren Hafen zu bilden, ihm gut zu zu reden – auch oder gerade wenn dieser sich selbst verletzt hat – auch wenn es einem gar nicht gefällt. Man kann durchaus sagen, dass es einem weh tut und ehrlich sein, aber Vorwürfe und Schuldbekundungen bringen niemandem was. Man kann versuchen mit Betroffenen die Auslöser für die Selbstverletzung/en zu finden oder bei der Wundversorgung helfen, alles andere sollte man allerdings einem Therapeuten überlassen. Wichtig: Freunde/Familie sind nicht dazu geeignet therapeutisch zu wirken und je eher eine Therapie begonnen wird, umso besser wirkt sie in der Regel. Rückfälle wiederum bedeuten nicht, dass die Therapie keinen Erfolg hatte und sollte ebenso nicht als Schuldzuweisung missbraucht werden.

Leute, die offensichtliche Narben haben machen das doch nur aus Aufmerksamkeit? 

Dem ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht so. Die meisten Leute, die ihre Narben offen tragen, haben eher mit dem Thema abgeschlossen und/oder sich mit jenen arrangiert. Dass man diese auf Aufmerksamkeitsgründen „zeigt“ ist relativ unwahrscheinlich. Häufiger ist sogar, dass Menschen diese vor den Augen anderer verstecken, ob fremd oder nicht, spielt dabei meisten keine Rolle. Wunden die offensichtlich getragen werden, weisen eher darauf hin, dass ein Mensch Hilfe benötigt und diese aus seinem Umfeld – als Beispiel – nicht bekommt. Merke: selbst wenn ein Mensch – möglicherweise – geradezu nach Aufmerksamkeit schreit, hat dies in der Regel einen Grund und dieser sollte herausgefunden und vor allem behandelt werden, auch wenn das für die ein oder andere Person etwas negatives oder gar verachtenswertes sein sollte.

Was tun, wenn mein (oder ein anderes) Kind eventuell an SVV leidet?

Darauf ansprechen kann durchaus helfen. Präventiv zu erklären, was SVV ist, Ursachenforschung zu betreiben und zu verbildlichen, worin und wie SVV enden und aussehen kann, sind wichtige Maßnahmen. Ein Gespräch mit den Eltern des Kindes kann ebenfalls wichtig sein, muss aber von Fall zu Fall unterschieden werden und sollte vor allem geschehen, wenn man sich der Umstände sicher ist. Alles andere sollte aber nach wie vor einem Therapeuten überlassen werden. Man kann dem Kind zB. anbieten, es zu begleiten, oder diese Themen zu besprechen.

Wer sich ritzt, ist Borderliner?

Nein, nicht zwingend. SVV ist eher ein Symptom als ein Krankheitsbild an sich. Es stimmt, dass viele Hausärzte (oder andere Ärzte, teils sogar Psychologen) einem gleich den Borderliner-Stempel aufdrücken, weil dies tatsächlich recht häufig zutrifft – dennoch ist es aber völliger Quatsch. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung hat sehr viele Facetten und sehr viele Punkte, an denen man sie festmachen kann: diese reicht von zwischenmenschlichen Beziehungen bis hin zu dissoziativen Störungen etc. Manche Ärzte machen es sich schlicht zu einfach. Auch ich bin immer wieder auf dieses Vorurteil gestoßen, weil ich zwei oder drei Kriterien erfüllte, aber mit dem Krankheitsbild sonst nichts gemein habe. SVV begleitet diverse Persönlichkeitsstörungen, Ess-Störungen sowie auch Depressionen. Bei SVV, welches mit Borderline einhergeht, würde ich mich persönlich an einen Facharzt/-therapeuten wenden, da ich selbst keine Erfahrungen damit habe und das Verhalten gegenüber Betroffenen da – soweit ich weiß – doch noch etwas differenzierter betrachtet werden muss.

Ist SVV gefährlich?

In der Regel haben Menschen, die sich selbst verletzen, keinerlei Tötungsabsicht. Eher noch kann man sagen, dass Selbstverletzendes Verhalten eine Art Schutzmechanismus ist, mit dem sich Betroffene über Stress, innere Anspannung, innerlichen Schmerz und zum Beispiel ständige Angst hinweg helfen. Es ist eher ein Ventil für Menschen, die das Gefühl haben, innerlich zu platzen. Ein Ventil für jene, welche sich nicht erlauben, sich anderweitig Luft zu machen und für manche Menschen eine Art Selbstbestrafung. SVV ist insofern gefährlich, dass ein Gewöhnungseffekt eintritt, welcher einen dazu veranlasst, härtere Maßnahmen zu ergreifen: tiefere Schnitte, schlimmere oder längere Verletzungen, Missbrauch von Substanzen. Des Weiteren kann ständiger Blutverlust auch Folgen für den Organismus haben, schlechte Wunderversorgung auf den Körper einwirken oder aber Suizidalität nicht weiter „aufgeschoben“ werden.

Warum machst du das / warum hast du das gemacht?

Ich für meinen Teil habe mich angefangen zu schneiden, als ich 14 war. Das hatte damals weniger damit zu tun, dass ich mitbekommen habe, dass andere dies tun/taten. Es fing mit kleineren Verletzungen, wie Kratzern, Verbrennungen, kleineren Schnitten und änderte Jahre später in tiefen oder tieferen Schnitten. Keine Ahnung, ob es eine Art Veranlagung war oder wie das bei jüngeren Menschen auftritt, die dieses „Phänomen“ nicht kennen – ich kann da auch nur für mich sprechen – aber ich hatte lange Zeit das Gefühl, dass Selbstverletzung mir half, entspannter zu sein und mich besser zu fühlen. Leider entwickelt sich da auch schnell ein Teufelskreis: der Schmerz darüber, dass man nicht ohne auskam, oder das Gefühl zu versagen mündete irgendwann wieder in Selbstverletzung und entsprach dennoch nicht meinen Ansprüchen. Manche Verletzungen, auch wenn ich sie bei der Verletzung selbst kaum/nicht spürte, taten tagelang weh und gaben mir eine Art der Befriedigung. Manche Verletzungen später waren teils nur noch mit Schmerzmitteln auszuhalten und gaben mir dennoch sehr viel von meinen Gefühlen zurück. Jemand, der während Depressionen (als Beispiel) gar nichts fühlt, fühlt sich in dieser Phase relativ lebendig.

Ich kann da auch nur für mich sprechen, hab allerdings auch nichts dagegen Erfahrungsberichte anderer „Svv’ler“ zu veröffentlichen. Meldet euch.

 

 


„Tue was du liebst“

Wähle einen Beruf den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten. – Konfuzius

 

Praktisch jeder Mensch kennt diesen Spruch und jeder kennt die Geschichten von Menschen, die in ihren Jobs die Erfüllung finden, weil sie ihrem Herzen folgen und ihre Leidenschaften im Beruf ausleben. Man erzählt sich von Menschen in gut bezahlten Jobs, welche sich mitten im Leben plötzlich dafür entscheiden, etwas zu machen, was weniger angesehen und weniger gut bezahlt ist. Sie sind glücklich und der Weg ist denkbar einfach. Sie tun es ja einfach. Wären diese Geschichten umgekehrt so inspirierend? Selten. Noch seltener werden sie erzählt. Schon gar nicht von Motivatoren, Personalern und Menschen, die ihr Geld mit ähnlichen Tätigkeiten verdienen.

Warum?
Weil es sich selten realisieren lässt. Ein großer Teil der Menschen arbeitet in Berufen, die nicht ihr Traumjob sind, haben Familie, Miete zu zahlen oder können sich einen kompletten Umbruch und Lohnverzicht schlicht nicht leisten. Es muss weniger mit Hierarchie, Referenzen und Ausbildung zu tun haben. Die Risiken sind außerdem zahlreich. Was, wenn man doch nichts findet? Was, wenn das Geld zu knapp wird? Was, wenn ich eigentlich eine andere Zeitplanung und Vorstellung meines Lebens habe? Was, wenn ich zwischen all dem zum Beispiel Kinder möchte? Was, wenn ich schon über 50 bin und auf dem Markt schon geringere Chancen habe?

Nah dran ist perfekt

Diese Geschichten und Vorträge sind schön anzuhören und können dem Ein oder Anderen sicherlich auch klarmachen, was ihm fehlt – aber sie machen oft unglücklich. Wenn Menschen beschließen alles hinter sich zu lassen und eine Bar aufzumachen, ist das toll. Wenn sich jemand entschließt, nun doch etwas völlig anderes zu machen – ebenso! Für andere ist es eine Messlatte an der sie scheitern. Ein Job sollte Spaß machen, aber kein Job der Welt tut dies jeden Tag, zu jeder Zeit. Da spielt nicht nur das, was man kann und das was man machen will eine Rolle, sondern eben auch alles andere. Noch weniger Spaß macht ein Job, wenn man sich fragt, ob er nicht eigentlich immer Spaß machen sollte und wo man bei seiner Berufswahl falsch abgebogen ist. Oder gar wenn man das Gefühl hat, sich nicht mit weniger zufrieden geben zu dürfen, als das Gefühl, der Job sei makellos und perfekt. Was spricht gegen „nah dran“ und hier und da einen Kompromiss oder einen Ausgleich? Wenn wir statt dieser Geschichten vielleicht auch ein bisschen mehr der Wahrheit erzählten, nämlich, dass Arbeit – egal welche – letztendlich nur ein Austausch von Zeit gegen Geld ist, gewännen wir wohl mehr.

Es ist nicht schlimmes daran.

 


Kundentypen…

… von denen niemand dachte, dass es sie wirklich gibt. Wie schon mal gesagt, hab ich einige Jahre Erfahrung in dem Bereich und bin auf einige Leute gestoßen, von denen ich zuvor auch dachte, dass sie als Einzelexemplare so manchen Verkäufer erschrecken. Manche von ihnen gibt’s aber häufiger, als man denkt.

  • Der „Ich-kotz-dir-ins-Café-und-geh-dann-unbemerkt“-Kunde
  • Der „Mir-fällt-zu-allen-Waren-ein-perverser-Witz-ein“-Kunde
  • Der „Grundlos-Rumbrüll“-Kunde
  • Der „Ich-klau-bei-jedem-Besuch-eine-Tasse“-Kunde
  • Der „Ich-esse-den-halben-Kuchen-und-reklamiere-ihn-dann“-Kunde
  • Der „Ich-prügel-mich-um-meinen-Stammplatz“-Kunde
  • Der „Ich-möchte-dass-man-mir-aus-meiner-Zeitung-vorliest“-Kunde
  • Der „ICHBINABERSTAMMGAST!!!“-Kunde, der nie zuvor den Laden betrat
  • Der „Mir-gefällt-die-Tasse-nicht“-Kunde
  • Der „Ich-behaupte-dass-die-reklamierte-Ware-aus-diesem-Laden-ist-auch-wenns-nicht-so-ist“-Kunde
  • Der „Ich-schreie-den-Laden-zusammen-weil-sie-keine-Kundentoilette-haben“-Kunde
  • Der „Ich-krümel-alles-um-den-Tisch-herum-voll-nur-nicht-den-Teller“-Kunde
  • Der „Der-Kaffee-war-früher-billiger“-Kunde
  • Der „Ich-frag-die-Verkäuferin-nach-ihrer-Intimbehaarung“-Kunde
  • Der „Ich-war-heute-auf-dem-Friedhof“-Kunde
  • Der „Ich-droh-Ihnen-mit-einer-Anzeige“-Kunde
  • Der „Hier-ein-Cent-Trinkgeld“-Kunde
  • Der „Ich-lasse-jedes-Mal-einen-Löffel-da“-Kunde
  • Der „Darf-ich-Pommes-essen-wenn-ich-einen-Kaffee-kaufe?“-Kunde
  • Der „Ich-bleib-5-Stunden-mit-einem-Kaffee-im-Laden-und-guck-dir-zu“-Kunde
  • Der „Ich-steh-20-Minuten-vor-Öffnung-vor-der-Scheibe-und-kauf-dann-nichts“-Kunde
  • Der „Ich-bin-besoffen-und-leg-mich-ohne-Hose-ins-Café“-Kunde
  • Der „Ich-trink-mit-meinen-Freunden-Schnaps-und-kann-nicht-mehr-aufstehen“-Kunde
  • Der „Ich-uriniere-wortlos-auf-den-Stuhl“-Kunde
  • Der „Ich-kenne-Sie-nicht-obwohl-Sie-schon-4-Jahre-hier-arbeiten“-Kunde
  • Der „Woher-wissen-Sie-das-alles?“-Kunde
  • Der „Ich-schreie-rum-weil-meine-Gutscheine-ein-Jahr-abgelaufen-sind“-Kunde
  • Der „Darf-ich-Sie-fotografieren?“-Kunde
  • Der „Ich-gehe-einfach-in-den-Mitarbeiterbereich“-Kunde
  • Der „Mir-fallen-3-Flaschen-Nagellack-runter“-Kunde
  • Der „Ich-kenne-Sie-irgendwoher“-Kunde
  • Der „Demenzkranke-den-man-immer-daran-erinnern-muss-was-er-krankheitsbedingt-bestellen-darf“-Kunde
  • Der „Ich-schlafe-kurz-vor-Feierabend-ein-und-man-weiß-nicht-ob-ich-tot-bin“-Kunde
  • Der „Ich-bestelle-etwas-zahle-es-an-und-komme-nie-wieder“-Kunde
  • Der „Ich-komme-jeden-Tag-und-beschwere-mich-dass-es-zu-teuer-ist“-Kunde
  • Der „Ich-hab-immer-meine-Hose-offen“-Kunde
  • Der „Mafiaboss-der-versucht-dich-über-den-Tisch-zu-ziehen“-Kunde
  • Der „Ich-wechsel-so-lange-Geld-bis-ich-dich-verwirrt-habe“-Kunde
  • Der „Ich-lasse-immer-etwas-liegen“-Kunde
  • Der „Ich-zahle-alles-in-zwei-Centstücken“-Kunden
  • Der „Ich-find-das-alles-eigentlich-doof-aber-hab-Hunger“-Kunde
  • Der „Haben-Sie-auch-was-ohne-Zucker?“-Kunde
  • Der „Können-Sie-mal-eben-auf-meine-Kinder-aufpassen?“-Kunde
  • Der „Warum-haben-Sie-keinen-Teppich?“-Kunde
  • Der „Ist-das-Ihre-Naturhaarfarbe?“-Kunde
  • Der „Ich-mache-Diät-aber-hätte-gern-was-kompatibles“-Kunde
  • Der „Ich-erzähle-dir-von-meinen-missratenen-Kindern“-Kunde
  • Der „Egal-wie-ich-will-mich-unterhalten“-Kunde
  • Der „Ich-mach-eigentlich-nur-Werbung-für-meinen-Sexshop“-Kunde
  • Der „Ich-führe-jedes-Bewerbungsgespräch-bei-Ihnen“-Kunde
  • Der „Ich-hätte-doch-lieber-was-anderes“-Kunde
  • Der „Sie-machten-6-Tassen-ehe-ich-sage-dass-die-to-go-sind“-Kunde
  • Der „Ich-trinke-Cappuccino-fremder-Leute“-Kunde
  • Der „Ich-beleidige-Sie-weil-Sie-keine-laktosefreie-Milch-haben“-Kunde
  • Der „Ich-gehe-davon-aus-dass-jeder-meine-Teesorte-mag-auch-wenn-sie-keiner-kennt“-Kunde
  • Der „Sie-müssen-extra-sagen-dass-Marzipan-drin-ist-auch-wenn-es-auf-dem-Schild-steht“-Kunde
  • Der „Ich-schmecke-was-raus-was-ich-nicht-mag-auch-wenn-es-nicht-drin-ist“-Kunde
  • Der „Sie-müssen-den-Henkel-nach-links-stellen“-Kunde
  • Der „Machen-Sie-einfach-irgendwas“-Kunde