Geltungsgesellschaft

Man stellt im Laufe seines Lebens immer mal wieder fest, dass viele Menschen sich durch ihren Beruf, ihren Style und ihr Bankkonto definieren. Mir ist nach sehr vielen Jahren immer noch unverständlich, warum.
Das Streben nach mehr, das gut gefüllte Bankkonto und die Markenklamotten waren und sind für viele Menschen ein Sinnbild für Erfolg. Sie zeugen von vermeintlichem Wohlstand, von „es geht mir gut“ und manches Mal schreien sie je nach Art und Weise förmlich: „Ich bin besser, als ihr.“ … Aber warum ist man automatisch besser? Weil man gut verdient? Weil man eine unglaublich lange, englische Berufsbezeichnung hat? Weil man auferlegt bekommt, seinen Arbeitsplatz nur in Anzug und dergleichen zu betreten? Warum eigentlich?

Ich habe vor einigen Jahren meinen Realschulabschluss gemacht. Ich hab aus diversen Gründen sehr oft gefehlt und dennoch meine guten Noten geschrieben – logisch, dass es mündliche Abzüge gab und ich irgendwo im 3er-Bereich landete. Damals wurde ich sehr häufig gefragt, wieso ich nicht noch mein Abi machte. Die Antwort ist relativ einfach: ich war einfach nur noch froh, die Schule nach vielerlei Tortur beenden zu können. Es gab Tage, da hatte ich Angst davor und es gab Tage, an denen ich nicht hingehen konnte. Das ändert allerdings nichts daran, dass ich mir nicht den Arsch dafür aufriss, das Ganze einigermaßen vernünftig zu beenden. Für die Menschen allerdings schon – ich hab mir vielfach angehört, wie blöd ich sei, nicht mehr aus mir herauszuholen und „etwas zu schaffen“ – ich sei ja nicht dumm. Man vermittelte mir, ich habe eigentlich gar nicht so viel erreicht. Ich hingegen war froh und dankbar, dass ich’s trotzdem irgendwie schaffte – aber ein bitterer Beigeschmack blieb, weil ich damals noch gar nicht wusste, dass ich an Depressionen erkrankt war. Meine Mitmenschen auch nicht, deshalb galt ich allgemein einfach nur als „faul“ und das tat weh.

Kurz darauf zog ich von Zuhause aus, mietete mit meinem damaligen Freund zusammen eine Wohnung (die sehr schön war) und ging erstmal arbeiten. Eine Ausbildung hab ich mir damals nicht erlauben können, da ich eine ganze Zeit lang Alleinverdienerin war. Mein damaliger Freund wartete auf den ihm versprochenen Ausbildungsplatz, dieser wurde ihm im letzten Moment allerdings verwehrt – die Firma wurde aufgelöst. Es gab keinen Platz für „ich möchte“, es ging um Prioritäten und diese heißt manchmal einfach nur „Überleben“. Ich habe drei Jahre in diesem Betrieb gearbeitet. Nach dem ersten Jahr fand mein Ex eine Ausbildung und das Ganze wurde etwas leichter, da auch ich beruflich ein wenig aufstieg. Dazwischen immer die gleichen Fragen: „Hast du nun eine Ausbildung?“ , „Wann willst du das denn noch angehen?“ und „Wie soll aus dir noch was werden?“… Irgendwann fing ich an, mich unter Druck zu setzen und mich nicht mehr auf Traumberufe zu bewerben, sondern auf alles, was da war – auch in dem Betrieb, indem ich eh schon arbeitete, obwohl ich es immer nur als Übergangslösung angesehen hatte. Ich wollte nicht mehr mir gerecht werden, sondern anderen – der ewige Druck kratzte einfach an den Nerven.
Ich wusste selbst nicht einmal mehr, was ich eigentlich wollte. Mein Betrieb lud mich zum Bewerbungsgespräch und das Ergebnis dessen war, dass ich Probearbeiten sollte – weil man ja nach 3 Jahren Betriebszugehörigkeite nicht wisse, wie ich eigentlich arbeite. Ich empfand es als lächerlich, aber ließ mich darauf ein. Das Arbeitsamt versuchte mir Ausbildungen zu vermitteln, aber auch dort war der Spott so manches Mal sehr groß – die Vorwürfe klangen ähnlich, wie oben bereits geschrieben. Man sprach von meinem alternativen Klamottenstil und darüber, dass ich mich anpassen müsse und überhaupt seien meine Noten ja nun auch eh nicht so vorzeigbar.  Alles in Allem war das ewige Treiben kein Spaß – aber immer wieder hörte ich, ich hätte lediglich keinen Bock, etwas zu machen. Eigentlich machte ich ja was, das schien insgesamt aber nicht der Worte wert und irgendwann schien auch ich mir nichts mehr wert. Meine Beziehung ging dann auch den Bach runter, zuletzt mit sehr viel Gewalt und mein Betrieb beschloss, dass sie zu viele Auszubildenden hatte. Meine Lösung? WEG.

Damals stand ich auf dem Gleis in Kassel und wusste nicht, ob ich in den Zug steigen, oder vor den Zug springen sollte. Da wurde mir auch erst so richtig bewusst, dass irgendwas mit mir nicht ganz stimmte. Nach etwa 4 Jahren sah ich erst, was psychisch bei mir schief lief, abseits dessen, was ich in diesem Artikel thematisieren wollte (dazu ein anderes Mal mehr).

Ich zog nach Braunschweig, wohnte übergangsweise bei einer damaligen Freundin (auch wenn diese sich heute nicht mehr so bezeichnet und mir sehr viele Steine in den Weg legte, bin ich für diese Möglichkeit dankbar) und fand innerhalb von drei Monaten eine Ausbildung. Oh Wunder, dachte ich. Ich war echt happy. Blöderweise bekam es das Amt damals nicht geschissen, meinen Kram zu bearbeiten und das Kindergeld blieb ebenso aus. Natürlich war das meine Schuld – hieß es.
Eigentlich war es das nicht – aber die Begründung ist leicht. Ich hatte 70Euro im Monat zum Leben. Diese 70 Euro teilte ich mir mit einem Kater, welchen ich im schlechtesten Zustand zu meinem Kater machte – er war zuvor sehr schlecht behandelt worden. Ich musste eine Notwohnung finden, weil besagte Freundin mich rauswarf, als klar wurde, dass ich ihre Wohnung nicht übernehmen wollte und konnte (3 Zimmer!) und somit ihrem verfrühten Auszug im Weg stand. Den Kater nahm ich damals mit. Wie dem auch sei – die Umstände waren widrig und ich hatte echt zu Kämpfen. Das erste halbe Jahr überstand ich (mit 20kg weniger :D) und dann kam der Einbruch. Schlafstörungen, PTBS-Symptome, starke Depressionen. Ich kam in die Klinik – beinahe zu spät – und blieb dort ein halbes Jahr. Mein Arbeitgeber reagierte gehässig und auch von anderen Seiten zog dies Kontaktabbrüche und Sprüche wie: „Wenn du Urlaub gebraucht hättest, hättest du dir welchen nehmen sollen.“ nach sich. Ich hatte das Gefühl, wieder bei 0 anzufangen.
Dennoch ging ich in meinen Betrieb zurück, fuhr meine 3-4 Stunden am Tag Bus, hatte die nächste beschissene Beziehung am Hacken, welche ich nach etwas über einem Jahr beendete und riss dennoch meine 50 Stunden. Gegen Ende der Ausbildung wurde ich Filialleiterin und die 12-Stunden-Tage auf Grund Personalmangels häufiger. Dennoch: ich habe sie mit einem Schnitt von 1,8 beendet. Ich habe „etwas“ geleistet – für mich selbst.

Leider und deshalb komme ich überhaupt auf dieses Thema, arbeite ich in einem Beruf, der sehr oft mit Vorurteilen behaftet ist. Es fängt bei „Musst ja nur hinterm Tresen stehen“ an und hört bei „Das ist ein Dummenberuf“ auf. Dem ist nicht so, aber auch hier an anderer Stelle mehr. Was ich mich einfach frage ist: warum verurteilen bzw. beurteilen wir Menschen anhand dessen, was er gelernt und gemacht hat? Warum daran, was er trägt, was er für ein Auto fährt, wie lange er für seinen Weg gebraucht hat? An seinen Noten? Was sagen die denn aus? Im Grunde gar nichts.

Ich studiere jetzt. Ich bin über einen Umweg dorthin gekommen, hab Spaß an dem gefunden, was ich tue und mache dies gut. Was genau ist daran falsch?

Mein Tipp: Nur weil du einen Anzug trägst, bist du nicht zwingend ein besserer Mensch. Geld und Status ebenso wenig.  Sprich mit den Menschen, hör die ihre Geschichte an, statt sie anzusehen und sie zu beurteilen. Manche Menschen haben einen elendig langen Weg hinter sich.

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2 responses to “Geltungsgesellschaft

  • Grump B. (@Pixaster)

    Moin! Auch wenn du hier grade persönlich eher deinen Weg thematisierst, aber dennoch mit ’ner ganzen Ecke Gesellschaftskritik dabei bist, hätt‘ ich hier zwei evtl recht interessante Buchempfehlungen für dich.

    Zum einen von Zygmunt Baumann – Flüchtige Moderne, beschäftigt sich eher analytisch mit unserer Gesellschaft, fand ich ganz interessant um die Logik bestimmter Dynamiken nachvollziehen zu können. Und zum anderen Gabriele Winker mit „Care Revolution – Schritte in eine solidarische Gesellschaft“ beschäftigt sich vor allem mit Reproduktionsarbeit (also Pflege, Erziehung, etc) und wie sich auf Grundlage dessen Schritte in eine konkrete Utopie einer neuen Gesellschaftsform (abseits vom Kapitalismus) ableiten lassen.Letzteres ist zwar politisch sehr, sehr links, was einem nicht zwingen gefallen muss – aber sehr erfrischend und interessante Ideen.

    Ich wünsch dir noch einen schönen Tag^^

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