Psychiatrie – Geschlossene Teil 1

Neulich fragte mich jemand, ob ich nicht einen Artikel über meinen Klinikaufenthalt 2012 posten wolle, damit auch mehr Menschen sich etwas darunter vorstellen könnten und um ihnen eventuell die Angst zu nehmen. Da ich das sowieso langsam alles mal thematisieren wollte, gar kein Problem. Die Blogposts werden in mehrere Teile unterteilt – der Übersicht halber, da ich drei Stationen über die 6 Monate verteilt besucht habe und damit sie nicht allzu lang werden. Natürlich mag es für einige etwas befremdlich sein, da ich mitunter über sehr ungewöhnliche Situationen schreibe, aber da ich mich irgendwann mal in einem Selbsthilfeforum anmeldete und es später ein paar Jahre mitbetreute, war ich einiges gewohnt. Abgesehen davon: was ist schon normal?

Here we go:

Alles fing damit an, dass ich gegen 23 Uhr in einer psychiatrischen Aufnahme in Braunschweig saß, meinen Gerichtbeschluss schon aufgedrückt bekam (ja, sowas geht auch zu unchristlichen Uhrzeiten)  und erfuhr, dass man in Braunschweig nicht für mich zuständig sei und deshalb einen RTW bestellte. Dieser RTW sollte an irgendeiner Chirurgie nochmal Halt machen, um diverse Verletzungen zu versorgen.
So saß ich kurz darauf im RTW, mittlerweile eine Tavor intus, damit ich mich nicht noch mehr aufregen konnte. Die Menschen, die mit mir dort saßen schwiegen und ich schwieg genauso – was hätte man auch sagen sollen? Ich überlegte, ob ich mich bei ihnen entschuldigen oder irgendwie Smalltalk anfangen sollte, entschied mich aber dagegen. An der Scheibe des RTW prangte von Außen ein Wolf (ich nehme mal an, dass es einer aus Wolfsburg war) und ich fixierte mich darauf, durch die getönten Scheiben zu sehen und herauszufinden, wo wir uns gerade befanden. Etwa 20 Minuten später hielt der Wagen und ich wurde gebeten auszusteigen. Wir gingen auf ein recht unscheinbares Gebäude zu, aber ich fand sehr schnell heraus, dass es die Chirurgie war, welche gerade Notdienst hatte. Wir gingen also zum Empfang, meine Begleiter meldeten mich an und der Mann selbst, der die Sache aufnahm, war überaus gereizt, weil man mich – da Weiterfahrt – dazwischen schieben musste. Ich konnte mir das Gemotze darüber anhören, dass eh viel zu tun sei und dass die Kliniken immer nur stressten. Meine Begleiter sahen mich entschuldigend an, aber ich sagte nichts dazu – ich konnte es irgendwo verstehen. Kurz darauf wurden meine Wunden versorgt, mir eine Tetanusspritze in den Arm gerammt und ich bekam noch ein kurzes: „Immer diese Borderliner….“ mit auf den Weg. Natürlich war ich keiner, das wusste sogar ich zu dem Zeitpunkt, aber diese Erklärung sparte ich mir. Also zurück in den Wagen und ab dafür. Die Fahrt war recht lang – oder sie kam mir so vor – aber nach circa 40 Minuten erreichten wir sodann das AWO Psychiatriezentrum Königslutter.

Ein Blick aus dem Fenster

Ein Blick aus dem gesicherten Fenster

Wir parkten direkt vorm Eingang, sagten kurz am Empfang Bescheid und stiegen in einen Aufzug. Im dritten Stock stiegen wir wieder aus: der Flur war komplett dunkel – es war inzwischen auch halb 1, wie ich erfuhr. Wir gingen nachdem wir geklingelt hatten durch eine ziemlich große Metalltür, meine Begleiter übergaben meine Papiere und verschwanden. Ich wurde in das halboffene Schwesternzimmer geführt und angehalten, dort zu warten. Nach ein paar Minuten tauchte ein Arzt auf, den man von einer anderen Station zitieren musste. Just in dem Moment hielt ich es für einen schlechten Witz: er hatte sehr sehr lange, recht ungepflegte Haare, ging in recht gebückter Haltung und erinnerte mich allgemein an alles, aber nicht an einen Arzt. Dieser stellte sich mir vor, setzte sich an den Tisch und sah mich eine Weile an. Ich wusste nicht, was ich hätte sagen sollen, für mich war diese Situation drei Mal so fremd, wie für ihn, dachte ich. Nach einer Weile brach er das Schweigen und fragte mich, weshalb ich hier sei. Da mich das „Ich weiß von gar nichts“-Getue ankotzte, fragte ich ihn, ob er das nicht in dem Brief lesen möge, den man mitgeschickt hatte. Ich war einfach nur müde und wollte dieses Prozedere möglichst schnell abhaken – immerhin hatte ich mit dem Mann, der mir den Beschluss einbrachte, schon reden müssen. Nachdem es dann ein recht kurzes Frage-Antwort-Spiel wurde (er hatte eigentlich genauso wenig Lust wie ich), ich ein paar Fragen strikt ablehnte und zum zweiten Mal diesen Abend meine Klamotten ausziehen musste, verließ er den Raum und wünschte eine gute Nacht.  Gleich darauf kam eine Schwester hereingeschwebt, plapperte mir grob die Regeln vor, nahm mir einen Großteil meiner Sachen ab (Schnürsenkel, Handy, Mp3Player, Schal, Gürtel, Stifte – beinahe fast alles) nachdem ich diese beschriftet hatte und fragte mich, ob ich heute Nacht Scheiße baute. Ich verneinte das und bekam ein: „Gut, dann musst Du nicht auf dem Flur schlafen“ zur Antwort. Stattdessen gab man mir, um Schlafen zu können (da ich angab, starke Probleme damit zu haben) eine Ximovan und noch eine Tavor und zeigte mir das Zimmer, in dem ich die nächste Zeit untergebracht werden sollte. Meine „Mitinsassen“ schliefen bereits und mein Bett war nur so quer ins Zimmer geschoben, da die Station schon arg überfüllt war. Ich bekam eine Wasserflasche, krabbelte irgendwie hinein und starrte eine ganze Weile auf die Tür (lag genau in der Richtung), welche schwach beleuchtet war. Kurz darauf hatte ich die ersten, ziemlich heftigen Halluzinationen meines Lebens: die Türklinke bewegte sich und ich hatte meine Wasserflasche auf mein Bettzeug verschüttet (lustigerweise war diese am Morgen ungeöffnet).

525521_10200770927018499_1769596418_n

Um 5 Uhr wurde ich wach – erstmal nichtwissend, wo ich mich eigentlich befand. Ich hörte die ganze Zeit nur eine dumpfe, schimpfende Stimme, welche, wie ich nach ein paar Momenten herausfand, aus dem Bad kam. Meine andere Zimmergenossin war anscheinend auch wach geworden und beruhigte mich: „Das ist nur Sabine. Das passiert ab und zu.“ Die Tonlage wurde sehr scharf mit der Zeit und endete in einem sehr lauten Geschluchze. Das ist also Sabine. Nungut. Ich schälte mich aus dem Bett, da Schlafen nun eh keine Option mehr war und verließ den Raum. Links des Ganges sah ich ein paar Zimmer und den Speiseraum, welcher völlig verglast war. Mein erster Gedanke: „Wie im Zoo.“. Ich stellte fest, dass man auf der Station im Kreis gehen konnte – keine weiteren Verzweigungen. Zimmer, Zimmer, Zimmer, Speiseraum, Zimmer, Zimmer, Zimmer, links der Fernsehbereich. Der Fernsehbereich erinnerte eigentlich eher an ein Wartezimmer. Ein paar Pflanzen, ein paar Stühle, zwei Sessel, Zeitschriften und eine lange Fensterfront. Dann fand ich das Raucherzimmer – natürlich wieder verglast – mit ein paar Stühlen und einem Tisch darin. Dann wieder Zimmer, Zimmer, Zimmer, Bad, Schwesternbereich (davor gab es eine Art hölzerne Telefonzelle) und dann stand ich wieder vor meinem Zimmer. In der Mitte war nochmal eine halboffene Kochnische, aber die benutzte vermutlich nie jemand. Die Schubladen waren alle abgeschlossen, die Hängeschränke ebenfalls. Nur auf der Ablage standen ein paar Plastikflaschen Wasser. An den Wänden prangten verschiedene Landschaftsmalereien und Bilder, die eine möglichst natürliche Atmosphäre schaffen sollten, aber ich empfand es als so gewollt, dass es mir eher unnatürlich erschien. Ich ging zurück ins Zimmer, holte die Zigaretten, welche man mir großzügigerweise gelassen hatte, um eine zu Rauchen. Die erste seit sehr vielen Stunden. Meine Zimmergenossin schloss sich mir an – „Sabine“ lag wieder im Bett. Nachdem wir unser „erstes Frühstück“ erledigt und die ersten Beschnupperungen hinter uns hatten, wartete das zweite. Der verglaste Raum wurde aufgeschlossen, auf den Tischen standen unsere Tabletts. Während ich meines eine Weile suchte, fiel mir keine Ähnlichkeit zu einem Zoo auf – es erinnerte nun mehr an ein Gefängnis. Ich saß an einem Tisch mit ein paar Männern – die Pfleger hatten das so festgelegt und starrte mein Brot an. Hunger hatte ich nämlich so gar keinen. Zwischendurch hörte man meine Zimmergenossin ins Essen Schluchzen – die Stimme kannte ich bereits. Ein anderer versuchte mit jemandem seine Wurst zu tauschen, als dieser verneinte, flippte er aus und warf seinen Stuhl um. Auf den ersten Blick stellte ich fest, dass die Geschlossene eher eine Art Auffangbecken war. Hier saßen aggressive Menschen, sehr alte Menschen (teilweise extrem demente), sehr junge Menschen, sehr auffällige und auch sehr unauffällige. Das Personal hielt sich die komplette Zeit zurück und gesprochen wurde ansonsten auch nicht sonderlich viel. Als ich feststellte, dass die Leute, welche aufgegessen hatten, ihr Tabletts nach draußen brachten, tat ich es ihnen nach. Ich wusste überhaupt nicht, wie der Laden läuft – es hatte mir exakt niemand erklärt. Danach holten sie sich ihre Medikamente ab. Ich wollte an der Schwester mit den Miniaturwasserbechern vorbeigehen, da ich nichts erwartete, aber sie hielt mich an und gab mir einen Becher. Ich fragte, was das sei und bekam nur zur Antwort, dass die Oberärztin es mir erklären würde. Da ich nicht wusste, welche Folgen eine Verweigerung nach sich ziehen könnte, nahm ich das Medikament und ging an ihr vorbei, zum Blutdruckmessen. Der war zu niedrig. Wie immer.

580912_10200770926818494_666914011_n

Kurz darauf saß ich auf meinem Bett, wusste nichts mit der Zeit anzufangen und wartete auf den Termin mit der Oberärztin, welcher sich ziehen würde. Ich sprach ein bisschen mit meinen Zimmergenossinnen, auch wenn eine von beiden eher kein Interesse daran hatte, rauchte, rauchte, rauchte. Als ich dann endlich zur Oberärztin durfte, erfuhr ich, dass ich keinen Ausgang bekam, Atosil nehmen sollte, um stabil zu werden und mich zu beruhigen. Dann erst kam die Frage, weshalb ich eigentlich hier sei. Ich hätte doch alles: einen Freund, eine Ausbildung… Ich muss zugeben, dass mich die Frage damals sehr wütend und traurig machte, im Nachhinein war das aber Taktik, um mich hinter dem Ofen vorzulocken. Ich sagte ihr, dass ich gehofft hatte, dass sie mir sagen könne, was mit mir nicht stimme und erklärte ihr meine Symptome. Sehr viel sagte sie dazu nicht, ein Pfleger notierte sich die ganze Zeit Dinge und abermals wurde ich aufgefordert, meine Sachen auszuziehen. Es war nun das dritte Mal und nervte mittlerweile auch stark. Ohne jetzt groß etwas zu wissen, wurde ich hinausgeschickt. Rauchen, Mittagessen, Rauchen, aus dem Fenster starren, Rauchen. Hier und da mit jemandem reden. Abends Medikamente und TV, dann schwankend ins Bett. Das war der erste Eindruck.

Advertisements

5 responses to “Psychiatrie – Geschlossene Teil 1

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: