„Co-Alkoholiker“

Ich habe gestern einen Artikel gelesen, den ich für sehr hilfreich und sehr wichtig halte im Umgang mit Alkoholikern und das (An-)Erkennen jener. Genauso wichtig ist auch zu erkennen, dass man selbst in einer schwierigen und wirklich kritischen Lage ist – oder sein wird. Den überaus großartigen Artikel von Herrn M. findet ihr hier – aus seiner Perspektive. Und das vor allem ungeschönt, ehrlich – mit hässlichen, aber effektiven Worten.

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Warum ich das teile? Weil ich selbst in einer Beziehung war, in der mein Partner trank und es lange Zeit hingenommen habe (oder nicht wahr haben wollte).
Es hat damit angefangen, dass man sich zum Cocktail-Trinken traf. Ist ja keine große Sache, viele Menschen machen das. Bierchen zusammen trinken, gesellig sein – die Sonne genießen. Alkohol selbst ist in der Gesellschaft ja anerkannt und auch öffentlich überhaupt kein Problem (wenigstens in Deutschland). Ich trinke auch immer noch Bier und habe kein Problem mit Menschen, die das tun.
Das Problem ist, dass die Grenze zwischen übermäßigem/regelmäßigem Konsum nicht immer klar ersichtlich ist. Und so war es bei mir.
Aus Cocktail- und Bierchentrinken wurde eine Beziehung. Man traf sich – aber erstmal nur außerhalb. Weitab einer Wohnung, die auch einem Messi hätte gehören können, weitab leerer Flaschen, weitab dessen, was einen Hinweis hätte geben können.
Als man sich dann im privaten traf, war es schon zu spät für „ich verpiss mich ganz schnell wieder“. Man liebte den Menschen und obgleich der erste Augenblick eher schockierend war, war man der Ansicht, man bekäme dies hin.
Das erste halbe Jahr ging dies auch relativ gut – der Schock war vergessen, man arbeitete an Wohnung und allem anderen.
Nach diesem halben Jahr ging alles bergab. Er trank regelmäßig und es gab Tage, da war ich froh, wenn er noch einigermaßen nüchtern war, wenn ich „nach Hause“ (eher in seine Wohnung) kam. Anfangs fand ich das noch ganz nett abends zusammen ein paar Biere bei einem Film zu trinken, anfangs hatte das auch keinerlei Folgen, außer, dass er zeitweise über-emotional war und jede Menge Süßholz raspelte. Irgendwann fiel mir aber auf, dass das Süßholzgeraspel proportional mit seinem Alkoholpegel stieg und ab einem Gewissen Pegel etwas anderem wich. Einem Menschen, mit dem man nicht mehr viel anfangen konnte. Ich fand es damals nett, dass er mich mit Komplimenten überhäufte. Ich fand es aber nur so lange nett, bis mir auffiel, dass er es nüchtern nicht mehr tat – im Gegenteil. Vielleicht hab ich in der Anfangsphase auch deshalb sehr lange weggesehen – ich wollte an der Beziehung etwas finden und er lieferte mir – zumindest alkoholisiert – Gründe dafür.

Aus einem netten, intelligenten Mann wurde jemand, der seinen Job verlor. Er wurde zu jemandem, der mich nachts aufweckte, auch wenn ich am nächsten Tag Frühschicht hatte, weil er, während ich schon ins Bett gegangen war, weitertrank und weil er nachts um 4 auf die Idee kam, jetzt sei ein guter Zeitpunkt um mit mir zu Quatschen. Ich war diejenige, die er später bat noch nach meiner stressigen Arbeit, Schnaps zu kaufen – völlig egal, dass ich den außerhalb meines Arbeitsumfeldes kaufen musste, damit keiner denkt, ich sei die Alkoholikerin. Und völlig egal, dass ich dafür noch eine Stunde später nach Hause kam – obwohl er den ganzen Tag mit seinem Arsch Zuhause saß. Aus der Liebe wurde irgendwann Mitleid, aus der Verzweiflung irgendwann Angst. Man hatte mehrere Gespräche im privaten mit seiner Mutter geführt, die sich tierische Sorgen machte und mittlerweile auch sah, dass er sich als Mensch restlos verändert hatte – er hatte auch kein Problem mehr damit, sich vor seinen Eltern mir gegenüber wie das letzte Arschloch zu verhalten. Er fühlte sich von ihnen bevormundet und wie ein Kind behandelt und argumentierte immer wieder damit, dass sie doch selbst Alkohol tranken (Wein zum Essen).
„Meine Freundin steht nicht hinter mir.“ – Das man mehr hinter dem Partner steht als hinter sich selbst, indem man für ihn lügt, seinen Scheiß besorgt und ihn stützt, wenn alles mal wieder Zuviel ist – das sieht keiner – noch seltener die Betroffenen. Man glaubt immer die herzerweichenden, theatralischen Versprechen zur Änderung. An die 100 Mal – bis es nicht mehr geht. Man entwickelt einen Spürsinn dafür, zu sehen, wie viel in einer geöffneten Flasche war, bevor man das Haus verließ – bis derjenige rausfindet, dass es kein Problem ist, die Flasche mit Wasser aufzufüllen. Man verliert die Lust daran, an freien Tagen Zuhause zu sein, weil der Korn dann schon kurz nach dem Aufstehen fließt und verlässt an Arbeitstagen eher das Haus, um das nicht ertragen zu müssen. Es tut einem weh. Es tut weh, zu sehen, dass Reden nichts bringt, dass Symptome wie Sodbrennen und häufiges Erbrechen nicht als jene anerkannt werden, und dass man,  wenn man darauf hinweist, dass dem so ist, noch müde belächelt wird. Es tut weh, wenn man aus der Wohnung gesperrt wird, weil ihm mal wieder im besoffenen Kopp irgendwas nicht in den Kram passt oder man sich nicht mit Leuten treffen kann, weil er vor anderen plötzlich zum Arschloch wird. Das schlimmste ist noch, dass einen die Hilflosigkeit auffrisst, weil man mit niemandem darüber reden kann – man will ihn ja schützen. Auch wenn man später nur noch das Arschloch ist. Außerdem finden sie für alles Ausreden/Rechtfertigungen und es ist ihnen irgendwann auch egal, was man davon hält („Wenn es dir nicht passt, dann geh!“):

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  • Das ist  keine Abhängigkeit, ich krieg ja noch alles geregelt
  • Ich hab frei, ist doch völlig egal
  • Ich brauch Magenbitter, Jägermeister beruhigt den (DURCH ALKOHOL!) gereizten Magen
  • XYZ hat einen ausgegeben, wäre unhöflich „nein“ zu sagen
  • Wenn ich so viel getrunken hätte, müsste man mir das anmerken
  • Du bist spießig – jeder trinkt mal über den Durst
  • Solange es nur Bier ist
  • Andere trinken mehr
  • Das ist nur Gewohnheit, nichts weiter
  • Alle anderen sind schlecht zu mir
  • Ich muss nur mal ab und zu runterkommen
  • Ich möchte weniger trinken, aber dann halt beim Essen und dann ist da eine Feier..
  • Ich hab zwei Tage nichts getrunken, ist doch ein guter Schnitt
  • Ich hab das unter Kontrolle
  • Du hast mich so aufgeregt/geärgert/vernachlässigt
  • Es ist sowieso egal
  • Ich hab immer schon Magenprobleme
  • Ärzte machen immer erstmal Drama – das ist ihr Job
  • Gehört eben zu XYZ dazu
  • Ich hab’s mir verdient
  • Ist ja nichts passiert
  • Ich hab nichts getrunken (lallt)
  • Du pennst ja nicht mehr mit mir (wenn die Fahne bis an die Decke reicht…)

Es ist nicht einfach, nicht an Schuldgefühlen und dem Glauben, eine Verantwortung zu haben, zu ersticken, aber es gibt nur sehr wenige Möglichkeiten, damit umzugehen. Entweder man bewirkt etwas (was eher selten der Fall ist), man setzt denjenigen auf den Pott und unterstützt ihn nicht mehr in seinem Tun und zieht sich ebenfalls zurück, oder man verlässt ihn. Letzteres tat ich nach 1,5 Jahren – weil alles anderen keinen Sinn machte und ich eben nicht mit ihm untergehen wollte.

Jeder, der das Gefühl halt, dass das, was ich, oder Herr M. schrieben irgendwie auf ihn zutreffen könnte (auch wenn es nicht alle Punkte sind, die übereinstimmen), sollte sich ganz ernsthaft mit dem Thema befassen und Hilfe/Unterstützung suchen.

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9 responses to “„Co-Alkoholiker“

  • Herr M.

    Hat dies auf Herr M. rebloggt und kommentierte:
    Diesen sehr interessanten, aber auch schockierenden Beitrag möchte ich keinesfall vorenthalten!

  • Herr M.

    Dein Beitrag ist ehrlich, nüchtern, aber schonungslos und offen. Ich habe großen Respekt vor dir. Du hast es hautnah erlebt und bist durch die Hölle gegangen. Toll, dass du hinten wieder herausgekommen bist.
    Große Klasse!

  • Terragina

    Ein schonungsloser und sehr ehrlicher Bericht – genau wie bei Herrn M. Ich kann vor so viel Offenheit nur den Hut ziehen.

    Ich selber bin auch Angehörige eines Alkoholikers, der nun seit bald drei Jahren trocken ist. Wir haben eine sehr schwierige Zeit hinter uns, aber wir haben es geschafft. Er hat es geschafft und die Familie, die aus zwei mittlerweile erwachsenen Kindern und mir besteht, auch. Und ich bin verdammt stolz auf uns alle.

    Es tut gut, mal einen dermassen ehrlichen Bericht auf einem Blog zu lesen – vielen Dank dafür!

  • Gedankensafe

    Ich danke ebenfalls für den lieben Kommentar.

    Ich bin sehr froh, dass es auch Geschichten mit weitaus schönerem Ende gibt, als die meine. Alles Gute euch! 🙂

  • shateema

    Ich kenne nur die andere Seite und die ist genausowenig schön. Wenn man zb eine üble Nachricht bekommen hat und daher seinen fein säuberlich abgemessenen Schnaps zu schnell versoffen hat und dann am morgen seinem Freund unter Scham sagen muss dass er jetzt los muss um ne neue Pulle zu kaufen, weil man so sehr zittert dass man nicht mal seinen scheiss eigenen Hosenknopf zukriegt. Es ist ein verdammtes Trauerspiel auf beiden Seiten.
    Als Co-Abhängiger kann man wenigstens gehen. Auch wenns schwer ist. Aber als Alkoholiker kannst du nicht davonlaufen. Das einzige davonlaufen dass es gibt, ist noch mehr Alkohol.

    • Gedankensafe

      Sicherlich hast Du da Recht. Wollte ich auch keinesfalls verharmlosen, oder so. Es ist eine beschissene Sache – so oder so. Und ich finde gut, dass gerade auch Betroffene ihre Sicht dazu stellen – die meisten tun dies aus Scham ja leider nicht, dabei denke ich, dass es durchaus auch anderen Betroffenen helfen könnte, ihr Leben zu ändern oder zu realisieren, worin sie da gerade stecken. Es gibt zwei Wege: mehr Alkohol oder ein Entzug. :/

      • shateema

        Stationärer Entzug ist aus eigener Erfahrung leider komplett Kontraproduktiv. Du wirst jeden Tag mit soviel Benzodiazepam zugepumpt dass du bei der Entlassung zwar körperlich nicht mehr Alkabhängig bist, aber dafür wahrscheinlich Tablettensüchtig, was leider noch viel viel schlimmer ist. Und wenn man hinterher weitersäuft, weil der körperliche Entzug dem Hirn sehr Wurst ist, und das auch noch mit Tabletten mixt, geht der „Spass“ erst richtig los.
        Noch dazu lernt man aufm Entzug wieder genau solche Menschen kennen, von denen man sich eigentlich fernhalten sollte.
        Ich versuch das lieber zu hause ohne Tabletten zu reduzieren. Klappt manchmal gut …und oft wieder gar nicht. Naja :/

      • Gedankensafe

        Hm, ein reiner Entzug ohne Therapie ist meistens eh nicht sonderlich sinnvoll, weil ja nicht der Körper derjenige ist, der nach dem Entzug einschreitet, sondern der Geist bzw. das eigene Durchhaltevermögen und die psychische Abhängigkeit, welche durch einen körperlichen Entzug ja nicht gemindert wird. In dem Fall ist ein Therapeut oä. eigentlich immer ratsam, aber je nach Klinik etc. ist man halt auch nur ein „Fall“. Der Wille selbst muss ja von dir kommen und solange du nicht zu 100% sicher bist und aufhören WILLST, ist die Situation sehr problematisch. Das ist allerdings etwas, was du für dich entscheiden muss, so blöd das klingt. Es ist ein harter, beschissener Weg, aber den muss man einfach gehen, wenn man sich selbst auch nicht mehr schaden will. 😦

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