nzùmbe / Zombie

Erinnert ihr euch noch an die Zeit, in der wir wichtig erscheinende Geschäftsleute dafür bedauert haben, dass sie ständig an ihrem Blackberry hingen, per Bluetoothheadset telefonierend durch die Straße zogen und  sie sich nebenbei irgendwas vom Imbiss reindrückten? –  „Die haben doch kein Leben mehr!“ , sagten wir damals.

Was ist nun anders? Nicht viel, oder?
Egal, wo. In der Bahn sitzen sie, starren auf ihre Smartphones, statt sich mit ihren Freunden zu unterhalten. Sie überqueren die Straße, ohne auch nur ein Mal davon aufzublicken. Selbst beim Frühstück im Hotel – im gemeinsamen Urlaub – sitzen sich Paare gegenüber und lesen nur auf ihren Smartphones, statt sich in die Augen zu sehen, oder wenigstens auf ihr Essen. Kommunikation ist ungemein schwierig geworden, egal wo man sich aufhält. Auf Feiern, im Restaurant, im Schlafzimmer am Bett, in der Schule, beim Job: überall muss es direkt parat sein, denn: man könnte ja etwas verpassen.
Aber was verpasst man denn wirklich? Ein paar Favs, Likes, Nachrichten, Fotos? Haben die denn keine Zeit, sind gar später nicht mehr da? Oder sind sie wirklich so überaus wichtig für uns? Anscheinend schon.
Gerade Schüler sagen häufig, dass sie sich damit aus Langeweile beschäftigen, ich hab aber eher den Eindruck, dass sie nur noch Langeweile empfinden, wenn sie kein Smartphone parat haben und sich nicht zu beschäftigen wissen.

Smartphones ersetzen Wecker, Mp3player, Kalender, Gameboy, Nachschlagewerke in Buchform, Übersetzer, Straßenkarten und meiner Meinung nach irgendwie auch den Selbstwert, den man wunderbar mit Fotolikes, Direktnachrichten, Kommentaren und Favs auf eine positive Bahn zu lenken versucht. Gerade was Twitter betrifft scheint das mittlerweile der Hauptgrund für viele Leute zu sein, denn nicht umsonst scheint man sich dort ständig zu profilieren oder besonders lustig sein zu wollen. Nicht umsonst hört man: „Woah, der Tweet geht durch die Decke.“
Aber ist das eine besondere Leistung? Ein Erfolgserlebnis vielleicht – aber auch nicht mehr.

Sie ersetzen irgendwann Freunde und Familie.

Warum ich das schreibe, obwohl ich selbst ein Smartphone besitze und nutze? Weil es mich nervt. Es nervt mich, wenn Leute beim Essen dransitzen (ich finde das extrem unhöflich), es nervt mich, wenn eine Antwort 5 Minuten dauert, weil der Gegenüber noch in ein anderes Gespräch an seinem Telefon vertieft ist, es nervt mich, dass die Gegenüber ihre Außenwelt nicht mehr wahrnehmen und am meisten nervt mich, dass man immer Präsenz zeigen muss – oder es glaubt. Ich habe mir abgewöhnt, immer gleich bei WhatsApp zu antworten, denn ich hab ein Leben außerhalb des Internets. Und wenn ich keine Lust/Zeit hab, hab ich eben keine. Genauso gibt’s kein Smartphone im Schlafzimmer und es wird nach dem ersten Checkup morgens oder während des Tages auch mal weggelegt. Ich hab nichts davon an Dingen zu arbeiten und mich selbst (denn es ist ja meine Schuld, dass ich das mache, nicht die der anderen) abzulenken. Manchmal schalte ich sogar die Notifications aus, weil es mich einfach nur stresst. Was kann so wichtig sein, wie die Realität? Nichts.

Im Bekanntenkreis gibt es aktuell zwei Fälle, die die Realität nicht sonderlich ernst genommen haben. Die eine hat Mann und Kind auf’s Spiel gesetzt, beide links liegen lassen, sich selten mit ihnen beschäftigt und dann mit ihnen auseinander gelebt. Jetzt wo er sich trennt, kommt das dunkle Erwachen und die Heulerei. Wofür?
Der zweite Fall hat neulich seine ganzen Accounts gelöscht, weil seine Frau nur noch das Gefühl hatte, wie Luft behandelt zu werden. Sie hat sich als störender Faktor gefühlt, weil er sogar genervt war, wenn sie ihn in seiner Unterhaltung „unterbrach“. Er hat allerdings die Reißleine gezogen und mit dem Löschen der Accounts Prioritäten gesetzt, die ihm vor Androhung der Trennung nicht bewusst waren. Traurig genug, dass Menschen oft nicht wissen, was ihnen wichtig ist und dass sie es für Interaktionen mit teilweise völlig fremden einfach hergeben. In seinem Fall hat er arg seinen Selbstwert gepusht, geflirtet, auf Favs hingearbeitet, ständig mit seiner Frau gestritten – um dann festzustellen, dass es das gar nicht wert war.
Hand auf’s Herz:
Wer sieht als erstes morgens oder nach/vor/während der Arbeit nach, was online los war und guckt MINDESTENS ein Mal die Stunde darauf? Habt ihr mal eure Smartphone-Nutzung auf einen Tag hochgerechnet und darauf, was man in dieser Zeit noch alles hätte tun können? Kriegt ihr Panik, sobald das Smartphone nicht in Reichweite liegt? Gehört ihr zu den Leuten, die ihren Tagesablauf immer weiter nach hinten schieben, weil sie nur kurz etwas nachgucken wollten? Könnt ihr noch ohne auf die Toilette oder eine Rauchen gehen?

Wenn ja, solltet ihr vielleicht eine Kleinigkeit ändern. Fragt euch, ob es gerade jetzt wichtig ist, dieses Foto hochzuladen, oder  online zu gehen. Fragt euch, ob ihr es nicht vielleicht einfach mal Zuhause lassen könnt und fragt euch, ob ihr eure Partner so behandelt, wie ihr behandelt werden wolltet.

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5 responses to “nzùmbe / Zombie

  • puenggi

    Du sprichst mir aus der Seele. Ja, ich bin auch etwas addicted zu meinem Smartphone. Wenn ich nur TV kucke, dann nur mit Smartphone. Ich liebe es meine Fotos zu teilen.
    Jedoch habe ich mein Telefon immer lautlos und ohne vibrieren. Denn ich bin nicht immer erreichbar. Nach 20 Uhr nehme ich nur von wenigen Menschen einen Anruf entgegen.
    Wenn ich mich mit Freunden treffe ist das Telefon zugeklappt oder in der Tasche. Meistens. Da ich es nicht mag wenn mein Gegenüber lieber mit dem Handy kommuniziert als mit mir, mache ich das auch nicht.

    • Gedankensafe

      Ich müsste lügen, wenn ich sagte, dass mir das anders ginge. Ich hab es immer für eine Beschäftigung gehalten, die in leeren Zeiten dann die Rolle einnimmt. Wie Rauchen, wenn man auf den Bus wartet. Aber gerade wir Raucher wissen, dass wir oft nur Rauchen, um irgendwas zu tun. Etwas in der Hand zu haben. Es hat irgendwo die Kontrolle übernommen und das soll es einfach nicht.

  • icezolation

    Ich hab’s vor der Smartphone-Zeit bereits gehasst. Alleine Besuch zu haben und dabei vor dem Rechner sitzen zu bleiben (schon bei anderen Leuten erlebt…) – das kam für mich nie in Frage. Für mich ist das gleichzustellen mit einer Vernachlässigung bzw. mangelnde Anerkennung für die Anwesenheit der Person(en).

    Und nicht anders empfinde ich es, wenn einer kontinuierlich oder alle x Minuten zum Smartphone greift. „Muss nur eben was gucken.“ – Okay, kann ich gehen oder soll ich dafür bleiben?

    Kritisch sehe ich auch die ganze Lobhudelei, insbesondere auf Twitter, der ständigen Vernetzung. Ein Kommentar oder Tweet wird damit gleichgestellt, für jemand anderen da zu sein. Oder einem die Möglichkeit geben, seine eingeschränkte soziale Kompetenz zu verbessern.
    Genaueres Beispiel: Vor Twitter wusste ich nicht, dass es so vielen Leuten schwerfällt ein einfaches Telefonat zu führen. Und wenn’s nur darum geht, sich eine Pizza zu ordern („Hurra, dafür gibt’s ja eine App!“). Und je öfter man mitbekommt, wie eine Person über dieses Problem in ihrer TL faselt, dachte ich mir „Ja, das wird dir bei dem Problem helfen. Nicht.“, irgendwann gefolgt von einem „Ja, schön für dich. Wie oft willst du das noch deiner Twitter-Welt mitteilen?“

    Du schreibst auch richtig:
    „Aber ist das eine besondere Leistung? Ein Erfolgserlebnis vielleicht – aber auch nicht mehr.“

    Ist es auch nicht. Es geht um das Erfolgserlebnis oder die Bestätigung. Favs sammeln. Das tut den Leuten scheinbar richtig gut und motiviert sie, damit weiterzumachen. Selfies, kopierte (un)lustige Texte/Bilder, Essen, neuester Konsumschrott usw. – es spielt oft ja garkeine Rolle um was es geht. Ab einer bestimmten Anzahl an Followern sowieso nicht. Da wird der dümmste Scheiß gefavt und nach einigen Minuten wieder vergessen. Ist das sozial? Ich denke nicht.
    Mir persönlich ist das immer und immer wieder aufgefallen. Kritische Beiträge in Text- oder Videoform? Ungeeignet. Kostet Zeit, um sich damit auseinanderzusetzen. Und die hat keiner. In der Zeit könnte man ja hunderte andere Sachen faven, retweeten oder selber posten…

    Die Leute wollen alle Erster sein. Besonders aufgefallen ist mir das hinsichtlich einem meiner Hobbies, die ich mit vielen auf Twitter teile: Videospiele. „Vorbestellt!“ – „Paket gekommen!“ – Spiel anfangen, Screenshots teilen.
    Und auf lange Sicht? Nach kürzester Zeit hörste nichts mehr. Da kannst du das Spiel sogar mit zwei, drei anderen Twittern gespielt haben: Keine Woche später juckt’s die nicht mehr. Obwohl’s extrem Spaß gemacht hat. Obwohl man da tatsächlich sowas wie nähergerückt ist (Teamspeak oder von mir aus Skype). Denn das nächste Spiel ist schon da, über das es zu „berichten“ gibt. Bloß auf Twitter im Gespräch bleiben. Bloß nicht zu lange mit etwas aufhalten.

    Gut, 140 Zeichen sind dafür eh nicht geeignet. Musste ich immer wieder feststellen. Und habe leider lange gebraucht, um endlich aufzuhören es immer wieder zu versuchen.

    Um ehrlich zu sein beneide ich solche Leute. Nicht wegen irgendeiner dämlichen drei-, vierstelligen Zahl an Follower, Favs oder RTs. Sondern weil sie sich nicht viele Gedanken machen. Ich beobachte es immer wieder, es ist übertragbar auf „außerhalb von Twitter“: Die Dummen haben den meisten Spaß im Leben. Heute hier, morgen dort. Hinterfragen ist doof, Hauptsache Spaß haben und angesagt sein. In so vielerlei Hinsicht.

    Ich denke gerade diese Handhabung, dieser Umgang kann die Isolation, in der sich einige Personen befinden, verstärken. Es wird befürwortet und gelobt wo es nur geht. „Es ist gut so wie es ist.“ – Selten, dass die Person andere Signale empfängt. Und wenn doch: Es wird fleißig gefiltert. Die Welt in der Bubble muss in Ordnung bleiben.

    Witzigerweise konnte ich ja selber feststellen, dass die Personen, die auf Twitter am lautesten rumgekräht haben, sich in Person dann als ziemlicher Sozialkrüppel rausgestellt haben. Und selbstverständlich gab’s da wenige Ausnahmen. Mit den Leuten habe (teilweise *hätte*) ich gerne weiterhin Kontakt, aber das seh ich nicht auf Twitter. Das versprüht für mich nichts. Es treten Missverständnisse auf. Und irgendwann steckt man in seiner Filter-Bubble und kommt nicht mehr raus.

    Den besten sozialen Austausch hat man einfach „da draußen“. Hätte ich eyJay nicht gesucht, wäre ich wahrscheinlich nicht (in Person) auf euch beide gestoßen. Sowas tritt bei mir selten auf, aber dafür ist es etwas von hohem Wert, an das keine 140 Zeichen und keine Favs herankommen.

    Habe die Konsequenz draus gezogen und mittlerweile meinen Twitter-Account in die Tonne getreten.

    (bei der Länge meines Kommentars hätte ich glatt etwas für nen eigenen Blog zusammen… mhm ^^ ).

    • Gedankensafe

      Ich schätze du solltest was dazu schreiben, tut manchmal echt gut. Ich merk es auch häufig hier im Alltag. Nur mal eben was gucken, nur mal eben drüber lesen, nur mal eben runterkommen. Wovon denn runterkommen? Eine Interaktion auf Twitter ist praktisch, wenn man Menschen nicht auf Dauer um sich haben kann und es nicht lange erträgt, aber es ersetzt keine Dialoge in der wirklichen Welt. Diese bleiben leider immer häufiger aus.

    • Gedankensafe

      Schade, dass der Account weg ist, aber ich hab ja deine Nummer. 🙂

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