Depression, das Arschloch.

Dies ist ein Blogeintrag, mit dem ich ein paar kleine Dinge aufräumen will, die Depressionen betreffen. Es ist ein Bruchteil dessen, was ich erlebt habe, aber ein gut ausgesuchter Bruchteil, der wenigstens etwas wiedergibt, was manche Menschen durchmachen müssen. Und wie wichtig es für manche ist, auf sich selbst zu hören.

Seit 11 Jahren leide ich an rezidivierenden Depressionen. Das weiß ich aber auch erst seit meinem Klinikaufenthalt vor 3 Jahren. Depressionen sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Sie können langsam in dein Leben kriechen und manchmal lassen sie sich von der Decke fallen und erschlagen dich mit ihrem Gewicht. Sie können sich auf deine Schultern laden und dich gen Erde drücken, oder Hand in Hand mit dir gehen, bis der Zeitpunkt gekommen ist, um zuzuschlagen. So oder so: du hast immer die Arschkarte. Und so oder so: man sieht sie dir nicht an – das ist auch heute noch ein Problem.

„Du bist in der Pubertät, das ist normal.“

Wenn du jung bist, wird’s auf die Pubertät geschoben, wenn du älter wirst, ist das dieses „Weltschmerz“. Nicht, dass nie jemand da gewesen wäre, um darüber zu sprechen, aber da war viel Unwissen und auch viel Unglaube. Die Unterstellung von Aufmerksamkeitsheischerei, von Normalität und dessen, dass man einen junge Heranwachsende nicht ernst nehmen könne – von diesen ab und zu mal traurigen Jugendlichen gibt es einfach zu viele. Heißt es. Und manchmal kann ich’s auch verstehen.

„Geh halt mal mehr raus.“

Depressionen können für Menschen viele Dinge bedeuten. Als ich jung war, war’s Selbstverletzung (die sich über 10 Jahre zog) und ständiges Grübeln, häufiges Denken an die Nichtexistenz als solche, an eine Art Ende. Die Gedanken ließen sich nicht stoppen: es war eine Art Spirale, die je mehr Gedanken folgten, tiefer hinabführte und sich nicht stoppen ließ.  Als ich älter wurde, folgte mehr und mehr die Isolation; eines der schlimmeren Symptome. Ich hatte keinerlei Interesse daran, mit den paar Freunden, die ich hatte, wegzugehen. Suchte immer neue Ausreden, um Feierei und Spaß aus dem Weg zu gehen (auch wenn ich da früher wirklich viel Spaß dran hatte). Ich war mit allem überfordert: mit meinem Briefkasten, der inzwischen überquoll, mit meinen Finanzen, mit dem Kochen eines einfachen Essens, mit meiner Hausarbeit, mit der Pflege meiner Selbst. In einer der schwersten Episoden nahm ich – ganz ohne es zu merken – einfach mal 20 Kilogramm ab. Und etwa so stetig, wie ich mein Gewicht verlor, verlor ich in etwa dem gleichen Zeitraum jegliche Zuversicht, jegliches Glück, jegliche positive Einstellung, vielleicht sogar so ziemlich alle Gefühle, die ich schätzte – als hätten sie einfach meinen Körper verlassen. Ich hab die Kontrolle von etwas völlig anderem übernehmen lassen und resignierte. Das dauerte nur ein halbes Jahr.
Resignation war insgesamt eines der schlimmsten Gefühle: denn ich hab für mich selbst akzeptiert, dass es niemals wieder besser werden könnte; und ich hab es geglaubt. Dann kam die Suizidalität.

„Sie haben doch alles, wieso sind Sie depressiv?“

Wie hätte ich daran glauben sollen, etwas zu haben, wenn mir die Depression einredete, alles zu verlieren? Wenn ich mich in die Scheiße ritt, weil ich schon zu lange in Regungslosigkeit harrte? Wenn mir Menschen nahmen, was ich hatte und es ja doch wieder passierte? An manchen Tagen stand ich auf, machte mich für die Arbeit fertig, stieg in den Bus und weinte hemmungs- und lautlos. Alles fühlte sich wie eine Last an, wie eine schier endlos große Aufgabe, wie etwas, das einfach nicht zu bewältigen war. Alles war einfach nur schwer und sinnlos. Wenn einem das Leben sinnlos vorkommt, was soll man also hier? Damit kamen dann die heftigen Suizidgedanken, welche zuvor nur in romantischer Schwarzmalerei als Ausweg stattfanden, wenn nun wirklich alles schiefging. Danach war es ein Wunsch. Irgendwann ein sehr heftiger Wunsch. Und irgendwann konnte ich nicht mehr über die Straße gehen, ohne zu wünschen, mich nähme ein möglichst großer LKW mit.

„Jeder ist mal traurig, das ist kein Grund zur Verzweiflung.“

Wenn man lang genug „dabei ist“, erkennt man die Phasen und weiß sich zu helfen. Jetzt wo es Herbst wird, merke ich sehr deutlich, wie wenig mir soziale Kontakte gut tun, wie sehr ich mich gern rausnehmen würde (wozu ich die Möglichkeit mittlerweile habe) und wie selten ich auf Telefonate und Nachrichten antworte; wie abweisend ich sein kann. Mittlerweile nehme ich mir diesen Raum und finde ihn okay. Früher hab ich den Wunsch unterdrückt und versucht Allem und Jedem gerecht zu werden – was alles schlimmer machte. Da ich aber zu Klinikzeiten sowieso sehr viele Freunde habe einbüßen müssen (weil man automatisch als unzurechnungsfähig und irre gilt) und meine Prioritäten bei Menschen in meinem Umfeld mittlerweile anders setze, ist das kaum mehr ein Problem. Man erklärt sich und es ist in Ordnung. Man nimmt sich die Zeit, die man braucht, man lässt mal ein paar Sachen liegen und schöpft neue Kraft, ohne 24 Stunden am Tag funktionieren zu müssen – das hat mit der Arbeit zum Beispiel nie funktioniert.

“Depressive tun nichts, außer den ganzen Tag im Bett liegen und rumheulen”

Das ist falsch. Die meisten (einschließlich mir) sind wahre Arbeitstiere und interessiert daran, möglichst wenig aus- und aufzufallen. Sie fühlen die Verantwortung anderen gegenüber, zum Beispiel ihren Kollegen. Wir haben keinen Gipsarm, hinken nicht, sehen auch sonst eher selten sehr krank aus, geben in den Bereichen, in denen wir eh müssen meist mehr als 100 Prozent, aber wir leiden deshalb nicht weniger. Wir leiden einfach nur für uns. Ohne sichtbares Ergebnis, ohne heftiges Trara. Die wenigsten lassen sich in den schlimmeren Zeiten krankschreiben, oder fallen auf Arbeit aus und wenn, dann eher mit kleineren, plausiblen Wehwehchen. Selten, aber ja, es kommt vor. Manchmal bin ich einfach nur müde und habe keine Lust. Manchmal eben auch nicht.

„Du bist krank, das ist deine Depression, oder?“

Eines der Dinge, die ich am meisten hasse: sobald raus ist, dass du daran erkrankt bist (und den Kampf nie aufgegeben hast), haben alle die besten Ratschläge. Jedes Mal, wenn du dich wegen einer Erkältung krank meldest, bist du diejenige, die der Lage nicht mehr Herr wird. Wenn du ein paar schlechte Tage hast, „ist sie zurück“. Du bist automatisch überfordert, automatisch wieder drin.  Wenn du für dich sein willst, oder depressiv bist,  kommen alle „um dir das Leben leichter zu machen“. Das macht es nicht. Niemand will verhätschelt und sonderbehandelt werden. Niemand will „anders“ behandelt werden und sein. Ich will meine Ruhe damit und meinen Frieden. Mich manchmal auskotzen und nicht sonderbehandelt werden oder daran erinnert, dass die Sonne ja irgendwann wieder scheint. Denn in der Theorie weiß ich das eh.

„Hättest du eine Auszeit gebraucht, hättest du Urlaub nehmen können“

Sehr tückisch und unwahr, aber häufig immer noch geläufig. Depressionen sind eine Krankheit, wie die allgemein bekannte Grippe, wie ein gebrochenes Bein oder wie die Masern zum Beispiel. Mit dem Unterschied, dass man sie den Menschen nicht ansieht. Das wäre mir bei meinem alten Arbeitgeber auch  bald zum Verhängnis geworden, indem man durchblicken ließ, dass man mich nicht eingestellt hätte, hätte man mir das angesehen. Deshalb: seid vorsichtig mit solchen Äußerungen, seid gerade in der dunklen Jahreszeit vorsichtig mit dem, was ihr den Menschen sagt. Ihr wisst nie, was es in ihnen auslöst und gerade, wenn man sich nicht ausmalen kann, wie den Leuten zumute ist, beißt euch einfach mal auf die Zunge.

Ich komme klar – ich kam es immer – aber ich möchte etwas an dieser Stigmatisierung ändern – auch weil das an mir viel Arbeit bedeutete, die nicht umsonst geblieben sein soll. Es war ein langer, ätzender Weg und es wird auch lange Zeit noch ein langer, ätzender Weg bleiben. Ich habe viel über mich gelernt, viel über meine Krankheit, viel darüber, dass PTBS und Depressionen unterschiedliche Dinge sind und wie man sie unterschiedlich bekämpft  – aber ich weiß mittlerweile, dass ich mit dem, was ich durchmach(t)e, nicht alleine bin. Und ich bin auch dankbar für die Menschen, die das Verständnis aufbringen (allem voran meinem Mann) und mich sein lassen, wie ich bin.  Jeder sollte das sein, was er sein möchte und kann. Und man sollte immer ehrlich sein. Zu seinem Umfeld und vor allem zu sich selbst.

 

Versteckt euch nicht.

 

 

 

 

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8 responses to “Depression, das Arschloch.

  • villebooks

    Sehr gut verfasst und artikuliert, liebe Melanie!
    Sei mal ruhig stolz auf Deine Lebensleistung, ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das gut tut. Ohne es zu wissen, warst Du mir in manchen Momenten ein wirkliches Vorbild und hast inzwischen durch Deine Präsenz im Netz vielen Menschen virtuelle Unterstützung gegeben.
    Danke dafür, Melli!

  • Uwe Hauck

    Danke Melaine! Ich leide seit langem an Depression, anfang diesen Jahres hab ich mir versucht, das Leben zu nehmen. Mit Schuld war auch das große Unverständnis meiner Umwelt für das Thema Depression. Dein Text hat mich ins Herz getroffen, ich werde ihn teilen und allen weitergeben, die mich immer noch nicht verstehen.
    Auch ich kämpfe gegen die Stigmatisierung. Durch viele gute Zufälle werde ich mein Schicksalsjahr 2015 nächstes Jahr in einem Buch veröffentlichen. Du machst mir auch dafür Mut!

  • Chaoticle

    Ich bin zwar nicht depressiv, mit Stigmatisierung kenne ich mich aber aus. Und es gibt tatsächlich nichts schlimmeres als gefährliches Halbwissen anderer. Und mein eigenes gefährliches Halbwissen sagt mir: Dies wirkt vermutlich bei Depression weitaus verheerender als bei vielen anderen Problemen.

    Und zu guter Letzt: Toll geschrieben. Und: Wenn jede depressive so unvoreingenommen und emphatisch wäre wie du, dann sollte es mehr davon geben. Ich erinnere mich immer gern daran dir auf Twitter einen geringen Teil meiner eigenen Geschichte erzählt zu haben ohne geblockt zu werden 😉 Wenn ich hier immer mal rein lese verstehe ich weshalb.

  • Helma Dorn

    Danke für deinen offenen Bericht! Bin zwar selber nicht erkrankt,mich bewegt aber vieles ,was du von dir selber erzählst– und es kann mir helfen im Blick auf eine Freundin,die schwer unter Borderline und Depressionen leidet!Dir weiterhin alles Gute!!

  • Valerie Wirbelwind

    Einfach nur Danke für diese wahren Worte. Das Komische ist ja, dass man selbst als Mensch mit Depressionen in guten Phasen selbst solche Sätze und Ratschläge von sich gibt. Manchmal erwische icih mich dabei, dann schäme ich mich. Weil ich ganz genau weiß, dass diese Worte überhaupt nicht helfen, dass ich hilflos bin als Außenstehende.
    Ich habe stark mit Stigma zu kämpfen, durch verschiedendste Diagnosen, die mich seit meiner Jugend begleiten. Besonders in der eigenen Familie wird man den Stempel der „Kranken“ nicht mehr los.

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