TW: Selbstverletzendes Verhalten

Wie einige von euch mitbekommen haben (einige vermutlich auch nicht) habe ich neulich unter dem Hashtag #VersteckDichNicht Bilder meiner Narben gepostet, welche zu 98% durch Selbstverletzendes Verhalten entstanden sind. Auch ein paar Tweets hatte ich unter diesem Hashtag (den übrigens @koexistenz ins Leben rief) abgesetzt. Dies hatte das Ziel anderen Betroffenen Mut zu machen. Mut dazu, zu den Narben zu stehen und sie zu akzeptieren. Mut dazu, über die eigene Scham oder Angst hinweg zu sehen und den Wollpulli bei wärmstem Wetter einfach mal im Schrank zu lassen. Vielleicht auch sogar den Mut aufzubringen, den es definitiv benötigt, um sich Hilfe zu suchen oder sich jemandem anzuvertrauen. Die Reichweite und das Feedback zu meinen (und anderen) Tweets hatte ich so nicht erwartet – danke dafür. Mich erreichten einige Fragen auch im Bezug auf andere Personen und den Umgang mit ihnen, ebenso wurde ich auch mit negativen Kommentaren, sowie Vorurteilen konfrontiert – deshalb schreibe ich diesen Blogeintrag. Ich möchte klären, was Selbstverletzendes Verhalten (kurz: SVV) ist, ein paar Vorurteile abbauen und ein paar offene Fragen beantworten.

Was ist SVV?

SVV (Selbstverletzendes Verhalten) beschreibt – trocken gesagt – autoaggressives Verhalten. Während bei der „normalen“ Aggression, die schädigende Verhaltensweise nach außen gerichtet wird, ist die Auto-Aggression gegen die eigene Person gerichtet. Das bedeutet in diesem Kontext, dass sich Betroffene mit und ohne Hilfe von „Werkzeugen“ Verletzungen/Wunden zufügen. Diese sind sehr vielfältig und reichen von blauen Flecken, Verbrennungen, Erfrierungen, ausgerissenen Haaren, Verätzungen, Bisswunden, Quetschungen bis hin zu Stich- und Schnittverletzungen. Letztere sind die bekanntesten und vor allem lange sichtbaren Formen.

Wodurch entsteht dieses Verhalten?

Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich. So unterschiedlich, wie die Betroffenen selbst. Es können Traumata im Spiel sein, Selbsthass, verschiedene Arten von Missbrauch, Substanzen, fehlende „Nestwärme“ und/oder geht mit einer/mehrerer Persönlichkeitsstörung/en einher. Die „Gründe“ oder besser gesagt Auslöser müssen nicht objektiv als „schlimm“ erachtet werden, denn sie fußen auf subjektivem Empfinden und gehen mit dem Krankheitsbild einher. Am häufigsten tritt SVV in der Pubertät auf, kann aber auch bei weit älteren Menschen in Erscheinung treten. Die meisten Betroffenen sind weiblich, aber es gibt auch viele männliche Betroffene – genaue Statistiken existieren aber leider nicht.

Wie geht man mit Betroffenen um?

Wichtig ist, die Person nicht abwertend zu behandeln und dessen Probleme ernst zu nehmen, auch wenn sie subjektiv betrachtet – also dem eigenen Empfinden nach – klein erscheinen mögen. Das Gespräch zu suchen kann helfen, extremes Nachbohren kann aber in Verschlossenheit enden. Wichtig ist, für den Betroffenen da zu sein, ihm zu zuhören und für ihn einen sicheren Hafen zu bilden, ihm gut zu zu reden – auch oder gerade wenn dieser sich selbst verletzt hat – auch wenn es einem gar nicht gefällt. Man kann durchaus sagen, dass es einem weh tut und ehrlich sein, aber Vorwürfe und Schuldbekundungen bringen niemandem was. Man kann versuchen mit Betroffenen die Auslöser für die Selbstverletzung/en zu finden oder bei der Wundversorgung helfen, alles andere sollte man allerdings einem Therapeuten überlassen. Wichtig: Freunde/Familie sind nicht dazu geeignet therapeutisch zu wirken und je eher eine Therapie begonnen wird, umso besser wirkt sie in der Regel. Rückfälle wiederum bedeuten nicht, dass die Therapie keinen Erfolg hatte und sollte ebenso nicht als Schuldzuweisung missbraucht werden.

Leute, die offensichtliche Narben haben machen das doch nur aus Aufmerksamkeit? 

Dem ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht so. Die meisten Leute, die ihre Narben offen tragen, haben eher mit dem Thema abgeschlossen und/oder sich mit jenen arrangiert. Dass man diese auf Aufmerksamkeitsgründen „zeigt“ ist relativ unwahrscheinlich. Häufiger ist sogar, dass Menschen diese vor den Augen anderer verstecken, ob fremd oder nicht, spielt dabei meisten keine Rolle. Wunden die offensichtlich getragen werden, weisen eher darauf hin, dass ein Mensch Hilfe benötigt und diese aus seinem Umfeld – als Beispiel – nicht bekommt. Merke: selbst wenn ein Mensch – möglicherweise – geradezu nach Aufmerksamkeit schreit, hat dies in der Regel einen Grund und dieser sollte herausgefunden und vor allem behandelt werden, auch wenn das für die ein oder andere Person etwas negatives oder gar verachtenswertes sein sollte.

Was tun, wenn mein (oder ein anderes) Kind eventuell an SVV leidet?

Darauf ansprechen kann durchaus helfen. Präventiv zu erklären, was SVV ist, Ursachenforschung zu betreiben und zu verbildlichen, worin und wie SVV enden und aussehen kann, sind wichtige Maßnahmen. Ein Gespräch mit den Eltern des Kindes kann ebenfalls wichtig sein, muss aber von Fall zu Fall unterschieden werden und sollte vor allem geschehen, wenn man sich der Umstände sicher ist. Alles andere sollte aber nach wie vor einem Therapeuten überlassen werden. Man kann dem Kind zB. anbieten, es zu begleiten, oder diese Themen zu besprechen.

Wer sich ritzt, ist Borderliner?

Nein, nicht zwingend. SVV ist eher ein Symptom als ein Krankheitsbild an sich. Es stimmt, dass viele Hausärzte (oder andere Ärzte, teils sogar Psychologen) einem gleich den Borderliner-Stempel aufdrücken, weil dies tatsächlich recht häufig zutrifft – dennoch ist es aber völliger Quatsch. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung hat sehr viele Facetten und sehr viele Punkte, an denen man sie festmachen kann: diese reicht von zwischenmenschlichen Beziehungen bis hin zu dissoziativen Störungen etc. Manche Ärzte machen es sich schlicht zu einfach. Auch ich bin immer wieder auf dieses Vorurteil gestoßen, weil ich zwei oder drei Kriterien erfüllte, aber mit dem Krankheitsbild sonst nichts gemein habe. SVV begleitet diverse Persönlichkeitsstörungen, Ess-Störungen sowie auch Depressionen. Bei SVV, welches mit Borderline einhergeht, würde ich mich persönlich an einen Facharzt/-therapeuten wenden, da ich selbst keine Erfahrungen damit habe und das Verhalten gegenüber Betroffenen da – soweit ich weiß – doch noch etwas differenzierter betrachtet werden muss.

Ist SVV gefährlich?

In der Regel haben Menschen, die sich selbst verletzen, keinerlei Tötungsabsicht. Eher noch kann man sagen, dass Selbstverletzendes Verhalten eine Art Schutzmechanismus ist, mit dem sich Betroffene über Stress, innere Anspannung, innerlichen Schmerz und zum Beispiel ständige Angst hinweg helfen. Es ist eher ein Ventil für Menschen, die das Gefühl haben, innerlich zu platzen. Ein Ventil für jene, welche sich nicht erlauben, sich anderweitig Luft zu machen und für manche Menschen eine Art Selbstbestrafung. SVV ist insofern gefährlich, dass ein Gewöhnungseffekt eintritt, welcher einen dazu veranlasst, härtere Maßnahmen zu ergreifen: tiefere Schnitte, schlimmere oder längere Verletzungen, Missbrauch von Substanzen. Des Weiteren kann ständiger Blutverlust auch Folgen für den Organismus haben, schlechte Wunderversorgung auf den Körper einwirken oder aber Suizidalität nicht weiter „aufgeschoben“ werden.

Warum machst du das / warum hast du das gemacht?

Ich für meinen Teil habe mich angefangen zu schneiden, als ich 14 war. Das hatte damals weniger damit zu tun, dass ich mitbekommen habe, dass andere dies tun/taten. Es fing mit kleineren Verletzungen, wie Kratzern, Verbrennungen, kleineren Schnitten und änderte Jahre später in tiefen oder tieferen Schnitten. Keine Ahnung, ob es eine Art Veranlagung war oder wie das bei jüngeren Menschen auftritt, die dieses „Phänomen“ nicht kennen – ich kann da auch nur für mich sprechen – aber ich hatte lange Zeit das Gefühl, dass Selbstverletzung mir half, entspannter zu sein und mich besser zu fühlen. Leider entwickelt sich da auch schnell ein Teufelskreis: der Schmerz darüber, dass man nicht ohne auskam, oder das Gefühl zu versagen mündete irgendwann wieder in Selbstverletzung und entsprach dennoch nicht meinen Ansprüchen. Manche Verletzungen, auch wenn ich sie bei der Verletzung selbst kaum/nicht spürte, taten tagelang weh und gaben mir eine Art der Befriedigung. Manche Verletzungen später waren teils nur noch mit Schmerzmitteln auszuhalten und gaben mir dennoch sehr viel von meinen Gefühlen zurück. Jemand, der während Depressionen (als Beispiel) gar nichts fühlt, fühlt sich in dieser Phase relativ lebendig.

Ich kann da auch nur für mich sprechen, hab allerdings auch nichts dagegen Erfahrungsberichte anderer „Svv’ler“ zu veröffentlichen. Meldet euch.

 

 

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