#metoo (TRIGGERWARNUNG)

Der Hashtag #metoo kursiert aktuell auf Twitter und obwohl ich bei den anderen Hashtags zu Missbrauch, Belästigung und Rape Culture nichts schrieb, weil ich das Thema meide, starre ich seit zwei Tagen auf den Hashtag, fühle mich ermutigt, aber auch ängstlich, unwohl und unangenehm an Dinge erinnert.  Gerade dadurch, dass viele auch Dinge aus ihrem Alltag schilderten, fallen einem wieder Sachen ein, die man teils einfach „weggesteckt“ hat oder irgendwann wie durch einen Schutzmechanismus verschwinden. Und Dinge, die man sowieso nie wird vergessen können.

Ich bin dieser Tage wieder so wütend. Richtig wütend.
Jedes Mal, wenn ein prominenter Mensch eines Missbrauchs oder der Belästigung bezichtigt oder gar bewiesen wird, sind sie da: die Menschen, die rechtfertigen, die Witze reißen, die versuchen zu relativieren und die, die sowieso nie an die Schuld von Tätern glauben. Menschen, die an Vergewaltigungsmythen glauben oder sie verbreiten, die „Falschverdächtigung“ als Massenkriminalität ansehen, obwohl diese tatsächlich selten sind. Bei diesem Hashtag passiert zwischenzeitlich das Gleiche, die Mehrheit sind aber Erfahrungen und Ermutigungen/Solidarität, was mich sehr freut. Es gibt unglaublich viele Opfer sexueller Gewalt, aber es scheint auch viele Menschen zu geben, die Opfer jener verhöhnen, unterbuttern oder relativieren wollen. Nicht selten, in dem man ihnen Glaubhaftigkeit abspricht und ihnen eine Mitschuld gibt. Das kam selbst in meiner Bubble vor, sodass ich es normalerweise vorziehe, zu keinem dieser Themen etwas zu sagen, oder bei Debatten um öffentliche Personen einfach ein paar Tage Twitter zu meiden – aus Selbstschutz. Nicht, weil ich nicht hinsehen will, sondern, weil ich Angst bekomme. Weil ich Angst davor habe, wieder Gewalt zu erfahren oder weil ich Angst habe, genau die gleichen Nicht-Argumente um die Ohren gehauen zu bekommen. Weil ich Angst davor habe, dass etwas was ich sage, Rückschluss zuließe.

Heute allerdings nicht. Heute bin ich wütend. 
Ich bin froh darüber, dass einigen Menschen auffällt, wie unglaublich viele Opfer dieser Art von Gewalt werden, aber auch traurig, dass es einen Hashtag braucht, um dies zu realisieren und vor allem traurig, dass sich dahingehend nicht viel getan hat. Ich möchte auch gar nicht wissen, wie viele denken „is doch mal gut jetzt“ oder „die Hälfte will sich eh nur wichtig machen“ und wie viele der Täter eventuell sogar mitlesen. Wirklich nicht. Da krieg ich nämlich das kalte Kotzen. Auch die Diskussionen um das Thema von Menschen, die nicht mal ansatzweise verstehen, wie Machtstrukturen funktionieren, geschweige denn so empathielos sind, dass sie nur „kluge Ratschläge“ („Verstehe nicht, dass man sowas nicht einfach anzeigt“) für Opfer haben, lassen mich fassungslos an den Bildschirm starren. Und letzteres ist auch der einzige Grund, weshalb ich das überhaupt schreibe.

TRIGGERWARNUNG

Ich bin vor 6 Jahren Opfer von Missbrauch geworden durch eine Person, mit der ich mir 4 Jahre lang Bett und Wohnung geteilt habe. Als ich mich von dieser Person trennen wollte. Als ich das Haus verlassen und 300km weit weg fahren wollte, um neu anzufangen, weil er mich zwei Wochen zuvor misshandelt hatte. Weil ich eine Woche bei meiner Mutter blieb (die damals im Gegensatz zu heute nicht den Grund wusste) und eine Woche in der Wohnung, um Dinge wie Job und Möbel zu regeln, um zu schauen, wie schnell ich rauskomme. Um mich zu sortieren, da es das erste Mal war, dass er das tat. Weil ich nichts zurücklassen wollte. Danach hab ich alles zurückgelassen und bin Hals über Kopf weg. Ich stand unter Schock und war abgeklärt und sachlich davon ausgegangen, dass ich sterben würde. Wer sagt der Person Bescheid, zu der ich fahren wollte. Wird sie es erfahren? Das erschreckt mich heute noch. Diese Ruhe danach. Erst Schmerz und Todesangst, dann Ruhe. Der Router war rausgerissen, mein Handy und mein Laptop sind die zwei Wochen zuvor der Person zum Opfer gefallen, das Festnetz ging nicht.  Die Nachbarn scherte es nicht. Das ist einer der Gründe, weshalb ich unglaublich hellhörig dafür bin, was um mich herum passiert – ich will keiner dieser Nachbarn sein. Schnitt.  Ich stand völlig neben mir am Gleis und weiß auch nicht mehr, wie ich es schaffte in den Zug zu steigen, statt davor zu geraten. Ich weiß nur noch, dass ich’s davor schaffte zu meinem Arbeitgeber zu gelangen um mein vergessenes Portemonnaie zu holen. Ich weiß aber nicht mal mehr, ob ich mit jemandem sprach. Es lief automatisiert. Ich wollte weg. Es muss mittlerweile um die 21 Uhr gewesen sein. Schnitt. Vorwürfe ich würde eine langjährige Beziehung einfach in den Wind werfen. Nachrichten seines Bruders, ich hätte ihn betrogen (das hatte er wohl erzählt) obwohl er mir immer ein Dach über dem Kopf „geboten“ hätte. Ein Dach für das auch ich zahlte. Und für das ich vor gar nicht so langer Zeit eine Nachzahlungsforderung bekam, Papier ist geduldig. Nachricht von einer Person, ob die Gerüchte stimmten und dass ich ihn wegen eines anderen verlassen hätte. Besorgte Fragen meiner Mutter, wo ich sei. Ich konnte nicht antworten. Ich konnte überhaupt nichts. Nicht zum Arzt gehen, nicht reden, gar nichts. Mehrmaliges Abwägen, ob man nicht doch zum Arzt gehen sollte, ich hatte Schmerzen. Ich konnte nicht. Ich hatte Angst, schwanger geworden zu sein. Aber ich konnte nichts.
Ich fuhr Wochen danach hin mit Leuten um Sachen zu holen, die er alle in den feuchten Schuppen stellte, Schlösser ausgewechselt. Vieles konnte ich wegwerfen. Mein Bruder und meine Ma kümmerten sich einige Zeit später um das Bett, dass ich nicht mehr wollte. Wie auch ein paar andere Dinge. Aus „nichts zurücklassen“ wurde „es kommt alles weg“ – ich konnt’s nicht ertragen. Ziemlich genau ein halbes Jahr später war ich in der Psychiatrie, weil sich zu den Depressionen, die ich schon lange hatte, dann PTBS gesellte. Ich konnte nicht schlafen, nicht essen, ich hatte Angstzustände, Albträume, Angst raus zu gehen, Flashbacks, Suizidalität. Ich hab sogar jetzt Herzrasen, weil ich das schreibe. Dort flickte man mich ein halbes Jahr lang notdürftig zusammen und ich ging auch weit besser raus, als ich reinging. Ich konnte meine Ausbildung fertigmachen, die ich in der Zwischenzeit angefangen hatte. Kurz vor Ende dieser ging ich in die Frauen+Mädchenberatung, um mich über eine Anzeige zu informieren. Durchgezogen hab ich es letztendlich dann aber doch nicht. Das 2-3 malige Aussagen machte mir Angst. Es war mir peinlich. Es war mir unangenehm und ich wollte nicht alles ins kleinste Teil wieder und wieder wiederholen müssen, mich nicht wieder retraumatisieren, wo ich’s gerade schaffte, mit meinem Leben und meiner Psyche wieder klarzukommen. Ich hatte Angst, dass es für Beweise zu spät war und mir sowieso niemand glauben würde, weil ich kurz zuvor mit dieser Person in einer Beziehung war. Weil meine Freunde ihn mochten. Weil er nie auffällig war. Weil es unglaublich ist.

Das Victim Blaming muss aufhören. Ich bin nicht Schuld daran, dass jemand auf diese Art Macht und Gewalt ausüben wollte. Ich bin nicht Schuld daran, wenn sich Menschen nicht unter Kontrolle haben, denn die Wahl haben sie immer. Ich bin nicht Schuld daran, dass mir das passiert ist. Ich kann auch nichts für die wenigen Fälle, in denen Personen tatsächlich aus Rache Menschen falsch verdächtigten. Ich habe keine Schuld daran, dass ich ganz selten davon träume, oder dass meine Psyche verrückt spielt. Ich kann es nicht mehr lesen, dieser Fingerzeig auf Opfer die „mal lieber eine Anzeige machen sollten, statt darüber zu reden“, wohlwissend, dass selbst das Reden eine immense Kraft kostet. Ich kann es nicht mehr lesen, dass unter jeder dieser Debatten, sei es um prominente Fälle, oder Gesetzgebungen dazu, Leute sind, die die Schuld bei den Opfern suchen. Ihnen Aufmerksamkeitssucht unterstellen. Unglaubwürdigkeit. Gar ein „wer sollte dich denn bitte anfassen“ oder „dir wünsch ich das“. Ich wünsche es niemanden. Aber ich wünsche mir Empathie. Lasst solche Menschen nicht ausreden, lasst Rape-Witze nicht in schallendem Gelächter untergehen, hinterfragt eure eigene Problematik, euer Weltbild. Bitte. Das ist der einzige Grund, weshalb ich mich „oute“. Man sieht es den Menschen nicht an. Jeder ist anders. Sie lesen aber mit. Und sind verletzt. Oder so weit, dass sie wütend werden, wie ich.

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