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#metoo (TRIGGERWARNUNG)

Der Hashtag #metoo kursiert aktuell auf Twitter und obwohl ich bei den anderen Hashtags zu Missbrauch, Belästigung und Rape Culture nichts schrieb, weil ich das Thema meide, starre ich seit zwei Tagen auf den Hashtag, fühle mich ermutigt, aber auch ängstlich, unwohl und unangenehm an Dinge erinnert.  Gerade dadurch, dass viele auch Dinge aus ihrem Alltag schilderten, fallen einem wieder Sachen ein, die man teils einfach „weggesteckt“ hat oder irgendwann wie durch einen Schutzmechanismus verschwinden. Und Dinge, die man sowieso nie wird vergessen können.

Ich bin dieser Tage wieder so wütend. Richtig wütend.
Jedes Mal, wenn ein prominenter Mensch eines Missbrauchs oder der Belästigung bezichtigt oder gar bewiesen wird, sind sie da: die Menschen, die rechtfertigen, die Witze reißen, die versuchen zu relativieren und die, die sowieso nie an die Schuld von Tätern glauben. Menschen, die an Vergewaltigungsmythen glauben oder sie verbreiten, die „Falschverdächtigung“ als Massenkriminalität ansehen, obwohl diese tatsächlich selten sind. Bei diesem Hashtag passiert zwischenzeitlich das Gleiche, die Mehrheit sind aber Erfahrungen und Ermutigungen/Solidarität, was mich sehr freut. Es gibt unglaublich viele Opfer sexueller Gewalt, aber es scheint auch viele Menschen zu geben, die Opfer jener verhöhnen, unterbuttern oder relativieren wollen. Nicht selten, in dem man ihnen Glaubhaftigkeit abspricht und ihnen eine Mitschuld gibt. Das kam selbst in meiner Bubble vor, sodass ich es normalerweise vorziehe, zu keinem dieser Themen etwas zu sagen, oder bei Debatten um öffentliche Personen einfach ein paar Tage Twitter zu meiden – aus Selbstschutz. Nicht, weil ich nicht hinsehen will, sondern, weil ich Angst bekomme. Weil ich Angst davor habe, wieder Gewalt zu erfahren oder weil ich Angst habe, genau die gleichen Nicht-Argumente um die Ohren gehauen zu bekommen. Weil ich Angst davor habe, dass etwas was ich sage, Rückschluss zuließe.

Heute allerdings nicht. Heute bin ich wütend. 
Ich bin froh darüber, dass einigen Menschen auffällt, wie unglaublich viele Opfer dieser Art von Gewalt werden, aber auch traurig, dass es einen Hashtag braucht, um dies zu realisieren und vor allem traurig, dass sich dahingehend nicht viel getan hat. Ich möchte auch gar nicht wissen, wie viele denken „is doch mal gut jetzt“ oder „die Hälfte will sich eh nur wichtig machen“ und wie viele der Täter eventuell sogar mitlesen. Wirklich nicht. Da krieg ich nämlich das kalte Kotzen. Auch die Diskussionen um das Thema von Menschen, die nicht mal ansatzweise verstehen, wie Machtstrukturen funktionieren, geschweige denn so empathielos sind, dass sie nur „kluge Ratschläge“ („Verstehe nicht, dass man sowas nicht einfach anzeigt“) für Opfer haben, lassen mich fassungslos an den Bildschirm starren. Und letzteres ist auch der einzige Grund, weshalb ich das überhaupt schreibe.

TRIGGERWARNUNG

Ich bin vor 6 Jahren Opfer von Missbrauch geworden durch eine Person, mit der ich mir 4 Jahre lang Bett und Wohnung geteilt habe. Als ich mich von dieser Person trennen wollte. Als ich das Haus verlassen und 300km weit weg fahren wollte, um neu anzufangen, weil er mich zwei Wochen zuvor misshandelt hatte. Weil ich eine Woche bei meiner Mutter blieb (die damals im Gegensatz zu heute nicht den Grund wusste) und eine Woche in der Wohnung, um Dinge wie Job und Möbel zu regeln, um zu schauen, wie schnell ich rauskomme. Um mich zu sortieren, da es das erste Mal war, dass er das tat. Weil ich nichts zurücklassen wollte. Danach hab ich alles zurückgelassen und bin Hals über Kopf weg. Ich stand unter Schock und war abgeklärt und sachlich davon ausgegangen, dass ich sterben würde. Wer sagt der Person Bescheid, zu der ich fahren wollte. Wird sie es erfahren? Das erschreckt mich heute noch. Diese Ruhe danach. Erst Schmerz und Todesangst, dann Ruhe. Der Router war rausgerissen, mein Handy und mein Laptop sind die zwei Wochen zuvor der Person zum Opfer gefallen, das Festnetz ging nicht.  Die Nachbarn scherte es nicht. Das ist einer der Gründe, weshalb ich unglaublich hellhörig dafür bin, was um mich herum passiert – ich will keiner dieser Nachbarn sein. Schnitt.  Ich stand völlig neben mir am Gleis und weiß auch nicht mehr, wie ich es schaffte in den Zug zu steigen, statt davor zu geraten. Ich weiß nur noch, dass ich’s davor schaffte zu meinem Arbeitgeber zu gelangen um mein vergessenes Portemonnaie zu holen. Ich weiß aber nicht mal mehr, ob ich mit jemandem sprach. Es lief automatisiert. Ich wollte weg. Es muss mittlerweile um die 21 Uhr gewesen sein. Schnitt. Vorwürfe ich würde eine langjährige Beziehung einfach in den Wind werfen. Nachrichten seines Bruders, ich hätte ihn betrogen (das hatte er wohl erzählt) obwohl er mir immer ein Dach über dem Kopf „geboten“ hätte. Ein Dach für das auch ich zahlte. Und für das ich vor gar nicht so langer Zeit eine Nachzahlungsforderung bekam, Papier ist geduldig. Nachricht von einer Person, ob die Gerüchte stimmten und dass ich ihn wegen eines anderen verlassen hätte. Besorgte Fragen meiner Mutter, wo ich sei. Ich konnte nicht antworten. Ich konnte überhaupt nichts. Nicht zum Arzt gehen, nicht reden, gar nichts. Mehrmaliges Abwägen, ob man nicht doch zum Arzt gehen sollte, ich hatte Schmerzen. Ich konnte nicht. Ich hatte Angst, schwanger geworden zu sein. Aber ich konnte nichts.
Ich fuhr Wochen danach hin mit Leuten um Sachen zu holen, die er alle in den feuchten Schuppen stellte, Schlösser ausgewechselt. Vieles konnte ich wegwerfen. Mein Bruder und meine Ma kümmerten sich einige Zeit später um das Bett, dass ich nicht mehr wollte. Wie auch ein paar andere Dinge. Aus „nichts zurücklassen“ wurde „es kommt alles weg“ – ich konnt’s nicht ertragen. Ziemlich genau ein halbes Jahr später war ich in der Psychiatrie, weil sich zu den Depressionen, die ich schon lange hatte, dann PTBS gesellte. Ich konnte nicht schlafen, nicht essen, ich hatte Angstzustände, Albträume, Angst raus zu gehen, Flashbacks, Suizidalität. Ich hab sogar jetzt Herzrasen, weil ich das schreibe. Dort flickte man mich ein halbes Jahr lang notdürftig zusammen und ich ging auch weit besser raus, als ich reinging. Ich konnte meine Ausbildung fertigmachen, die ich in der Zwischenzeit angefangen hatte. Kurz vor Ende dieser ging ich in die Frauen+Mädchenberatung, um mich über eine Anzeige zu informieren. Durchgezogen hab ich es letztendlich dann aber doch nicht. Das 2-3 malige Aussagen machte mir Angst. Es war mir peinlich. Es war mir unangenehm und ich wollte nicht alles ins kleinste Teil wieder und wieder wiederholen müssen, mich nicht wieder retraumatisieren, wo ich’s gerade schaffte, mit meinem Leben und meiner Psyche wieder klarzukommen. Ich hatte Angst, dass es für Beweise zu spät war und mir sowieso niemand glauben würde, weil ich kurz zuvor mit dieser Person in einer Beziehung war. Weil meine Freunde ihn mochten. Weil er nie auffällig war. Weil es unglaublich ist.

Das Victim Blaming muss aufhören. Ich bin nicht Schuld daran, dass jemand auf diese Art Macht und Gewalt ausüben wollte. Ich bin nicht Schuld daran, wenn sich Menschen nicht unter Kontrolle haben, denn die Wahl haben sie immer. Ich bin nicht Schuld daran, dass mir das passiert ist. Ich kann auch nichts für die wenigen Fälle, in denen Personen tatsächlich aus Rache Menschen falsch verdächtigten. Ich habe keine Schuld daran, dass ich ganz selten davon träume, oder dass meine Psyche verrückt spielt. Ich kann es nicht mehr lesen, dieser Fingerzeig auf Opfer die „mal lieber eine Anzeige machen sollten, statt darüber zu reden“, wohlwissend, dass selbst das Reden eine immense Kraft kostet. Ich kann es nicht mehr lesen, dass unter jeder dieser Debatten, sei es um prominente Fälle, oder Gesetzgebungen dazu, Leute sind, die die Schuld bei den Opfern suchen. Ihnen Aufmerksamkeitssucht unterstellen. Unglaubwürdigkeit. Gar ein „wer sollte dich denn bitte anfassen“ oder „dir wünsch ich das“. Ich wünsche es niemanden. Aber ich wünsche mir Empathie. Lasst solche Menschen nicht ausreden, lasst Rape-Witze nicht in schallendem Gelächter untergehen, hinterfragt eure eigene Problematik, euer Weltbild. Bitte. Das ist der einzige Grund, weshalb ich mich „oute“. Man sieht es den Menschen nicht an. Jeder ist anders. Sie lesen aber mit. Und sind verletzt. Oder so weit, dass sie wütend werden, wie ich.

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Project Semicolon

Das „Project Semicolon“ ist eine non-profit Bewegung, die im Frühjahr 2013 gegründet wurde und sich auf  psychische Gesundheit fokussiert. Amy Bleuel, die Gründerin, welche damit ursprünglich ihrem Vater gedenken wollte, starb am 23. März 2017 durch Suizid. Sie wurde 31 Jahre alt.

Mit dem Semicolon (welches einen Satz nicht beendet) und dem Leitspruch „My story isn’t over“ (du bist der Autor und entscheidest dich, dein Leben – den metaphorischen Satz – nicht zu beenden) steht diese Bewegung Menschen bei, die unter psychischen Erkrankungen leiden und leistet Aufklärungsarbeit, um Vorurteile abzubauen und präventiv auf Suizidgefährdete einzuwirken. Daraus ist inzwischen eine globale Community entstanden, die sich engagiert, gegenseitig unterstützt und sogar ein Buch (ab Herbst 2017) herausbringt, in dem einige der Geschichten und Tattoos der Menschen abgedruckt werden. Sagte ich Tattoos? Ja, tatsächlich. Viele haben sich ein Semicolon in den verschiedensten Variationen stechen lassen, um sich auch im Alltag und in schweren Situationen daran zu erinnern, dass sie ihre Geschichte in der Hand haben. Die Tattoos, gezeichneten Bilder und die Unterstützung die sie sich gegenseitig entgegenbringen, gibt vielen Hoffnung und Kraft.

Amy hat Menschen zusammengebracht, die unter anderem unter Selbstverletzendem Verhalten oder Suizidgedanken leiden/litten und gab ihnen einen Teil ihrer Hoffnung zurück. Sie ließ sie ihren Schmerz, ihre Ängste und auch ihre Erfolgserlebnisse und Träume teilen. Sie machte etwas sichtbar, das für viele Menschen eher im Schatten existiert, weil zu wenig darüber gesprochen wird. Sie hat etwas auf die Beine gestellt, von dem sie selbst nicht dachte, dass es jemals so groß würde und so viel leistete. Sie fehlt.

Ich schreibe dies hier, weil ich selbst Teil der (deutschsprachigen) Community bin und jahrelang in einer anderen Support-Community tätig war. Dass gerade sie verstarb, lässt einige sprachlos zurück (inklusive mir heute Morgen) und schmerzt.

ABER

Das entwertet weder den Zusammenhalt, noch die Tattoos noch die Nachricht, die sie mit „Project Semicolon“ verbreitete. Es zeigt, dass sich einfach immer noch so unglaublich viel tun muss bezüglich Aufklärung, Prävention und Stigmata. Allein in Deutschland sterben rund 10.000 Menschen jährlich durch Suizid (Quelle: Statista) und die Dunkelziffer der nicht als Suizid erkannten Tode liegt vermutlich um einiges höher.

Glaubt an euch, sucht euch Hilfe und auch und gerade, wenn ihr unterstützend und aufklärend unterwegs seid: nehmt euch Auszeiten, ehe ihr wieder loslegt und für andere da seid. Es ist wichtig, auch auf sich zu achten und für sich selbst da zu sein. Wenn wir Ressourcen haben, können wir etwas verändern und wenn wir diese mal nicht haben, so schaffen wir neue.

 


Zu selten gesagt

Morgens sitze ich am liebsten eine Stunde auf dem Balkon, trinke zwei bis drei Dosen Energydrinks und rauche dabei zwei, drei, vier – ja, wie viele eigentlich? – Zigaretten. Mir ist bewusst das beides eher Laster sind, das lasse ich aber mal außen vor. Jeder hat welche – auch ich. Genaugenommen ist das ein Ritual geworden, eine Konstante. Es ist halt etwas, das man tut und mag. Andere lesen morgens die Zeitung, ich mache dies und lese Twitter, die Nachrichten im Web und denke nach. So wie heute. Und gestern. Und den Tag davor vermutlich auch. Danach laufe ich mit dem Hund 2-3 Kilometer, je nachdem wie fit er ist und was seine Motivation hergibt.

Heute habe ich den Brief einer depressiven Frau gelesen; dieser war an ihren Mann adressiert. Sie beschreibt Situationen des Alltags, Ängste und die Dinge, die sich daraus zwischenmenschlich ergeben. Auftretende Probleme, Kommunikationslabyrinthe, Unverständnis, Zweifel und auch Dankbarkeit.

Dankbarkeit war für mich heute ein wichtiger Punkt. Ich bin ein sehr dankbarer Mensch und nehme Dinge nicht als selbstverständlich wahr. Zudem bin ich sehr (manchmal zu) empathisch und kann mich meistens gut in andere Personen einfühlen und vieles verstehen. Das führt dazu, dass ich dann oftmals unbewusst das richtige sage  und die meisten Leute, die viel mit mir zu tun haben, schätzen das – manchmal ist es aber auch unangenehm, weil Menschen durchaus berechenbarer werden oder weil man unter den Problemen anderer leidet. Ab und an ist es aber so, dass ich Dinge – die ich halt schon immer so kenne – nicht mehr als „fremd“ wahrnehme, sondern eben als gegeben oder irgendwie auch normal. Dadurch vergesse ich hin und wieder wie Situationen, Angewohnheiten, Macken und auch mein teils unnachvollziehbares Verhalten andere Menschen irritieren, oder schlimmer: ich nehme es halt eben nicht wahr. Für mich ist es völlig nachvollziehbar – für andere nicht.

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Ich leide seit einigen Jahren – jetzt kommt die alte Leier wieder – an rezidivierenden Depressionen und PTBS. Medikamente nehme ich seit 3 Jahren nicht mehr und bin ziemlich happy damit. Die Symptome und Begleiterscheinungen im Allgemeinen sind seit dem Klinikaufenthalt 2012 weniger geworden und auch dadurch, dass meine Lebensumstände besser wurden, ich mich von Menschen löste, die mir nicht gut taten und ich Rückhalt geliebter Menschen habe/hatte. Leider bin ich nicht völlig frei von dem Scheiß (‚Tschuldigung!) und überblicke die Situationen manchmal zu spät. Das ist okay so, wenn man dies als „Moment“ (der kann durchaus auch mal länger dauern) akzeptiert und weiß, dass noch nicht aller Tage Abend ist oder sein wird. Schwierig ist es, dies in den Alltag zu integrieren und vor allem andere Menschen einzubeziehen. Ich habe heute mal ein paar Dinge Revue passieren lassen und bin auf Situationen gestoßen, die gar nicht allzu lange her (manche dann doch) sind. Ich entschuldige mich immer – aber ich sage in den Momenten zu selten danke und vertraue darauf, dass die Person es spürt. Das sollte man wirklich nicht tun. Wenn man Menschen schätzt, sollte man ihnen das sagen.
Und manchmal ist es wichtige, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen oder sich in andere Menschen zu versetzen.

Tja, leider bin ich mit meinen eigenen Gefühlen oft genug überfordert und nicht oder nur teilweise in der Lage diese in Worten auszudrücken – gerade was das Reallife anbelangt, aber ich versuche mal einen kleinen Teil dessen wiederzugeben, an was für Dinge ich dachte und die ich dann nun loswerden wollte.

Ich bin froh und dankbar, dass mein Mann zum Beispiel fragt, was mit mir los ist, wenn ich stiller bin als sonst, und dass er es akzeptiert, wenn ich nicht darüber reden kann. Ein „Wir sprechen darüber, aber nicht jetzt“ nimmt unglaublich viel Druck von einem selbst, da man manchmal auch erst herausfinden muss, was einem weh tut oder belastet. Ich weiß es oft genug einfach nicht – es scheint dann einfach so zu sein und ich kann keinen Grund dafür finden. Wie also darüber reden und es verständlich machen? Ich bin dankbar dafür, dass er über mein unnötiges Gemecker hinweg sehen kann und weiß, dass ich ihn liebe. Ich mecker unglaublich selten, aber ich weiß, wie sehr es nervt, vor allem, wenn es keinen sichtbaren Grund dafür gibt – es richtet sich dann gegen ihn, obwohl ich diejenige bin, die mit sich selbst unzufrieden ist – das ist unfair.
Ich bin dankbar dafür, dass er ein Mensch ist, dem ich bedenkenlos den Spiegel hinhalten kann und mit dem man ehrlich reden kann, ohne dass alles, was man sagt, zu einem Politikum wird.
Ich bin dankbar dafür, dass er mit mir zusammen in die Stadt geht und wir bummeln oder gezielt nach Platten (oder Pokémon) suchen, weil ich mich alleine nicht dazu überwunden bekomme. Er ist der Tritt in den Arsch, den ich manchmal brauche, um meinen Scheiß hinzubekommen und der Mensch, der mir auch etwas im Haushalt oder zum Beispiel ein Telefonat abnimmt, oder mal alleine mit dem Hund geht, wenn ich mit mir und meinem nicht vorhanden Antrieb hadere. Das ist schön, weil ich das dann aufsparen und kurz darauf wieder für andere Dinge nutzen kann. Ich bin nicht unselbstständig und sitze auch nicht den ganzen Tag auf meinem Hintern – auch wenn viele Menschen dies von Depressiven denken – aber an manchen Tagen zieht es einen einfach nach unten und es ist schön, wenn es jemand versteht.
Auch bin ich dankbar dafür, dass er sich nicht für mich schämt, wenn ich still in meine Pommes heule, weil der unfreundliche Pommesverkäufer mich anschnauzt und damit ein Fass zum Überlaufen bringt. Das ist selten. Wirklich selten. Wir sind beide nicht perfekt, aber ein gutes Team.

Danke dafür. Ich liebe dich. 

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Ich bin meiner Mutter dankbar, die es nie so ganz leicht mit uns Dreien hatte und versucht hat uns nach bestem Gewissen zu erziehen. Wo Menschen sind, passieren Fehler. Unsererseits wie ihrerseits und ich bin dankbar dafür, dass wir während der Klinikzeit darüber schreiben konnten, wie unsere jeweilige subjektive Wahrnehmung dazu aussah, ohne uns an die Gurgel zu gehen und uns zudem auch noch besser verstehen zu lernen. Ihr ging es oft genug selbst nicht gut.
Ich bin dankbar dafür, dass sie trotz dem Klinikschreck damals zu mir gehalten hat – auch wenn es eine Weile gedauert hat, zu begreifen – und auch heute nicht ständig fragt, ob alles in Ordnung ist, sondern davon ausgeht, dass ich mich selbst melde, wenn etwas mit mir schief läuft. Das habe ich damals versäumt und es würde mir wohl auch Sorge bereiten.
Ebenfalls dankbar bin ich dafür, dass sie mir nicht den Arsch aufreißt, weil ich mich nicht oft genug melde oder genug erzähle und sie stattdessen lieber meinen Twitteraccount nachliest. Meine Mutter und mein kleiner Bruder haben nie etwas auf mich kommen lassen.

Danke für alles. Ich liebe dich.

Meinen Freunden bin ich unglaublich dankbar dafür, dass sie mir nicht den Rücken zukehren, weil ich nicht oft genug schreibe, mich nicht ständig nach ihnen erkundige oder Phasen habe, in denen ich nicht mal zurückschreiben kann. Sie akzeptieren das und in der Regel sind alle Begegnungen und Gespräche genauso, wie sie zuvor auch waren. Ich habe in der Vergangenheit öfter Verabredungen spontan abgesagt, weil ich mich nicht gut genug fühlte, um mit ihnen herumzuziehen oder weil „Clubben“ in meinem Alter zwar Volkssport, aber eben nicht (mehr) mein Ding ist. Konzerte/Festivals/Szenekneipen waren immer schon mehr mein Ding, nicht nur aus musikalischer Sicht. Auf dem M’era Luna trifft man sich zum Beispiel ein Mal im Jahr – auch wenn man sich sonst nicht sieht – und verbringt schöne Zeit miteinander – auch das ist ein Privileg, das ich genieße. Es ist wie Heimkommen.
Dankbar bin ich auch, dass die Leute, die mehrere Tage herkommen (oder die ich besuche), akzeptieren, dass ich jemand bin, der danach Erholung braucht. Nicht vom Menschen an sich, den mag ich auch weiterhin sehr gern, aber von damit verbundenen Aktivitäten. Und danke ebenfalls an die wirklich guten Freunde, die vor ein paar Jahren dafür gesorgt haben, dass ich ein Dach über dem Kopf hatte und wieder neu in mein Leben starten konnte – ohne diese Hilfe hätte ich das nicht alleine auf die Kette bekommen.

Vielen Dank. Ich liebe euch. 

Ich sag es nur einfach zu selten.


„Tue was du liebst“

Wähle einen Beruf den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten. – Konfuzius

 

Praktisch jeder Mensch kennt diesen Spruch und jeder kennt die Geschichten von Menschen, die in ihren Jobs die Erfüllung finden, weil sie ihrem Herzen folgen und ihre Leidenschaften im Beruf ausleben. Man erzählt sich von Menschen in gut bezahlten Jobs, welche sich mitten im Leben plötzlich dafür entscheiden, etwas zu machen, was weniger angesehen und weniger gut bezahlt ist. Sie sind glücklich und der Weg ist denkbar einfach. Sie tun es ja einfach. Wären diese Geschichten umgekehrt so inspirierend? Selten. Noch seltener werden sie erzählt. Schon gar nicht von Motivatoren, Personalern und Menschen, die ihr Geld mit ähnlichen Tätigkeiten verdienen.

Warum?
Weil es sich selten realisieren lässt. Ein großer Teil der Menschen arbeitet in Berufen, die nicht ihr Traumjob sind, haben Familie, Miete zu zahlen oder können sich einen kompletten Umbruch und Lohnverzicht schlicht nicht leisten. Es muss weniger mit Hierarchie, Referenzen und Ausbildung zu tun haben. Die Risiken sind außerdem zahlreich. Was, wenn man doch nichts findet? Was, wenn das Geld zu knapp wird? Was, wenn ich eigentlich eine andere Zeitplanung und Vorstellung meines Lebens habe? Was, wenn ich zwischen all dem zum Beispiel Kinder möchte? Was, wenn ich schon über 50 bin und auf dem Markt schon geringere Chancen habe?

Nah dran ist perfekt

Diese Geschichten und Vorträge sind schön anzuhören und können dem Ein oder Anderen sicherlich auch klarmachen, was ihm fehlt – aber sie machen oft unglücklich. Wenn Menschen beschließen alles hinter sich zu lassen und eine Bar aufzumachen, ist das toll. Wenn sich jemand entschließt, nun doch etwas völlig anderes zu machen – ebenso! Für andere ist es eine Messlatte an der sie scheitern. Ein Job sollte Spaß machen, aber kein Job der Welt tut dies jeden Tag, zu jeder Zeit. Da spielt nicht nur das, was man kann und das was man machen will eine Rolle, sondern eben auch alles andere. Noch weniger Spaß macht ein Job, wenn man sich fragt, ob er nicht eigentlich immer Spaß machen sollte und wo man bei seiner Berufswahl falsch abgebogen ist. Oder gar wenn man das Gefühl hat, sich nicht mit weniger zufrieden geben zu dürfen, als das Gefühl, der Job sei makellos und perfekt. Was spricht gegen „nah dran“ und hier und da einen Kompromiss oder einen Ausgleich? Wenn wir statt dieser Geschichten vielleicht auch ein bisschen mehr der Wahrheit erzählten, nämlich, dass Arbeit – egal welche – letztendlich nur ein Austausch von Zeit gegen Geld ist, gewännen wir wohl mehr.

Es ist nicht schlimmes daran.

 


Depression, das Arschloch.

Dies ist ein Blogeintrag, mit dem ich ein paar kleine Dinge aufräumen will, die Depressionen betreffen. Es ist ein Bruchteil dessen, was ich erlebt habe, aber ein gut ausgesuchter Bruchteil, der wenigstens etwas wiedergibt, was manche Menschen durchmachen müssen. Und wie wichtig es für manche ist, auf sich selbst zu hören.

Seit 11 Jahren leide ich an rezidivierenden Depressionen. Das weiß ich aber auch erst seit meinem Klinikaufenthalt vor 3 Jahren. Depressionen sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Sie können langsam in dein Leben kriechen und manchmal lassen sie sich von der Decke fallen und erschlagen dich mit ihrem Gewicht. Sie können sich auf deine Schultern laden und dich gen Erde drücken, oder Hand in Hand mit dir gehen, bis der Zeitpunkt gekommen ist, um zuzuschlagen. So oder so: du hast immer die Arschkarte. Und so oder so: man sieht sie dir nicht an – das ist auch heute noch ein Problem.

„Du bist in der Pubertät, das ist normal.“

Wenn du jung bist, wird’s auf die Pubertät geschoben, wenn du älter wirst, ist das dieses „Weltschmerz“. Nicht, dass nie jemand da gewesen wäre, um darüber zu sprechen, aber da war viel Unwissen und auch viel Unglaube. Die Unterstellung von Aufmerksamkeitsheischerei, von Normalität und dessen, dass man einen junge Heranwachsende nicht ernst nehmen könne – von diesen ab und zu mal traurigen Jugendlichen gibt es einfach zu viele. Heißt es. Und manchmal kann ich’s auch verstehen.

„Geh halt mal mehr raus.“

Depressionen können für Menschen viele Dinge bedeuten. Als ich jung war, war’s Selbstverletzung (die sich über 10 Jahre zog) und ständiges Grübeln, häufiges Denken an die Nichtexistenz als solche, an eine Art Ende. Die Gedanken ließen sich nicht stoppen: es war eine Art Spirale, die je mehr Gedanken folgten, tiefer hinabführte und sich nicht stoppen ließ.  Als ich älter wurde, folgte mehr und mehr die Isolation; eines der schlimmeren Symptome. Ich hatte keinerlei Interesse daran, mit den paar Freunden, die ich hatte, wegzugehen. Suchte immer neue Ausreden, um Feierei und Spaß aus dem Weg zu gehen (auch wenn ich da früher wirklich viel Spaß dran hatte). Ich war mit allem überfordert: mit meinem Briefkasten, der inzwischen überquoll, mit meinen Finanzen, mit dem Kochen eines einfachen Essens, mit meiner Hausarbeit, mit der Pflege meiner Selbst. In einer der schwersten Episoden nahm ich – ganz ohne es zu merken – einfach mal 20 Kilogramm ab. Und etwa so stetig, wie ich mein Gewicht verlor, verlor ich in etwa dem gleichen Zeitraum jegliche Zuversicht, jegliches Glück, jegliche positive Einstellung, vielleicht sogar so ziemlich alle Gefühle, die ich schätzte – als hätten sie einfach meinen Körper verlassen. Ich hab die Kontrolle von etwas völlig anderem übernehmen lassen und resignierte. Das dauerte nur ein halbes Jahr.
Resignation war insgesamt eines der schlimmsten Gefühle: denn ich hab für mich selbst akzeptiert, dass es niemals wieder besser werden könnte; und ich hab es geglaubt. Dann kam die Suizidalität.

„Sie haben doch alles, wieso sind Sie depressiv?“

Wie hätte ich daran glauben sollen, etwas zu haben, wenn mir die Depression einredete, alles zu verlieren? Wenn ich mich in die Scheiße ritt, weil ich schon zu lange in Regungslosigkeit harrte? Wenn mir Menschen nahmen, was ich hatte und es ja doch wieder passierte? An manchen Tagen stand ich auf, machte mich für die Arbeit fertig, stieg in den Bus und weinte hemmungs- und lautlos. Alles fühlte sich wie eine Last an, wie eine schier endlos große Aufgabe, wie etwas, das einfach nicht zu bewältigen war. Alles war einfach nur schwer und sinnlos. Wenn einem das Leben sinnlos vorkommt, was soll man also hier? Damit kamen dann die heftigen Suizidgedanken, welche zuvor nur in romantischer Schwarzmalerei als Ausweg stattfanden, wenn nun wirklich alles schiefging. Danach war es ein Wunsch. Irgendwann ein sehr heftiger Wunsch. Und irgendwann konnte ich nicht mehr über die Straße gehen, ohne zu wünschen, mich nähme ein möglichst großer LKW mit.

„Jeder ist mal traurig, das ist kein Grund zur Verzweiflung.“

Wenn man lang genug „dabei ist“, erkennt man die Phasen und weiß sich zu helfen. Jetzt wo es Herbst wird, merke ich sehr deutlich, wie wenig mir soziale Kontakte gut tun, wie sehr ich mich gern rausnehmen würde (wozu ich die Möglichkeit mittlerweile habe) und wie selten ich auf Telefonate und Nachrichten antworte; wie abweisend ich sein kann. Mittlerweile nehme ich mir diesen Raum und finde ihn okay. Früher hab ich den Wunsch unterdrückt und versucht Allem und Jedem gerecht zu werden – was alles schlimmer machte. Da ich aber zu Klinikzeiten sowieso sehr viele Freunde habe einbüßen müssen (weil man automatisch als unzurechnungsfähig und irre gilt) und meine Prioritäten bei Menschen in meinem Umfeld mittlerweile anders setze, ist das kaum mehr ein Problem. Man erklärt sich und es ist in Ordnung. Man nimmt sich die Zeit, die man braucht, man lässt mal ein paar Sachen liegen und schöpft neue Kraft, ohne 24 Stunden am Tag funktionieren zu müssen – das hat mit der Arbeit zum Beispiel nie funktioniert.

“Depressive tun nichts, außer den ganzen Tag im Bett liegen und rumheulen”

Das ist falsch. Die meisten (einschließlich mir) sind wahre Arbeitstiere und interessiert daran, möglichst wenig aus- und aufzufallen. Sie fühlen die Verantwortung anderen gegenüber, zum Beispiel ihren Kollegen. Wir haben keinen Gipsarm, hinken nicht, sehen auch sonst eher selten sehr krank aus, geben in den Bereichen, in denen wir eh müssen meist mehr als 100 Prozent, aber wir leiden deshalb nicht weniger. Wir leiden einfach nur für uns. Ohne sichtbares Ergebnis, ohne heftiges Trara. Die wenigsten lassen sich in den schlimmeren Zeiten krankschreiben, oder fallen auf Arbeit aus und wenn, dann eher mit kleineren, plausiblen Wehwehchen. Selten, aber ja, es kommt vor. Manchmal bin ich einfach nur müde und habe keine Lust. Manchmal eben auch nicht.

„Du bist krank, das ist deine Depression, oder?“

Eines der Dinge, die ich am meisten hasse: sobald raus ist, dass du daran erkrankt bist (und den Kampf nie aufgegeben hast), haben alle die besten Ratschläge. Jedes Mal, wenn du dich wegen einer Erkältung krank meldest, bist du diejenige, die der Lage nicht mehr Herr wird. Wenn du ein paar schlechte Tage hast, „ist sie zurück“. Du bist automatisch überfordert, automatisch wieder drin.  Wenn du für dich sein willst, oder depressiv bist,  kommen alle „um dir das Leben leichter zu machen“. Das macht es nicht. Niemand will verhätschelt und sonderbehandelt werden. Niemand will „anders“ behandelt werden und sein. Ich will meine Ruhe damit und meinen Frieden. Mich manchmal auskotzen und nicht sonderbehandelt werden oder daran erinnert, dass die Sonne ja irgendwann wieder scheint. Denn in der Theorie weiß ich das eh.

„Hättest du eine Auszeit gebraucht, hättest du Urlaub nehmen können“

Sehr tückisch und unwahr, aber häufig immer noch geläufig. Depressionen sind eine Krankheit, wie die allgemein bekannte Grippe, wie ein gebrochenes Bein oder wie die Masern zum Beispiel. Mit dem Unterschied, dass man sie den Menschen nicht ansieht. Das wäre mir bei meinem alten Arbeitgeber auch  bald zum Verhängnis geworden, indem man durchblicken ließ, dass man mich nicht eingestellt hätte, hätte man mir das angesehen. Deshalb: seid vorsichtig mit solchen Äußerungen, seid gerade in der dunklen Jahreszeit vorsichtig mit dem, was ihr den Menschen sagt. Ihr wisst nie, was es in ihnen auslöst und gerade, wenn man sich nicht ausmalen kann, wie den Leuten zumute ist, beißt euch einfach mal auf die Zunge.

Ich komme klar – ich kam es immer – aber ich möchte etwas an dieser Stigmatisierung ändern – auch weil das an mir viel Arbeit bedeutete, die nicht umsonst geblieben sein soll. Es war ein langer, ätzender Weg und es wird auch lange Zeit noch ein langer, ätzender Weg bleiben. Ich habe viel über mich gelernt, viel über meine Krankheit, viel darüber, dass PTBS und Depressionen unterschiedliche Dinge sind und wie man sie unterschiedlich bekämpft  – aber ich weiß mittlerweile, dass ich mit dem, was ich durchmach(t)e, nicht alleine bin. Und ich bin auch dankbar für die Menschen, die das Verständnis aufbringen (allem voran meinem Mann) und mich sein lassen, wie ich bin.  Jeder sollte das sein, was er sein möchte und kann. Und man sollte immer ehrlich sein. Zu seinem Umfeld und vor allem zu sich selbst.

 

Versteckt euch nicht.

 

 

 

 


nzùmbe / Zombie

Erinnert ihr euch noch an die Zeit, in der wir wichtig erscheinende Geschäftsleute dafür bedauert haben, dass sie ständig an ihrem Blackberry hingen, per Bluetoothheadset telefonierend durch die Straße zogen und  sie sich nebenbei irgendwas vom Imbiss reindrückten? –  „Die haben doch kein Leben mehr!“ , sagten wir damals.

Was ist nun anders? Nicht viel, oder?
Egal, wo. In der Bahn sitzen sie, starren auf ihre Smartphones, statt sich mit ihren Freunden zu unterhalten. Sie überqueren die Straße, ohne auch nur ein Mal davon aufzublicken. Selbst beim Frühstück im Hotel – im gemeinsamen Urlaub – sitzen sich Paare gegenüber und lesen nur auf ihren Smartphones, statt sich in die Augen zu sehen, oder wenigstens auf ihr Essen. Kommunikation ist ungemein schwierig geworden, egal wo man sich aufhält. Auf Feiern, im Restaurant, im Schlafzimmer am Bett, in der Schule, beim Job: überall muss es direkt parat sein, denn: man könnte ja etwas verpassen.
Aber was verpasst man denn wirklich? Ein paar Favs, Likes, Nachrichten, Fotos? Haben die denn keine Zeit, sind gar später nicht mehr da? Oder sind sie wirklich so überaus wichtig für uns? Anscheinend schon.
Gerade Schüler sagen häufig, dass sie sich damit aus Langeweile beschäftigen, ich hab aber eher den Eindruck, dass sie nur noch Langeweile empfinden, wenn sie kein Smartphone parat haben und sich nicht zu beschäftigen wissen.

Smartphones ersetzen Wecker, Mp3player, Kalender, Gameboy, Nachschlagewerke in Buchform, Übersetzer, Straßenkarten und meiner Meinung nach irgendwie auch den Selbstwert, den man wunderbar mit Fotolikes, Direktnachrichten, Kommentaren und Favs auf eine positive Bahn zu lenken versucht. Gerade was Twitter betrifft scheint das mittlerweile der Hauptgrund für viele Leute zu sein, denn nicht umsonst scheint man sich dort ständig zu profilieren oder besonders lustig sein zu wollen. Nicht umsonst hört man: „Woah, der Tweet geht durch die Decke.“
Aber ist das eine besondere Leistung? Ein Erfolgserlebnis vielleicht – aber auch nicht mehr.

Sie ersetzen irgendwann Freunde und Familie.

Warum ich das schreibe, obwohl ich selbst ein Smartphone besitze und nutze? Weil es mich nervt. Es nervt mich, wenn Leute beim Essen dransitzen (ich finde das extrem unhöflich), es nervt mich, wenn eine Antwort 5 Minuten dauert, weil der Gegenüber noch in ein anderes Gespräch an seinem Telefon vertieft ist, es nervt mich, dass die Gegenüber ihre Außenwelt nicht mehr wahrnehmen und am meisten nervt mich, dass man immer Präsenz zeigen muss – oder es glaubt. Ich habe mir abgewöhnt, immer gleich bei WhatsApp zu antworten, denn ich hab ein Leben außerhalb des Internets. Und wenn ich keine Lust/Zeit hab, hab ich eben keine. Genauso gibt’s kein Smartphone im Schlafzimmer und es wird nach dem ersten Checkup morgens oder während des Tages auch mal weggelegt. Ich hab nichts davon an Dingen zu arbeiten und mich selbst (denn es ist ja meine Schuld, dass ich das mache, nicht die der anderen) abzulenken. Manchmal schalte ich sogar die Notifications aus, weil es mich einfach nur stresst. Was kann so wichtig sein, wie die Realität? Nichts.

Im Bekanntenkreis gibt es aktuell zwei Fälle, die die Realität nicht sonderlich ernst genommen haben. Die eine hat Mann und Kind auf’s Spiel gesetzt, beide links liegen lassen, sich selten mit ihnen beschäftigt und dann mit ihnen auseinander gelebt. Jetzt wo er sich trennt, kommt das dunkle Erwachen und die Heulerei. Wofür?
Der zweite Fall hat neulich seine ganzen Accounts gelöscht, weil seine Frau nur noch das Gefühl hatte, wie Luft behandelt zu werden. Sie hat sich als störender Faktor gefühlt, weil er sogar genervt war, wenn sie ihn in seiner Unterhaltung „unterbrach“. Er hat allerdings die Reißleine gezogen und mit dem Löschen der Accounts Prioritäten gesetzt, die ihm vor Androhung der Trennung nicht bewusst waren. Traurig genug, dass Menschen oft nicht wissen, was ihnen wichtig ist und dass sie es für Interaktionen mit teilweise völlig fremden einfach hergeben. In seinem Fall hat er arg seinen Selbstwert gepusht, geflirtet, auf Favs hingearbeitet, ständig mit seiner Frau gestritten – um dann festzustellen, dass es das gar nicht wert war.
Hand auf’s Herz:
Wer sieht als erstes morgens oder nach/vor/während der Arbeit nach, was online los war und guckt MINDESTENS ein Mal die Stunde darauf? Habt ihr mal eure Smartphone-Nutzung auf einen Tag hochgerechnet und darauf, was man in dieser Zeit noch alles hätte tun können? Kriegt ihr Panik, sobald das Smartphone nicht in Reichweite liegt? Gehört ihr zu den Leuten, die ihren Tagesablauf immer weiter nach hinten schieben, weil sie nur kurz etwas nachgucken wollten? Könnt ihr noch ohne auf die Toilette oder eine Rauchen gehen?

Wenn ja, solltet ihr vielleicht eine Kleinigkeit ändern. Fragt euch, ob es gerade jetzt wichtig ist, dieses Foto hochzuladen, oder  online zu gehen. Fragt euch, ob ihr es nicht vielleicht einfach mal Zuhause lassen könnt und fragt euch, ob ihr eure Partner so behandelt, wie ihr behandelt werden wolltet.


#gamers4refugees – und was damit verbunden ist

Liebe Gamer, liebe Gelegenheitsgamer, lieber Nichtgamer,

ihr seid alle gefragt!

Ich weiß, dass das Thema Flüchtlinge viele in meiner Timeline nur noch abfuckt, dass viele sagen, es nerve, nur noch ein Thema zu lesen. Viele nehmen auch an, dass einige nur da mitziehen, um etwas zu sagen zu haben oder sich als „White Knights“ zu profilieren. Auch mir wurde das unterstellt. Und wisst ihr was?
Das ist mir völlig egal. 🙂

Ich spende seit Jahren einen festen Betrag an Plan und habe eine Patenschaft übernommen.
Ebenfalls seit ein paar Jahren spende ich an den ASB in Braunschweig – unter anderem für den Bau eines Krankenwagens extra für Säuglinge (davon gibt’s in diesem Land nämlich echt wenig). Ich hab jahrelang Spenden gesammelt für Dunkelziffer e.V. und es hat mir nicht geschadet. Und ich wette, ihr wusstet das nicht mal – ich gehöre nicht zu den White Knights, die sich damit brüsten und selbst wenn es Menschen tun, es schadet niemandem. Es schadet nicht, anderen etwas zu gönnen.

Logo von @Kaffeekind (Twitter)

Logo von @Kaffeekind (Twitter)

Worauf ich eigentlich hinauswollte:
Die aktuelle Flüchtlingsthematik ist bekannt – es sterben tausende Menschen im Mittelmeer auf dem Weg in die Freiheit – sie werden in Zeltstädten untergebracht, die zum Winter hin gewiss sehr kalt sein dürften, es braucht genügend Nahrung und Kleidung, was durch Sachspenden zu einem Teil aufgefangen wird, aber es braucht auch Akzeptanz, Toleranz und Schutz.  Erst jetzt gingen Fotos eines Kindes herum, dessen lebloser Körper angespült am Strand liegt – er ist auf der Flucht ertrunken. Ein Kind, das nur eine Welt voller Schmerz in seinem kurzen Leben kannte und keine positiven Erfahrungen mehr wird machen dürfen.
Ich möchte nicht an die Menschen appellieren, die „Das ist gestellt!“ rufen, nicht an die, die in Allem nur eine Verschlechterung ihrer eigenen Situation vermuten und nicht an die, die glauben das Boot sei schon lange voll – denn Flüchtlingsboote sind bis zum Rand gefüllt.  Da ist Hopfen und Malz in fast allen Fällen verloren.

Ich möchte euch von einer Aktion erzählen, die Tibor und Pia in die Welt gerufen haben.
Die Rede ist von #gamers4refugees.
Sicherlich ist dem Einen oder Anderen schon etwas davon durch die Timeline geschwirrt und die Resonanz bisher war weit besser, als erwartet – aber es gibt immer noch viel Bedarf, vor allem in der Gamingszene. Die großen Plattformen, welche durch bloßes Teilen allein schon viel erreichen könnten, haben kein oder ein vermindertes Interesse daran (bis auf Gameswelt – aber die sind eh großartig!), sich „vor einen Karren spannen zu lassen“ – also liegt es an uns, den Hashtag und eben auch die Aktion weiter zu verbreiten. Es geht darum Spenden für ProAsyl (die seit mehr als 25 Jahren in dem Bereich aktiv sind) zu sammeln. Es geht darum, Menschen zu helfen, die nichts sonst haben. Es geht darum, etwas zu bewirken!

Springt über euren Schatten, glaubt nicht alles, was rechts-angehauchte Medien schreiben, kommt vielleicht von dem „Ich hab auch Probleme“-Gedanken weg – denn ich hab sie auch. Wir alle haben welche – aber ein Klick auf den Sharebutton und ein Euro als Beispiel tun nicht weh, denn wir haben immer noch mehr, als viele anderen Menschen. Viele von ihnen haben nur noch ihr Leben – das war’s.

Wer bis hierher gelesen hat und noch nicht vollends genervt ist, kann den Blogeintrag teilen, sich auf #gamer4refugees Infos über die Aktion holen, oder bei Bedarf auf die Spendenseite gehen. Das Spendensystem ist sehr bequem: es kann vom Konto per Lastschrift abgebucht werden, per Paypal laufen etc. – und die Initiatoren sehen das Geld nicht.; nur für den Fall, dass euch das sorgt. Es geht direkt an den Verein, für den gespendet wird.
Übrigens, wer glaubt, dass es scheiße sei, dass andere Menschen für einen Verein sammeln, welcher diese Aktion selbst reinstellen könnte: ProAsyl hat das bereits getan und bei weitem nicht so viel erreicht – wir brauchen die Community!