„Tue was du liebst“

Wähle einen Beruf den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten. – Konfuzius

 

Praktisch jeder Mensch kennt diesen Spruch und jeder kennt die Geschichten von Menschen, die in ihren Jobs die Erfüllung finden, weil sie ihrem Herzen folgen und ihre Leidenschaften im Beruf ausleben. Man erzählt sich von Menschen in gut bezahlten Jobs, welche sich mitten im Leben plötzlich dafür entscheiden, etwas zu machen, was weniger angesehen und weniger gut bezahlt ist. Sie sind glücklich und der Weg ist denkbar einfach. Sie tun es ja einfach. Wären diese Geschichten umgekehrt so inspirierend? Selten. Noch seltener werden sie erzählt. Schon gar nicht von Motivatoren, Personalern und Menschen, die ihr Geld mit ähnlichen Tätigkeiten verdienen.

Warum?
Weil es sich selten realisieren lässt. Ein großer Teil der Menschen arbeitet in Berufen, die nicht ihr Traumjob sind, haben Familie, Miete zu zahlen oder können sich einen kompletten Umbruch und Lohnverzicht schlicht nicht leisten. Es muss weniger mit Hierarchie, Referenzen und Ausbildung zu tun haben. Die Risiken sind außerdem zahlreich. Was, wenn man doch nichts findet? Was, wenn das Geld zu knapp wird? Was, wenn ich eigentlich eine andere Zeitplanung und Vorstellung meines Lebens habe? Was, wenn ich zwischen all dem zum Beispiel Kinder möchte? Was, wenn ich schon über 50 bin und auf dem Markt schon geringere Chancen habe?

Nah dran ist perfekt

Diese Geschichten und Vorträge sind schön anzuhören und können dem Ein oder Anderen sicherlich auch klarmachen, was ihm fehlt – aber sie machen oft unglücklich. Wenn Menschen beschließen alles hinter sich zu lassen und eine Bar aufzumachen, ist das toll. Wenn sich jemand entschließt, nun doch etwas völlig anderes zu machen – ebenso! Für andere ist es eine Messlatte an der sie scheitern. Ein Job sollte Spaß machen, aber kein Job der Welt tut dies jeden Tag, zu jeder Zeit. Da spielt nicht nur das, was man kann und das was man machen will eine Rolle, sondern eben auch alles andere. Noch weniger Spaß macht ein Job, wenn man sich fragt, ob er nicht eigentlich immer Spaß machen sollte und wo man bei seiner Berufswahl falsch abgebogen ist. Oder gar wenn man das Gefühl hat, sich nicht mit weniger zufrieden geben zu dürfen, als das Gefühl, der Job sei makellos und perfekt. Was spricht gegen „nah dran“ und hier und da einen Kompromiss oder einen Ausgleich? Wenn wir statt dieser Geschichten vielleicht auch ein bisschen mehr der Wahrheit erzählten, nämlich, dass Arbeit – egal welche – letztendlich nur ein Austausch von Zeit gegen Geld ist, gewännen wir wohl mehr.

Es ist nicht schlimmes daran.

 

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Kundentypen…

… von denen niemand dachte, dass es sie wirklich gibt. Wie schon mal gesagt, hab ich einige Jahre Erfahrung in dem Bereich und bin auf einige Leute gestoßen, von denen ich zuvor auch dachte, dass sie als Einzelexemplare so manchen Verkäufer erschrecken. Manche von ihnen gibt’s aber häufiger, als man denkt.

  • Der „Ich-kotz-dir-ins-Café-und-geh-dann-unbemerkt“-Kunde
  • Der „Mir-fällt-zu-allen-Waren-ein-perverser-Witz-ein“-Kunde
  • Der „Grundlos-Rumbrüll“-Kunde
  • Der „Ich-klau-bei-jedem-Besuch-eine-Tasse“-Kunde
  • Der „Ich-esse-den-halben-Kuchen-und-reklamiere-ihn-dann“-Kunde
  • Der „Ich-prügel-mich-um-meinen-Stammplatz“-Kunde
  • Der „Ich-möchte-dass-man-mir-aus-meiner-Zeitung-vorliest“-Kunde
  • Der „ICHBINABERSTAMMGAST!!!“-Kunde, der nie zuvor den Laden betrat
  • Der „Mir-gefällt-die-Tasse-nicht“-Kunde
  • Der „Ich-behaupte-dass-die-reklamierte-Ware-aus-diesem-Laden-ist-auch-wenns-nicht-so-ist“-Kunde
  • Der „Ich-schreie-den-Laden-zusammen-weil-sie-keine-Kundentoilette-haben“-Kunde
  • Der „Ich-krümel-alles-um-den-Tisch-herum-voll-nur-nicht-den-Teller“-Kunde
  • Der „Der-Kaffee-war-früher-billiger“-Kunde
  • Der „Ich-frag-die-Verkäuferin-nach-ihrer-Intimbehaarung“-Kunde
  • Der „Ich-war-heute-auf-dem-Friedhof“-Kunde
  • Der „Ich-droh-Ihnen-mit-einer-Anzeige“-Kunde
  • Der „Hier-ein-Cent-Trinkgeld“-Kunde
  • Der „Ich-lasse-jedes-Mal-einen-Löffel-da“-Kunde
  • Der „Darf-ich-Pommes-essen-wenn-ich-einen-Kaffee-kaufe?“-Kunde
  • Der „Ich-bleib-5-Stunden-mit-einem-Kaffee-im-Laden-und-guck-dir-zu“-Kunde
  • Der „Ich-steh-20-Minuten-vor-Öffnung-vor-der-Scheibe-und-kauf-dann-nichts“-Kunde
  • Der „Ich-bin-besoffen-und-leg-mich-ohne-Hose-ins-Café“-Kunde
  • Der „Ich-trink-mit-meinen-Freunden-Schnaps-und-kann-nicht-mehr-aufstehen“-Kunde
  • Der „Ich-uriniere-wortlos-auf-den-Stuhl“-Kunde
  • Der „Ich-kenne-Sie-nicht-obwohl-Sie-schon-4-Jahre-hier-arbeiten“-Kunde
  • Der „Woher-wissen-Sie-das-alles?“-Kunde
  • Der „Ich-schreie-rum-weil-meine-Gutscheine-ein-Jahr-abgelaufen-sind“-Kunde
  • Der „Darf-ich-Sie-fotografieren?“-Kunde
  • Der „Ich-gehe-einfach-in-den-Mitarbeiterbereich“-Kunde
  • Der „Mir-fallen-3-Flaschen-Nagellack-runter“-Kunde
  • Der „Ich-kenne-Sie-irgendwoher“-Kunde
  • Der „Demenzkranke-den-man-immer-daran-erinnern-muss-was-er-krankheitsbedingt-bestellen-darf“-Kunde
  • Der „Ich-schlafe-kurz-vor-Feierabend-ein-und-man-weiß-nicht-ob-ich-tot-bin“-Kunde
  • Der „Ich-bestelle-etwas-zahle-es-an-und-komme-nie-wieder“-Kunde
  • Der „Ich-komme-jeden-Tag-und-beschwere-mich-dass-es-zu-teuer-ist“-Kunde
  • Der „Ich-hab-immer-meine-Hose-offen“-Kunde
  • Der „Mafiaboss-der-versucht-dich-über-den-Tisch-zu-ziehen“-Kunde
  • Der „Ich-wechsel-so-lange-Geld-bis-ich-dich-verwirrt-habe“-Kunde
  • Der „Ich-lasse-immer-etwas-liegen“-Kunde
  • Der „Ich-zahle-alles-in-zwei-Centstücken“-Kunden
  • Der „Ich-find-das-alles-eigentlich-doof-aber-hab-Hunger“-Kunde
  • Der „Haben-Sie-auch-was-ohne-Zucker?“-Kunde
  • Der „Können-Sie-mal-eben-auf-meine-Kinder-aufpassen?“-Kunde
  • Der „Warum-haben-Sie-keinen-Teppich?“-Kunde
  • Der „Ist-das-Ihre-Naturhaarfarbe?“-Kunde
  • Der „Ich-mache-Diät-aber-hätte-gern-was-kompatibles“-Kunde
  • Der „Ich-erzähle-dir-von-meinen-missratenen-Kindern“-Kunde
  • Der „Egal-wie-ich-will-mich-unterhalten“-Kunde
  • Der „Ich-mach-eigentlich-nur-Werbung-für-meinen-Sexshop“-Kunde
  • Der „Ich-führe-jedes-Bewerbungsgespräch-bei-Ihnen“-Kunde
  • Der „Ich-hätte-doch-lieber-was-anderes“-Kunde
  • Der „Sie-machten-6-Tassen-ehe-ich-sage-dass-die-to-go-sind“-Kunde
  • Der „Ich-trinke-Cappuccino-fremder-Leute“-Kunde
  • Der „Ich-beleidige-Sie-weil-Sie-keine-laktosefreie-Milch-haben“-Kunde
  • Der „Ich-gehe-davon-aus-dass-jeder-meine-Teesorte-mag-auch-wenn-sie-keiner-kennt“-Kunde
  • Der „Sie-müssen-extra-sagen-dass-Marzipan-drin-ist-auch-wenn-es-auf-dem-Schild-steht“-Kunde
  • Der „Ich-schmecke-was-raus-was-ich-nicht-mag-auch-wenn-es-nicht-drin-ist“-Kunde
  • Der „Sie-müssen-den-Henkel-nach-links-stellen“-Kunde
  • Der „Machen-Sie-einfach-irgendwas“-Kunde

Depression, das Arschloch.

Dies ist ein Blogeintrag, mit dem ich ein paar kleine Dinge aufräumen will, die Depressionen betreffen. Es ist ein Bruchteil dessen, was ich erlebt habe, aber ein gut ausgesuchter Bruchteil, der wenigstens etwas wiedergibt, was manche Menschen durchmachen müssen. Und wie wichtig es für manche ist, auf sich selbst zu hören.

Seit 11 Jahren leide ich an rezidivierenden Depressionen. Das weiß ich aber auch erst seit meinem Klinikaufenthalt vor 3 Jahren. Depressionen sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Sie können langsam in dein Leben kriechen und manchmal lassen sie sich von der Decke fallen und erschlagen dich mit ihrem Gewicht. Sie können sich auf deine Schultern laden und dich gen Erde drücken, oder Hand in Hand mit dir gehen, bis der Zeitpunkt gekommen ist, um zuzuschlagen. So oder so: du hast immer die Arschkarte. Und so oder so: man sieht sie dir nicht an – das ist auch heute noch ein Problem.

„Du bist in der Pubertät, das ist normal.“

Wenn du jung bist, wird’s auf die Pubertät geschoben, wenn du älter wirst, ist das dieses „Weltschmerz“. Nicht, dass nie jemand da gewesen wäre, um darüber zu sprechen, aber da war viel Unwissen und auch viel Unglaube. Die Unterstellung von Aufmerksamkeitsheischerei, von Normalität und dessen, dass man einen junge Heranwachsende nicht ernst nehmen könne – von diesen ab und zu mal traurigen Jugendlichen gibt es einfach zu viele. Heißt es. Und manchmal kann ich’s auch verstehen.

„Geh halt mal mehr raus.“

Depressionen können für Menschen viele Dinge bedeuten. Als ich jung war, war’s Selbstverletzung (die sich über 10 Jahre zog) und ständiges Grübeln, häufiges Denken an die Nichtexistenz als solche, an eine Art Ende. Die Gedanken ließen sich nicht stoppen: es war eine Art Spirale, die je mehr Gedanken folgten, tiefer hinabführte und sich nicht stoppen ließ.  Als ich älter wurde, folgte mehr und mehr die Isolation; eines der schlimmeren Symptome. Ich hatte keinerlei Interesse daran, mit den paar Freunden, die ich hatte, wegzugehen. Suchte immer neue Ausreden, um Feierei und Spaß aus dem Weg zu gehen (auch wenn ich da früher wirklich viel Spaß dran hatte). Ich war mit allem überfordert: mit meinem Briefkasten, der inzwischen überquoll, mit meinen Finanzen, mit dem Kochen eines einfachen Essens, mit meiner Hausarbeit, mit der Pflege meiner Selbst. In einer der schwersten Episoden nahm ich – ganz ohne es zu merken – einfach mal 20 Kilogramm ab. Und etwa so stetig, wie ich mein Gewicht verlor, verlor ich in etwa dem gleichen Zeitraum jegliche Zuversicht, jegliches Glück, jegliche positive Einstellung, vielleicht sogar so ziemlich alle Gefühle, die ich schätzte – als hätten sie einfach meinen Körper verlassen. Ich hab die Kontrolle von etwas völlig anderem übernehmen lassen und resignierte. Das dauerte nur ein halbes Jahr.
Resignation war insgesamt eines der schlimmsten Gefühle: denn ich hab für mich selbst akzeptiert, dass es niemals wieder besser werden könnte; und ich hab es geglaubt. Dann kam die Suizidalität.

„Sie haben doch alles, wieso sind Sie depressiv?“

Wie hätte ich daran glauben sollen, etwas zu haben, wenn mir die Depression einredete, alles zu verlieren? Wenn ich mich in die Scheiße ritt, weil ich schon zu lange in Regungslosigkeit harrte? Wenn mir Menschen nahmen, was ich hatte und es ja doch wieder passierte? An manchen Tagen stand ich auf, machte mich für die Arbeit fertig, stieg in den Bus und weinte hemmungs- und lautlos. Alles fühlte sich wie eine Last an, wie eine schier endlos große Aufgabe, wie etwas, das einfach nicht zu bewältigen war. Alles war einfach nur schwer und sinnlos. Wenn einem das Leben sinnlos vorkommt, was soll man also hier? Damit kamen dann die heftigen Suizidgedanken, welche zuvor nur in romantischer Schwarzmalerei als Ausweg stattfanden, wenn nun wirklich alles schiefging. Danach war es ein Wunsch. Irgendwann ein sehr heftiger Wunsch. Und irgendwann konnte ich nicht mehr über die Straße gehen, ohne zu wünschen, mich nähme ein möglichst großer LKW mit.

„Jeder ist mal traurig, das ist kein Grund zur Verzweiflung.“

Wenn man lang genug „dabei ist“, erkennt man die Phasen und weiß sich zu helfen. Jetzt wo es Herbst wird, merke ich sehr deutlich, wie wenig mir soziale Kontakte gut tun, wie sehr ich mich gern rausnehmen würde (wozu ich die Möglichkeit mittlerweile habe) und wie selten ich auf Telefonate und Nachrichten antworte; wie abweisend ich sein kann. Mittlerweile nehme ich mir diesen Raum und finde ihn okay. Früher hab ich den Wunsch unterdrückt und versucht Allem und Jedem gerecht zu werden – was alles schlimmer machte. Da ich aber zu Klinikzeiten sowieso sehr viele Freunde habe einbüßen müssen (weil man automatisch als unzurechnungsfähig und irre gilt) und meine Prioritäten bei Menschen in meinem Umfeld mittlerweile anders setze, ist das kaum mehr ein Problem. Man erklärt sich und es ist in Ordnung. Man nimmt sich die Zeit, die man braucht, man lässt mal ein paar Sachen liegen und schöpft neue Kraft, ohne 24 Stunden am Tag funktionieren zu müssen – das hat mit der Arbeit zum Beispiel nie funktioniert.

“Depressive tun nichts, außer den ganzen Tag im Bett liegen und rumheulen”

Das ist falsch. Die meisten (einschließlich mir) sind wahre Arbeitstiere und interessiert daran, möglichst wenig aus- und aufzufallen. Sie fühlen die Verantwortung anderen gegenüber, zum Beispiel ihren Kollegen. Wir haben keinen Gipsarm, hinken nicht, sehen auch sonst eher selten sehr krank aus, geben in den Bereichen, in denen wir eh müssen meist mehr als 100 Prozent, aber wir leiden deshalb nicht weniger. Wir leiden einfach nur für uns. Ohne sichtbares Ergebnis, ohne heftiges Trara. Die wenigsten lassen sich in den schlimmeren Zeiten krankschreiben, oder fallen auf Arbeit aus und wenn, dann eher mit kleineren, plausiblen Wehwehchen. Selten, aber ja, es kommt vor. Manchmal bin ich einfach nur müde und habe keine Lust. Manchmal eben auch nicht.

„Du bist krank, das ist deine Depression, oder?“

Eines der Dinge, die ich am meisten hasse: sobald raus ist, dass du daran erkrankt bist (und den Kampf nie aufgegeben hast), haben alle die besten Ratschläge. Jedes Mal, wenn du dich wegen einer Erkältung krank meldest, bist du diejenige, die der Lage nicht mehr Herr wird. Wenn du ein paar schlechte Tage hast, „ist sie zurück“. Du bist automatisch überfordert, automatisch wieder drin.  Wenn du für dich sein willst, oder depressiv bist,  kommen alle „um dir das Leben leichter zu machen“. Das macht es nicht. Niemand will verhätschelt und sonderbehandelt werden. Niemand will „anders“ behandelt werden und sein. Ich will meine Ruhe damit und meinen Frieden. Mich manchmal auskotzen und nicht sonderbehandelt werden oder daran erinnert, dass die Sonne ja irgendwann wieder scheint. Denn in der Theorie weiß ich das eh.

„Hättest du eine Auszeit gebraucht, hättest du Urlaub nehmen können“

Sehr tückisch und unwahr, aber häufig immer noch geläufig. Depressionen sind eine Krankheit, wie die allgemein bekannte Grippe, wie ein gebrochenes Bein oder wie die Masern zum Beispiel. Mit dem Unterschied, dass man sie den Menschen nicht ansieht. Das wäre mir bei meinem alten Arbeitgeber auch  bald zum Verhängnis geworden, indem man durchblicken ließ, dass man mich nicht eingestellt hätte, hätte man mir das angesehen. Deshalb: seid vorsichtig mit solchen Äußerungen, seid gerade in der dunklen Jahreszeit vorsichtig mit dem, was ihr den Menschen sagt. Ihr wisst nie, was es in ihnen auslöst und gerade, wenn man sich nicht ausmalen kann, wie den Leuten zumute ist, beißt euch einfach mal auf die Zunge.

Ich komme klar – ich kam es immer – aber ich möchte etwas an dieser Stigmatisierung ändern – auch weil das an mir viel Arbeit bedeutete, die nicht umsonst geblieben sein soll. Es war ein langer, ätzender Weg und es wird auch lange Zeit noch ein langer, ätzender Weg bleiben. Ich habe viel über mich gelernt, viel über meine Krankheit, viel darüber, dass PTBS und Depressionen unterschiedliche Dinge sind und wie man sie unterschiedlich bekämpft  – aber ich weiß mittlerweile, dass ich mit dem, was ich durchmach(t)e, nicht alleine bin. Und ich bin auch dankbar für die Menschen, die das Verständnis aufbringen (allem voran meinem Mann) und mich sein lassen, wie ich bin.  Jeder sollte das sein, was er sein möchte und kann. Und man sollte immer ehrlich sein. Zu seinem Umfeld und vor allem zu sich selbst.

 

Versteckt euch nicht.

 

 

 

 


Kunden haben immer Recht, oder?

Jeder, der als Dienstleister/Verkäufer arbeitet oder sonst häufig mit Kunden zu tun hat, kennt die goldene Regel:

KUNDEN HABEN IMMER RECHT, AUCH WENN SIE IM UNRECHT SIND!

Man muss immer freundlich bleiben – auch wenn der Gegenüber einem beim Sprechen ins Gesicht spuckt, rotanlaufend herumschreit oder gar mit der Faust auf den Tisch haut. Wenn die Omma  ihr Kleingeld auf den Tresen schüttet und sich dahinter eine Schlange bildet und auch, wenn man zum gefühlt 100. Mal seinen Satz wiederholen muss. Das gilt auch für die Leute, die alles runterwerfen.
Das ist unser Job – egal, wie ätzend es auch ist. Und ja: auch wenn man nicht geschlafen hat und sich das Lächeln ins Gesicht tackern muss.

Ich hab mittlerweile 8 Jahre im Handel hinter mir und daher allerhand Kundentypen erlebt. Ich arbeitete erst im Einzelhandel und später in einer Bäckerei mit Café und möchte jetzt ein paar meiner Dialoge mit euch teilen. Ich könnte Bücher damit füllen und werde es deshalb zukünftig auch hier machen (denn um manche Geschichten wär’s echt schade). Hier kommt der Anfang:

Sprung in der Schüssel

Kunde: „Sagen Sie mal, die Milchkaffeetassen sollten doch eigentlich bauchig sein?“
Ich: „Naja, bei uns sind sie eben hoch, ist aber das gleiche darin.“
Kunde: „Nee, ich glaub ich komm nicht mehr her, ich find das hässlich.“

Hast du eine App, hast du eine App

Ich: „Augenblick bitte, das Brotmesser ist wieder verschollen.“
Kunde: „Dafür gibt es eine App!“

Falsch abgebogen

Kunde: „Ich hätte gerne eine Schachtel Marlboro.“
Ich: „Ähm, tut mir leid, aber der Zigarettenladen ist nebenan.“
Kunde: „Oh, da bin ich wohl falsch abgebogen. Ist noch zu früh.“

Verwechselt

Ich: „Was darf’s heute für ein Brot sein, Frau R.? “
Kunde: „Der Hausfreund klingt gut.“
Kunde2 (lachend): „Also ich würde mich ja auch anbieten!“

Bitter

Kunde: „Soll ja nächste Woche wieder schöner werden.“
Ich: „Ich fahr zum Glück dann eh in die Sonne, das wird schon.“
Kunde: „Schön! Ich darf nicht, ich hab Hautkrebs.“

Falsches Huhn

Kundin: „Ach, Sie verkaufen jetzt auch Hähnchen, wie schön!“
Ich: „Ich hab nichts von Hähnchen bisher gehört?“
Kundin (*zeigt auf etwas*): „Na, da.“
Ich: (*räusper*): „Das ist Baumkuchen auf der Walze…“

Gerührt oder geschüttelt?

Kunde: „Ich hätte gern das dort.“
Ich: „Geschnitten oder im Stück?“
Kunde: „Am Stiel bitte.“

Pflaume

Kunde: „Was ist denn in den Muscheln drin?“
Ich: „Pflaumenmus.“
Kunde: „Höhöhöhö…“
Ich: „…“

Ayran

Kunde: „Wissen Sie, wie Sie vielleicht merken, bin ich nicht ganz nüchtern – nicht sehr romantisch.“
Ich: „???“
Kunde: „Naja, vielleicht hätte ich was essen sollen.“
Ich: „Dann sind Sie bei mir ja an der richtigen Adresse.“
Kunde: „Ja, wohl eine Brezel. Der lustige kleine Alkoholiker verliert immer sehr schnell Salz.“

Unfein

Kunde (zeigt auf Eclairs): „Was ist das?“
Ich: „Das ist ein Brandteig mit Vanillefüllung und mit Kuvertüre überzogen. Wird auch gerne Liebesknochen genannt.“
Kunde: „Ja, in unfeinen Kreisen.“

Schnapszahl

Ich: „Ich bringe Ihnen den Kaffee an den Tisch.“
Kunden: „Haben Sie auch Zigaretten? Oder Weinbrand, Jägermeister? Egal, wir nehmen alles.“


nzùmbe / Zombie

Erinnert ihr euch noch an die Zeit, in der wir wichtig erscheinende Geschäftsleute dafür bedauert haben, dass sie ständig an ihrem Blackberry hingen, per Bluetoothheadset telefonierend durch die Straße zogen und  sie sich nebenbei irgendwas vom Imbiss reindrückten? –  „Die haben doch kein Leben mehr!“ , sagten wir damals.

Was ist nun anders? Nicht viel, oder?
Egal, wo. In der Bahn sitzen sie, starren auf ihre Smartphones, statt sich mit ihren Freunden zu unterhalten. Sie überqueren die Straße, ohne auch nur ein Mal davon aufzublicken. Selbst beim Frühstück im Hotel – im gemeinsamen Urlaub – sitzen sich Paare gegenüber und lesen nur auf ihren Smartphones, statt sich in die Augen zu sehen, oder wenigstens auf ihr Essen. Kommunikation ist ungemein schwierig geworden, egal wo man sich aufhält. Auf Feiern, im Restaurant, im Schlafzimmer am Bett, in der Schule, beim Job: überall muss es direkt parat sein, denn: man könnte ja etwas verpassen.
Aber was verpasst man denn wirklich? Ein paar Favs, Likes, Nachrichten, Fotos? Haben die denn keine Zeit, sind gar später nicht mehr da? Oder sind sie wirklich so überaus wichtig für uns? Anscheinend schon.
Gerade Schüler sagen häufig, dass sie sich damit aus Langeweile beschäftigen, ich hab aber eher den Eindruck, dass sie nur noch Langeweile empfinden, wenn sie kein Smartphone parat haben und sich nicht zu beschäftigen wissen.

Smartphones ersetzen Wecker, Mp3player, Kalender, Gameboy, Nachschlagewerke in Buchform, Übersetzer, Straßenkarten und meiner Meinung nach irgendwie auch den Selbstwert, den man wunderbar mit Fotolikes, Direktnachrichten, Kommentaren und Favs auf eine positive Bahn zu lenken versucht. Gerade was Twitter betrifft scheint das mittlerweile der Hauptgrund für viele Leute zu sein, denn nicht umsonst scheint man sich dort ständig zu profilieren oder besonders lustig sein zu wollen. Nicht umsonst hört man: „Woah, der Tweet geht durch die Decke.“
Aber ist das eine besondere Leistung? Ein Erfolgserlebnis vielleicht – aber auch nicht mehr.

Sie ersetzen irgendwann Freunde und Familie.

Warum ich das schreibe, obwohl ich selbst ein Smartphone besitze und nutze? Weil es mich nervt. Es nervt mich, wenn Leute beim Essen dransitzen (ich finde das extrem unhöflich), es nervt mich, wenn eine Antwort 5 Minuten dauert, weil der Gegenüber noch in ein anderes Gespräch an seinem Telefon vertieft ist, es nervt mich, dass die Gegenüber ihre Außenwelt nicht mehr wahrnehmen und am meisten nervt mich, dass man immer Präsenz zeigen muss – oder es glaubt. Ich habe mir abgewöhnt, immer gleich bei WhatsApp zu antworten, denn ich hab ein Leben außerhalb des Internets. Und wenn ich keine Lust/Zeit hab, hab ich eben keine. Genauso gibt’s kein Smartphone im Schlafzimmer und es wird nach dem ersten Checkup morgens oder während des Tages auch mal weggelegt. Ich hab nichts davon an Dingen zu arbeiten und mich selbst (denn es ist ja meine Schuld, dass ich das mache, nicht die der anderen) abzulenken. Manchmal schalte ich sogar die Notifications aus, weil es mich einfach nur stresst. Was kann so wichtig sein, wie die Realität? Nichts.

Im Bekanntenkreis gibt es aktuell zwei Fälle, die die Realität nicht sonderlich ernst genommen haben. Die eine hat Mann und Kind auf’s Spiel gesetzt, beide links liegen lassen, sich selten mit ihnen beschäftigt und dann mit ihnen auseinander gelebt. Jetzt wo er sich trennt, kommt das dunkle Erwachen und die Heulerei. Wofür?
Der zweite Fall hat neulich seine ganzen Accounts gelöscht, weil seine Frau nur noch das Gefühl hatte, wie Luft behandelt zu werden. Sie hat sich als störender Faktor gefühlt, weil er sogar genervt war, wenn sie ihn in seiner Unterhaltung „unterbrach“. Er hat allerdings die Reißleine gezogen und mit dem Löschen der Accounts Prioritäten gesetzt, die ihm vor Androhung der Trennung nicht bewusst waren. Traurig genug, dass Menschen oft nicht wissen, was ihnen wichtig ist und dass sie es für Interaktionen mit teilweise völlig fremden einfach hergeben. In seinem Fall hat er arg seinen Selbstwert gepusht, geflirtet, auf Favs hingearbeitet, ständig mit seiner Frau gestritten – um dann festzustellen, dass es das gar nicht wert war.
Hand auf’s Herz:
Wer sieht als erstes morgens oder nach/vor/während der Arbeit nach, was online los war und guckt MINDESTENS ein Mal die Stunde darauf? Habt ihr mal eure Smartphone-Nutzung auf einen Tag hochgerechnet und darauf, was man in dieser Zeit noch alles hätte tun können? Kriegt ihr Panik, sobald das Smartphone nicht in Reichweite liegt? Gehört ihr zu den Leuten, die ihren Tagesablauf immer weiter nach hinten schieben, weil sie nur kurz etwas nachgucken wollten? Könnt ihr noch ohne auf die Toilette oder eine Rauchen gehen?

Wenn ja, solltet ihr vielleicht eine Kleinigkeit ändern. Fragt euch, ob es gerade jetzt wichtig ist, dieses Foto hochzuladen, oder  online zu gehen. Fragt euch, ob ihr es nicht vielleicht einfach mal Zuhause lassen könnt und fragt euch, ob ihr eure Partner so behandelt, wie ihr behandelt werden wolltet.


#gamers4refugees – und was damit verbunden ist

Liebe Gamer, liebe Gelegenheitsgamer, lieber Nichtgamer,

ihr seid alle gefragt!

Ich weiß, dass das Thema Flüchtlinge viele in meiner Timeline nur noch abfuckt, dass viele sagen, es nerve, nur noch ein Thema zu lesen. Viele nehmen auch an, dass einige nur da mitziehen, um etwas zu sagen zu haben oder sich als „White Knights“ zu profilieren. Auch mir wurde das unterstellt. Und wisst ihr was?
Das ist mir völlig egal. 🙂

Ich spende seit Jahren einen festen Betrag an Plan und habe eine Patenschaft übernommen.
Ebenfalls seit ein paar Jahren spende ich an den ASB in Braunschweig – unter anderem für den Bau eines Krankenwagens extra für Säuglinge (davon gibt’s in diesem Land nämlich echt wenig). Ich hab jahrelang Spenden gesammelt für Dunkelziffer e.V. und es hat mir nicht geschadet. Und ich wette, ihr wusstet das nicht mal – ich gehöre nicht zu den White Knights, die sich damit brüsten und selbst wenn es Menschen tun, es schadet niemandem. Es schadet nicht, anderen etwas zu gönnen.

Logo von @Kaffeekind (Twitter)

Logo von @Kaffeekind (Twitter)

Worauf ich eigentlich hinauswollte:
Die aktuelle Flüchtlingsthematik ist bekannt – es sterben tausende Menschen im Mittelmeer auf dem Weg in die Freiheit – sie werden in Zeltstädten untergebracht, die zum Winter hin gewiss sehr kalt sein dürften, es braucht genügend Nahrung und Kleidung, was durch Sachspenden zu einem Teil aufgefangen wird, aber es braucht auch Akzeptanz, Toleranz und Schutz.  Erst jetzt gingen Fotos eines Kindes herum, dessen lebloser Körper angespült am Strand liegt – er ist auf der Flucht ertrunken. Ein Kind, das nur eine Welt voller Schmerz in seinem kurzen Leben kannte und keine positiven Erfahrungen mehr wird machen dürfen.
Ich möchte nicht an die Menschen appellieren, die „Das ist gestellt!“ rufen, nicht an die, die in Allem nur eine Verschlechterung ihrer eigenen Situation vermuten und nicht an die, die glauben das Boot sei schon lange voll – denn Flüchtlingsboote sind bis zum Rand gefüllt.  Da ist Hopfen und Malz in fast allen Fällen verloren.

Ich möchte euch von einer Aktion erzählen, die Tibor und Pia in die Welt gerufen haben.
Die Rede ist von #gamers4refugees.
Sicherlich ist dem Einen oder Anderen schon etwas davon durch die Timeline geschwirrt und die Resonanz bisher war weit besser, als erwartet – aber es gibt immer noch viel Bedarf, vor allem in der Gamingszene. Die großen Plattformen, welche durch bloßes Teilen allein schon viel erreichen könnten, haben kein oder ein vermindertes Interesse daran (bis auf Gameswelt – aber die sind eh großartig!), sich „vor einen Karren spannen zu lassen“ – also liegt es an uns, den Hashtag und eben auch die Aktion weiter zu verbreiten. Es geht darum Spenden für ProAsyl (die seit mehr als 25 Jahren in dem Bereich aktiv sind) zu sammeln. Es geht darum, Menschen zu helfen, die nichts sonst haben. Es geht darum, etwas zu bewirken!

Springt über euren Schatten, glaubt nicht alles, was rechts-angehauchte Medien schreiben, kommt vielleicht von dem „Ich hab auch Probleme“-Gedanken weg – denn ich hab sie auch. Wir alle haben welche – aber ein Klick auf den Sharebutton und ein Euro als Beispiel tun nicht weh, denn wir haben immer noch mehr, als viele anderen Menschen. Viele von ihnen haben nur noch ihr Leben – das war’s.

Wer bis hierher gelesen hat und noch nicht vollends genervt ist, kann den Blogeintrag teilen, sich auf #gamer4refugees Infos über die Aktion holen, oder bei Bedarf auf die Spendenseite gehen. Das Spendensystem ist sehr bequem: es kann vom Konto per Lastschrift abgebucht werden, per Paypal laufen etc. – und die Initiatoren sehen das Geld nicht.; nur für den Fall, dass euch das sorgt. Es geht direkt an den Verein, für den gespendet wird.
Übrigens, wer glaubt, dass es scheiße sei, dass andere Menschen für einen Verein sammeln, welcher diese Aktion selbst reinstellen könnte: ProAsyl hat das bereits getan und bei weitem nicht so viel erreicht – wir brauchen die Community!


„Co-Alkoholiker“

Ich habe gestern einen Artikel gelesen, den ich für sehr hilfreich und sehr wichtig halte im Umgang mit Alkoholikern und das (An-)Erkennen jener. Genauso wichtig ist auch zu erkennen, dass man selbst in einer schwierigen und wirklich kritischen Lage ist – oder sein wird. Den überaus großartigen Artikel von Herrn M. findet ihr hier – aus seiner Perspektive. Und das vor allem ungeschönt, ehrlich – mit hässlichen, aber effektiven Worten.

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Warum ich das teile? Weil ich selbst in einer Beziehung war, in der mein Partner trank und es lange Zeit hingenommen habe (oder nicht wahr haben wollte).
Es hat damit angefangen, dass man sich zum Cocktail-Trinken traf. Ist ja keine große Sache, viele Menschen machen das. Bierchen zusammen trinken, gesellig sein – die Sonne genießen. Alkohol selbst ist in der Gesellschaft ja anerkannt und auch öffentlich überhaupt kein Problem (wenigstens in Deutschland). Ich trinke auch immer noch Bier und habe kein Problem mit Menschen, die das tun.
Das Problem ist, dass die Grenze zwischen übermäßigem/regelmäßigem Konsum nicht immer klar ersichtlich ist. Und so war es bei mir.
Aus Cocktail- und Bierchentrinken wurde eine Beziehung. Man traf sich – aber erstmal nur außerhalb. Weitab einer Wohnung, die auch einem Messi hätte gehören können, weitab leerer Flaschen, weitab dessen, was einen Hinweis hätte geben können.
Als man sich dann im privaten traf, war es schon zu spät für „ich verpiss mich ganz schnell wieder“. Man liebte den Menschen und obgleich der erste Augenblick eher schockierend war, war man der Ansicht, man bekäme dies hin.
Das erste halbe Jahr ging dies auch relativ gut – der Schock war vergessen, man arbeitete an Wohnung und allem anderen.
Nach diesem halben Jahr ging alles bergab. Er trank regelmäßig und es gab Tage, da war ich froh, wenn er noch einigermaßen nüchtern war, wenn ich „nach Hause“ (eher in seine Wohnung) kam. Anfangs fand ich das noch ganz nett abends zusammen ein paar Biere bei einem Film zu trinken, anfangs hatte das auch keinerlei Folgen, außer, dass er zeitweise über-emotional war und jede Menge Süßholz raspelte. Irgendwann fiel mir aber auf, dass das Süßholzgeraspel proportional mit seinem Alkoholpegel stieg und ab einem Gewissen Pegel etwas anderem wich. Einem Menschen, mit dem man nicht mehr viel anfangen konnte. Ich fand es damals nett, dass er mich mit Komplimenten überhäufte. Ich fand es aber nur so lange nett, bis mir auffiel, dass er es nüchtern nicht mehr tat – im Gegenteil. Vielleicht hab ich in der Anfangsphase auch deshalb sehr lange weggesehen – ich wollte an der Beziehung etwas finden und er lieferte mir – zumindest alkoholisiert – Gründe dafür.

Aus einem netten, intelligenten Mann wurde jemand, der seinen Job verlor. Er wurde zu jemandem, der mich nachts aufweckte, auch wenn ich am nächsten Tag Frühschicht hatte, weil er, während ich schon ins Bett gegangen war, weitertrank und weil er nachts um 4 auf die Idee kam, jetzt sei ein guter Zeitpunkt um mit mir zu Quatschen. Ich war diejenige, die er später bat noch nach meiner stressigen Arbeit, Schnaps zu kaufen – völlig egal, dass ich den außerhalb meines Arbeitsumfeldes kaufen musste, damit keiner denkt, ich sei die Alkoholikerin. Und völlig egal, dass ich dafür noch eine Stunde später nach Hause kam – obwohl er den ganzen Tag mit seinem Arsch Zuhause saß. Aus der Liebe wurde irgendwann Mitleid, aus der Verzweiflung irgendwann Angst. Man hatte mehrere Gespräche im privaten mit seiner Mutter geführt, die sich tierische Sorgen machte und mittlerweile auch sah, dass er sich als Mensch restlos verändert hatte – er hatte auch kein Problem mehr damit, sich vor seinen Eltern mir gegenüber wie das letzte Arschloch zu verhalten. Er fühlte sich von ihnen bevormundet und wie ein Kind behandelt und argumentierte immer wieder damit, dass sie doch selbst Alkohol tranken (Wein zum Essen).
„Meine Freundin steht nicht hinter mir.“ – Das man mehr hinter dem Partner steht als hinter sich selbst, indem man für ihn lügt, seinen Scheiß besorgt und ihn stützt, wenn alles mal wieder Zuviel ist – das sieht keiner – noch seltener die Betroffenen. Man glaubt immer die herzerweichenden, theatralischen Versprechen zur Änderung. An die 100 Mal – bis es nicht mehr geht. Man entwickelt einen Spürsinn dafür, zu sehen, wie viel in einer geöffneten Flasche war, bevor man das Haus verließ – bis derjenige rausfindet, dass es kein Problem ist, die Flasche mit Wasser aufzufüllen. Man verliert die Lust daran, an freien Tagen Zuhause zu sein, weil der Korn dann schon kurz nach dem Aufstehen fließt und verlässt an Arbeitstagen eher das Haus, um das nicht ertragen zu müssen. Es tut einem weh. Es tut weh, zu sehen, dass Reden nichts bringt, dass Symptome wie Sodbrennen und häufiges Erbrechen nicht als jene anerkannt werden, und dass man,  wenn man darauf hinweist, dass dem so ist, noch müde belächelt wird. Es tut weh, wenn man aus der Wohnung gesperrt wird, weil ihm mal wieder im besoffenen Kopp irgendwas nicht in den Kram passt oder man sich nicht mit Leuten treffen kann, weil er vor anderen plötzlich zum Arschloch wird. Das schlimmste ist noch, dass einen die Hilflosigkeit auffrisst, weil man mit niemandem darüber reden kann – man will ihn ja schützen. Auch wenn man später nur noch das Arschloch ist. Außerdem finden sie für alles Ausreden/Rechtfertigungen und es ist ihnen irgendwann auch egal, was man davon hält („Wenn es dir nicht passt, dann geh!“):

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  • Das ist  keine Abhängigkeit, ich krieg ja noch alles geregelt
  • Ich hab frei, ist doch völlig egal
  • Ich brauch Magenbitter, Jägermeister beruhigt den (DURCH ALKOHOL!) gereizten Magen
  • XYZ hat einen ausgegeben, wäre unhöflich „nein“ zu sagen
  • Wenn ich so viel getrunken hätte, müsste man mir das anmerken
  • Du bist spießig – jeder trinkt mal über den Durst
  • Solange es nur Bier ist
  • Andere trinken mehr
  • Das ist nur Gewohnheit, nichts weiter
  • Alle anderen sind schlecht zu mir
  • Ich muss nur mal ab und zu runterkommen
  • Ich möchte weniger trinken, aber dann halt beim Essen und dann ist da eine Feier..
  • Ich hab zwei Tage nichts getrunken, ist doch ein guter Schnitt
  • Ich hab das unter Kontrolle
  • Du hast mich so aufgeregt/geärgert/vernachlässigt
  • Es ist sowieso egal
  • Ich hab immer schon Magenprobleme
  • Ärzte machen immer erstmal Drama – das ist ihr Job
  • Gehört eben zu XYZ dazu
  • Ich hab’s mir verdient
  • Ist ja nichts passiert
  • Ich hab nichts getrunken (lallt)
  • Du pennst ja nicht mehr mit mir (wenn die Fahne bis an die Decke reicht…)

Es ist nicht einfach, nicht an Schuldgefühlen und dem Glauben, eine Verantwortung zu haben, zu ersticken, aber es gibt nur sehr wenige Möglichkeiten, damit umzugehen. Entweder man bewirkt etwas (was eher selten der Fall ist), man setzt denjenigen auf den Pott und unterstützt ihn nicht mehr in seinem Tun und zieht sich ebenfalls zurück, oder man verlässt ihn. Letzteres tat ich nach 1,5 Jahren – weil alles anderen keinen Sinn machte und ich eben nicht mit ihm untergehen wollte.

Jeder, der das Gefühl halt, dass das, was ich, oder Herr M. schrieben irgendwie auf ihn zutreffen könnte (auch wenn es nicht alle Punkte sind, die übereinstimmen), sollte sich ganz ernsthaft mit dem Thema befassen und Hilfe/Unterstützung suchen.