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SVV: Gedanken (TW)

Ich habe im Anschluss zum letzten Artikel einen Text von @koexistenz bekommen (vielen Dank an dieser Stelle!), der euch mal eine Betroffenen-Sichtweise aufzeigt. Natürlich ist dieser Text subjektiv und kann/wird nicht für alle Betroffenen gelten; man darf aber gern in den Dialog treten und/oder sich zwecks Veröffentlichung an mich wenden – gerne auch anonym.
Ich wiederum hab mich in manchen Szenen wiedererkannt – gerade was Behörden, Beleidigungen und Bevormundungen angeht; vielleicht geht es manchen von euch ähnlich?

Aber lest selbst:

Gedanken zu SVV

Kannst Du Dir vorstellen, im Hochsommer in brütender Hitze einen Pulli zu tragen? In einer Gesellschaft zu leben, in der es nicht gerne gesehen wird, kurze Ärmel zu tragen? Wann immer Du ein Shirt trägst, wird über Dich gelästert, im schlimmsten Fall darfst Du dir dafür sehr verletzende Sprüche anhören. Für viele Betroffene mit selbstverletzendem Verhalten ist das Alltag.
Die Gesellschaft, in der wir leben, grenzt aus, was „anders“ ist.

Wenn man Narben von selbstverletzendem Verhalten hat, dann sind das Kampfnarben. In den meisten Fällen haben Betroffene viel durchgemacht, die Narben zeugen von Kämpfen mit sich selbst, mit dem Alltag, mit dem Leben. Man selbst kann wählen – Narben verstecken oder nicht?
Ich möchte Euch einen kleinen Einblick in die Situationen geben, die Betroffene oft erleben, wenn sie die Narben offen zeigen.

Belehrungen
Wenn es warm ist, verstecke ich meine Narben nicht. Es ist schon öfter vorgekommen, dass Menschen mir lange Vorträge halten. Ich persönlich finde das sehr unangenehm, dennoch fällt es mir sehr schwer, mich diesen Belehrungen zu entziehen. Es ist für mich kein leichtes Thema, solche Gespräche sind immer sehr anstrengend und meist habe ich kaum eine Chance, mir zu überlegen, wie ich mich am schnellsten aus dem Staub machen kann.
Allein die Tatsache, dass ich teilweise von Orten verschwinden muss, an denen ich gerne bin, finde ich sehr schade.
In solchen Gesprächen „darf“ ich mir dann oft anhören, was ich falsch mache. Dass ich mich einfach mal zusammenreissen muss, damit aufhören. Auch fallen Sätze wie „Narben entstellen dich“ oder „So findest du doch keinen Freund“.
Ja, ich habe Narben. Viele. Sie gehören zu mir. Ob Narben entstellen oder nicht, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich persönlich finde sie nicht entstellend, vermutlich auch, weil sie gefühlt schon immer da sind.
Mich stört es, dass ich, wenn ich keinen Pullover trage, automatisch ein Risiko eingehe, mir mehrmals am Tag von Menschen, die es vermutlich nur gut meinen (aber selbst davon keine Ahnung haben), Vorträge darüber anhören zu müssen, was ich anders machen muss. Der krasseste Fall war ein dreieinhalb Stunden langer Vortrag einer sehr aufdringlichen Person.
Ich kann hier nur für mich sprechen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass auch andere Betroffene sich solche Belehrungen anhören dürfen/müssen und lieber darauf verzichten würden.

Der „Ich kenn das“
Manchmal werden in Gesprächen meine Narben zum Thema. Oft kommt es vor, dass ich dann den Satz „Ich kenn das“ höre. Teilweise sind es sinnvolle Sätze, die darauf folgen: „Ich kenn das, meine Schwester macht das seit Jahren. Ich hoffe, es wird irgendwann besser bei dir.“
Meistens kommt aber sowas wie „Ich kenn das, ich hab mich mit 14 auch einmal geritzt, weil mein Freund mit mir Schluss gemacht hat.“
Generell ist es für mich in Ordnung, wenn meine Narben zum Thema werden. Schliesslich kann man sie sehen, es ist verständlich, wenn jemand neugierig ist, Fragen hat. Sätze wie das erste Beispiel finde ich vollkommen in Ordnung, weil die Person in diesem Fall wirklich wusste, was das bedeutet. Das zweite Beispiel höre ich allerdings öfter und gerne höre ich es nicht. Ich verletze mich seit Jahren, die Gründe sind sehr unterschiedlich. Sich mit 14 Jahren einmal verletzt zu haben, weil es einem ganz kurz schlecht ging, ist etwas anderes, als sich seit vielen Jahren so schlimm zu verletzen, dass es oft genäht werden muss oder müsste. Ich wünsche mir oft, dass Menschen lernen, diese beiden Dinge zu unterscheiden, auch wenn der Übergang ziemlich fließend ist. Im Zweifel würde ich mich darüber freuen, auf solche Formulierungen einfach zu verzichten.

Blicke und Lästereien, Beleidigungen, Beschimpfungen
Wenn man meine Narben sehen kann, dann wird gelästert und gestarrt. Das ist allgegenwärtig, ob in der Stadt oder auf dem Land. Das reicht von „im Bus angestarrt werden“ bis hin zu sehr lauten Lästereien Jugendlicher am Nachbartisch in der Pommesbude.
Oft fallen ziemlich harte Worte wie z.B. „Attention-Whore“, manchmal wird man als Emo klassifiziert.
Beleidigungen oder Beschimpfungen fallen auch oft, teilweise sind diese sehr verletzend. Ich frage mich des öfteren, wieso so etwas sein muss, wieso man sich über Menschen mit Narben von SVV lustig machen muss. Ich gehe meistens davon aus, dass diese Menschen einfach keine interessanten Themen zur Unterhaltung haben. Das macht es einfacher, damit umzugehen.

Kinder mit Eltern
Es kommt oft vor, dass Kinder meine Narben sehen. Viele von diesen Kindern haben so etwas noch nie gesehen und fragen sich natürlich, wieso ich so viele Narben habe. Meistens wird sofort ein Elternteil gefragt.
Das unangenehme sind hier nicht die Kinder, sondern die Eltern. Ich kann verstehen, wenn Eltern nicht wollen, dass ihr vielleicht 4 Jahre altes Kind mit so etwas konfrontiert wird – dennoch finde ich es nicht gut, wenn Eltern, die vermutlich wissen, wovon die Narben kommen, mit Lügen reagieren („Hat bestimmt eine böse Katze.“) oder sowas sagen wie „Da guckt man nicht hin“ oder ähnliches.
Wieso kann man nicht einfach so etwas sagen wie „Ich weiss es nicht“? Das finde ich persönlich weniger doof, als das Kind anzulügen und es schnellen Schrittes wegzuziehen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es Betroffene stört, wenn ein Kind die Narben ansieht. Die meisten Kinder sind nun einmal neugierig…

Indiskrete Fragen, unpassende Formulierungen
Nun ja, „Common Sense“ is not so common. Fragen finde ich vollkommen okay, einige Fragen finde ich jedoch zu persönlich. Okay finde ich sowas wie „Darf ich fragen, wieso du so viele Narben hast?“ oder Fragen danach, was man mich fragen darf. Das finde ich bei Neugierde vollkommen okay, zumal ich so die Grenzen selbst stecken darf.
Viel zu persönliche Fragen gibt es auch, insbesondere von Menschen, die mich vielleicht drei Minuten kennen. Fragen wie „Ritzt du dich zusammen mit Emo-Freunden?“ oder „Mit was ritzt du dich?“ gehen meines Erachtens einfach gar nicht, zu den Gründen, wieso ich das nicht okay finde, fallen mir keine Worte ein. Ich finde Fragen aus diesen Kategorien einfach nicht in Ordnung.
In Sachen Formulierungen würde ich mir wünschen, wenn auf negativ belegte Worte wie „Schnitzen, ritzen, schlitzen“ verzichtet würde und stattdessen einfach die neutrale Formulierung „sich selbst verletzen/selbstverletzendes Verhalten“ verwendet würde.

Diskriminierung
Oft verhalten sich Menschen mir gegenüber zuerst neutral, ändern dieses Verhalten jedoch, sobald sie meine Narben sehen.
Zuletzt kam es vor, dass ich beim Sozialamt war, um Wohnhilfe zu beantragen. Zu Beginn war die bearbeitende Person mit mir einer Meinung, im Laufe des Gesprächs zog ich aufgrund der Hitze im Raum den Pullover aus. Kaum sah mein Gegenüber die Narben, wurde aus der Wohnhilfe sofort Eingliederungshilfe, ohne mir eine einzige Frage zu stellen, ohne einen einzigen Arztbrief oder ein Gutachten zu sehen.
Das finde ich nicht nur verletzend, sondern auch diskriminierend. Bei vielen Sozialarbeitern und im Sozialamt angestellten Personen würde ich mir wünschen, wenn sie im Umgang mit psychisch kranken Menschen besser geschult wären, ob es um SVV geht oder nicht. Kaum ist bekannt, dass ich psychisch nicht gesund bin, werde ich kaum mehr gefragt, wenn es um Entscheidungen geht. Im Grunde werde ich kaum eingebunden. Es geht nur noch darum, mich irgendwie für die Gesellschaft passend zu bekommen, darum, die Gesellschaft toleranter zu machen, wird sich eigentlich nie gekümmert.

Selbstverletzendes Verhalten hat viele Formen. Ob man sich nun schlägt, Drogen nimmt oder sich schneidet macht im Grunde kaum einen Unterschied. Schnitte sind jedoch sichtbar. Das sollte eigentlich nicht problematisch sein, ist es aber. Für Menschen, die sich schneiden, weil es so viele Vorurteile gibt. Schon oft habe ich mir gewünscht, ich würde mich auf eine andere Weise verletzen.
Es ist aber auch für diejenigen ein Problem, die sich auf andere Arten verletzen, weil sie oft nicht ernstgenommen werden.
Wenn man sich in einer Art selbst verletzt, die Narben hinterlässt, dann hat man drei Optionen. Option eins, sich in der Wohnung verschanzen. Dass das keine Lösung ist, sollte allen bewusst sein.
Option zwei ist, einen Pullover zu tragen, einen Teil seiner Selbst zu verstecken, im Grunde unehrlich zu sich selbst zu sein.
Die letzte Option ist, seine Narben zu zeigen. Diskriminierung und Beschimpfungen sind allgegenwärtig, wenn man das tut. Wenn man dann auch noch auf Fragen antwortet, kann es sein, dass behauptet wird, man sei stolz darauf.
Irgendetwas muss sich ändern. Ich wünsche mir Inklusion, nicht Integration. Ich möchte nicht in eine Gesellschaft gequetscht werden, die mich nicht akzeptiert, wie ich bin. Ich möchte nicht an sie angepasst werden, nur damit ich weniger „Probleme“ mache. Ausserdem bin ich mehr als nur ein „Fall“. Ich bin ein Mensch wie jeder andere auch und finde es nicht fair, nur als Fall betrachtet zu werden. Ich bin keine Akte.
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die einen akzeptiert und respektiert, ob man Narben hat oder nicht, ob man sich verletzt oder nicht, ob man psychisch gesund ist oder nicht. Eine Gesellschaft, in die man nicht hereinintegriert, eingegliedert werden muss, sondern eine Gesellschaft, in der man gleich viel wert ist wie jeder andere. Eine, in der es egal ist, ob man Narben hat oder nicht.
Und ich finde es schade, dass das offensichtlich zu viel verlangt ist.

By @koexistenz


TW: Selbstverletzendes Verhalten

Wie einige von euch mitbekommen haben (einige vermutlich auch nicht) habe ich neulich unter dem Hashtag #VersteckDichNicht Bilder meiner Narben gepostet, welche zu 98% durch Selbstverletzendes Verhalten entstanden sind. Auch ein paar Tweets hatte ich unter diesem Hashtag (den übrigens @koexistenz ins Leben rief) abgesetzt. Dies hatte das Ziel anderen Betroffenen Mut zu machen. Mut dazu, zu den Narben zu stehen und sie zu akzeptieren. Mut dazu, über die eigene Scham oder Angst hinweg zu sehen und den Wollpulli bei wärmstem Wetter einfach mal im Schrank zu lassen. Vielleicht auch sogar den Mut aufzubringen, den es definitiv benötigt, um sich Hilfe zu suchen oder sich jemandem anzuvertrauen. Die Reichweite und das Feedback zu meinen (und anderen) Tweets hatte ich so nicht erwartet – danke dafür. Mich erreichten einige Fragen auch im Bezug auf andere Personen und den Umgang mit ihnen, ebenso wurde ich auch mit negativen Kommentaren, sowie Vorurteilen konfrontiert – deshalb schreibe ich diesen Blogeintrag. Ich möchte klären, was Selbstverletzendes Verhalten (kurz: SVV) ist, ein paar Vorurteile abbauen und ein paar offene Fragen beantworten.

Was ist SVV?

SVV (Selbstverletzendes Verhalten) beschreibt – trocken gesagt – autoaggressives Verhalten. Während bei der „normalen“ Aggression, die schädigende Verhaltensweise nach außen gerichtet wird, ist die Auto-Aggression gegen die eigene Person gerichtet. Das bedeutet in diesem Kontext, dass sich Betroffene mit und ohne Hilfe von „Werkzeugen“ Verletzungen/Wunden zufügen. Diese sind sehr vielfältig und reichen von blauen Flecken, Verbrennungen, Erfrierungen, ausgerissenen Haaren, Verätzungen, Bisswunden, Quetschungen bis hin zu Stich- und Schnittverletzungen. Letztere sind die bekanntesten und vor allem lange sichtbaren Formen.

Wodurch entsteht dieses Verhalten?

Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich. So unterschiedlich, wie die Betroffenen selbst. Es können Traumata im Spiel sein, Selbsthass, verschiedene Arten von Missbrauch, Substanzen, fehlende „Nestwärme“ und/oder geht mit einer/mehrerer Persönlichkeitsstörung/en einher. Die „Gründe“ oder besser gesagt Auslöser müssen nicht objektiv als „schlimm“ erachtet werden, denn sie fußen auf subjektivem Empfinden und gehen mit dem Krankheitsbild einher. Am häufigsten tritt SVV in der Pubertät auf, kann aber auch bei weit älteren Menschen in Erscheinung treten. Die meisten Betroffenen sind weiblich, aber es gibt auch viele männliche Betroffene – genaue Statistiken existieren aber leider nicht.

Wie geht man mit Betroffenen um?

Wichtig ist, die Person nicht abwertend zu behandeln und dessen Probleme ernst zu nehmen, auch wenn sie subjektiv betrachtet – also dem eigenen Empfinden nach – klein erscheinen mögen. Das Gespräch zu suchen kann helfen, extremes Nachbohren kann aber in Verschlossenheit enden. Wichtig ist, für den Betroffenen da zu sein, ihm zu zuhören und für ihn einen sicheren Hafen zu bilden, ihm gut zu zu reden – auch oder gerade wenn dieser sich selbst verletzt hat – auch wenn es einem gar nicht gefällt. Man kann durchaus sagen, dass es einem weh tut und ehrlich sein, aber Vorwürfe und Schuldbekundungen bringen niemandem was. Man kann versuchen mit Betroffenen die Auslöser für die Selbstverletzung/en zu finden oder bei der Wundversorgung helfen, alles andere sollte man allerdings einem Therapeuten überlassen. Wichtig: Freunde/Familie sind nicht dazu geeignet therapeutisch zu wirken und je eher eine Therapie begonnen wird, umso besser wirkt sie in der Regel. Rückfälle wiederum bedeuten nicht, dass die Therapie keinen Erfolg hatte und sollte ebenso nicht als Schuldzuweisung missbraucht werden.

Leute, die offensichtliche Narben haben machen das doch nur aus Aufmerksamkeit? 

Dem ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht so. Die meisten Leute, die ihre Narben offen tragen, haben eher mit dem Thema abgeschlossen und/oder sich mit jenen arrangiert. Dass man diese auf Aufmerksamkeitsgründen „zeigt“ ist relativ unwahrscheinlich. Häufiger ist sogar, dass Menschen diese vor den Augen anderer verstecken, ob fremd oder nicht, spielt dabei meisten keine Rolle. Wunden die offensichtlich getragen werden, weisen eher darauf hin, dass ein Mensch Hilfe benötigt und diese aus seinem Umfeld – als Beispiel – nicht bekommt. Merke: selbst wenn ein Mensch – möglicherweise – geradezu nach Aufmerksamkeit schreit, hat dies in der Regel einen Grund und dieser sollte herausgefunden und vor allem behandelt werden, auch wenn das für die ein oder andere Person etwas negatives oder gar verachtenswertes sein sollte.

Was tun, wenn mein (oder ein anderes) Kind eventuell an SVV leidet?

Darauf ansprechen kann durchaus helfen. Präventiv zu erklären, was SVV ist, Ursachenforschung zu betreiben und zu verbildlichen, worin und wie SVV enden und aussehen kann, sind wichtige Maßnahmen. Ein Gespräch mit den Eltern des Kindes kann ebenfalls wichtig sein, muss aber von Fall zu Fall unterschieden werden und sollte vor allem geschehen, wenn man sich der Umstände sicher ist. Alles andere sollte aber nach wie vor einem Therapeuten überlassen werden. Man kann dem Kind zB. anbieten, es zu begleiten, oder diese Themen zu besprechen.

Wer sich ritzt, ist Borderliner?

Nein, nicht zwingend. SVV ist eher ein Symptom als ein Krankheitsbild an sich. Es stimmt, dass viele Hausärzte (oder andere Ärzte, teils sogar Psychologen) einem gleich den Borderliner-Stempel aufdrücken, weil dies tatsächlich recht häufig zutrifft – dennoch ist es aber völliger Quatsch. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung hat sehr viele Facetten und sehr viele Punkte, an denen man sie festmachen kann: diese reicht von zwischenmenschlichen Beziehungen bis hin zu dissoziativen Störungen etc. Manche Ärzte machen es sich schlicht zu einfach. Auch ich bin immer wieder auf dieses Vorurteil gestoßen, weil ich zwei oder drei Kriterien erfüllte, aber mit dem Krankheitsbild sonst nichts gemein habe. SVV begleitet diverse Persönlichkeitsstörungen, Ess-Störungen sowie auch Depressionen. Bei SVV, welches mit Borderline einhergeht, würde ich mich persönlich an einen Facharzt/-therapeuten wenden, da ich selbst keine Erfahrungen damit habe und das Verhalten gegenüber Betroffenen da – soweit ich weiß – doch noch etwas differenzierter betrachtet werden muss.

Ist SVV gefährlich?

In der Regel haben Menschen, die sich selbst verletzen, keinerlei Tötungsabsicht. Eher noch kann man sagen, dass Selbstverletzendes Verhalten eine Art Schutzmechanismus ist, mit dem sich Betroffene über Stress, innere Anspannung, innerlichen Schmerz und zum Beispiel ständige Angst hinweg helfen. Es ist eher ein Ventil für Menschen, die das Gefühl haben, innerlich zu platzen. Ein Ventil für jene, welche sich nicht erlauben, sich anderweitig Luft zu machen und für manche Menschen eine Art Selbstbestrafung. SVV ist insofern gefährlich, dass ein Gewöhnungseffekt eintritt, welcher einen dazu veranlasst, härtere Maßnahmen zu ergreifen: tiefere Schnitte, schlimmere oder längere Verletzungen, Missbrauch von Substanzen. Des Weiteren kann ständiger Blutverlust auch Folgen für den Organismus haben, schlechte Wunderversorgung auf den Körper einwirken oder aber Suizidalität nicht weiter „aufgeschoben“ werden.

Warum machst du das / warum hast du das gemacht?

Ich für meinen Teil habe mich angefangen zu schneiden, als ich 14 war. Das hatte damals weniger damit zu tun, dass ich mitbekommen habe, dass andere dies tun/taten. Es fing mit kleineren Verletzungen, wie Kratzern, Verbrennungen, kleineren Schnitten und änderte Jahre später in tiefen oder tieferen Schnitten. Keine Ahnung, ob es eine Art Veranlagung war oder wie das bei jüngeren Menschen auftritt, die dieses „Phänomen“ nicht kennen – ich kann da auch nur für mich sprechen – aber ich hatte lange Zeit das Gefühl, dass Selbstverletzung mir half, entspannter zu sein und mich besser zu fühlen. Leider entwickelt sich da auch schnell ein Teufelskreis: der Schmerz darüber, dass man nicht ohne auskam, oder das Gefühl zu versagen mündete irgendwann wieder in Selbstverletzung und entsprach dennoch nicht meinen Ansprüchen. Manche Verletzungen, auch wenn ich sie bei der Verletzung selbst kaum/nicht spürte, taten tagelang weh und gaben mir eine Art der Befriedigung. Manche Verletzungen später waren teils nur noch mit Schmerzmitteln auszuhalten und gaben mir dennoch sehr viel von meinen Gefühlen zurück. Jemand, der während Depressionen (als Beispiel) gar nichts fühlt, fühlt sich in dieser Phase relativ lebendig.

Ich kann da auch nur für mich sprechen, hab allerdings auch nichts dagegen Erfahrungsberichte anderer „Svv’ler“ zu veröffentlichen. Meldet euch.