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Zu selten gesagt

Morgens sitze ich am liebsten eine Stunde auf dem Balkon, trinke zwei bis drei Dosen Energydrinks und rauche dabei zwei, drei, vier – ja, wie viele eigentlich? – Zigaretten. Mir ist bewusst das beides eher Laster sind, das lasse ich aber mal außen vor. Jeder hat welche – auch ich. Genaugenommen ist das ein Ritual geworden, eine Konstante. Es ist halt etwas, das man tut und mag. Andere lesen morgens die Zeitung, ich mache dies und lese Twitter, die Nachrichten im Web und denke nach. So wie heute. Und gestern. Und den Tag davor vermutlich auch. Danach laufe ich mit dem Hund 2-3 Kilometer, je nachdem wie fit er ist und was seine Motivation hergibt.

Heute habe ich den Brief einer depressiven Frau gelesen; dieser war an ihren Mann adressiert. Sie beschreibt Situationen des Alltags, Ängste und die Dinge, die sich daraus zwischenmenschlich ergeben. Auftretende Probleme, Kommunikationslabyrinthe, Unverständnis, Zweifel und auch Dankbarkeit.

Dankbarkeit war für mich heute ein wichtiger Punkt. Ich bin ein sehr dankbarer Mensch und nehme Dinge nicht als selbstverständlich wahr. Zudem bin ich sehr (manchmal zu) empathisch und kann mich meistens gut in andere Personen einfühlen und vieles verstehen. Das führt dazu, dass ich dann oftmals unbewusst das richtige sage  und die meisten Leute, die viel mit mir zu tun haben, schätzen das – manchmal ist es aber auch unangenehm, weil Menschen durchaus berechenbarer werden oder weil man unter den Problemen anderer leidet. Ab und an ist es aber so, dass ich Dinge – die ich halt schon immer so kenne – nicht mehr als „fremd“ wahrnehme, sondern eben als gegeben oder irgendwie auch normal. Dadurch vergesse ich hin und wieder wie Situationen, Angewohnheiten, Macken und auch mein teils unnachvollziehbares Verhalten andere Menschen irritieren, oder schlimmer: ich nehme es halt eben nicht wahr. Für mich ist es völlig nachvollziehbar – für andere nicht.

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Ich leide seit einigen Jahren – jetzt kommt die alte Leier wieder – an rezidivierenden Depressionen und PTBS. Medikamente nehme ich seit 3 Jahren nicht mehr und bin ziemlich happy damit. Die Symptome und Begleiterscheinungen im Allgemeinen sind seit dem Klinikaufenthalt 2012 weniger geworden und auch dadurch, dass meine Lebensumstände besser wurden, ich mich von Menschen löste, die mir nicht gut taten und ich Rückhalt geliebter Menschen habe/hatte. Leider bin ich nicht völlig frei von dem Scheiß (‚Tschuldigung!) und überblicke die Situationen manchmal zu spät. Das ist okay so, wenn man dies als „Moment“ (der kann durchaus auch mal länger dauern) akzeptiert und weiß, dass noch nicht aller Tage Abend ist oder sein wird. Schwierig ist es, dies in den Alltag zu integrieren und vor allem andere Menschen einzubeziehen. Ich habe heute mal ein paar Dinge Revue passieren lassen und bin auf Situationen gestoßen, die gar nicht allzu lange her (manche dann doch) sind. Ich entschuldige mich immer – aber ich sage in den Momenten zu selten danke und vertraue darauf, dass die Person es spürt. Das sollte man wirklich nicht tun. Wenn man Menschen schätzt, sollte man ihnen das sagen.
Und manchmal ist es wichtige, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen oder sich in andere Menschen zu versetzen.

Tja, leider bin ich mit meinen eigenen Gefühlen oft genug überfordert und nicht oder nur teilweise in der Lage diese in Worten auszudrücken – gerade was das Reallife anbelangt, aber ich versuche mal einen kleinen Teil dessen wiederzugeben, an was für Dinge ich dachte und die ich dann nun loswerden wollte.

Ich bin froh und dankbar, dass mein Mann zum Beispiel fragt, was mit mir los ist, wenn ich stiller bin als sonst, und dass er es akzeptiert, wenn ich nicht darüber reden kann. Ein „Wir sprechen darüber, aber nicht jetzt“ nimmt unglaublich viel Druck von einem selbst, da man manchmal auch erst herausfinden muss, was einem weh tut oder belastet. Ich weiß es oft genug einfach nicht – es scheint dann einfach so zu sein und ich kann keinen Grund dafür finden. Wie also darüber reden und es verständlich machen? Ich bin dankbar dafür, dass er über mein unnötiges Gemecker hinweg sehen kann und weiß, dass ich ihn liebe. Ich mecker unglaublich selten, aber ich weiß, wie sehr es nervt, vor allem, wenn es keinen sichtbaren Grund dafür gibt – es richtet sich dann gegen ihn, obwohl ich diejenige bin, die mit sich selbst unzufrieden ist – das ist unfair.
Ich bin dankbar dafür, dass er ein Mensch ist, dem ich bedenkenlos den Spiegel hinhalten kann und mit dem man ehrlich reden kann, ohne dass alles, was man sagt, zu einem Politikum wird.
Ich bin dankbar dafür, dass er mit mir zusammen in die Stadt geht und wir bummeln oder gezielt nach Platten (oder Pokémon) suchen, weil ich mich alleine nicht dazu überwunden bekomme. Er ist der Tritt in den Arsch, den ich manchmal brauche, um meinen Scheiß hinzubekommen und der Mensch, der mir auch etwas im Haushalt oder zum Beispiel ein Telefonat abnimmt, oder mal alleine mit dem Hund geht, wenn ich mit mir und meinem nicht vorhanden Antrieb hadere. Das ist schön, weil ich das dann aufsparen und kurz darauf wieder für andere Dinge nutzen kann. Ich bin nicht unselbstständig und sitze auch nicht den ganzen Tag auf meinem Hintern – auch wenn viele Menschen dies von Depressiven denken – aber an manchen Tagen zieht es einen einfach nach unten und es ist schön, wenn es jemand versteht.
Auch bin ich dankbar dafür, dass er sich nicht für mich schämt, wenn ich still in meine Pommes heule, weil der unfreundliche Pommesverkäufer mich anschnauzt und damit ein Fass zum Überlaufen bringt. Das ist selten. Wirklich selten. Wir sind beide nicht perfekt, aber ein gutes Team.

Danke dafür. Ich liebe dich. 

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Ich bin meiner Mutter dankbar, die es nie so ganz leicht mit uns Dreien hatte und versucht hat uns nach bestem Gewissen zu erziehen. Wo Menschen sind, passieren Fehler. Unsererseits wie ihrerseits und ich bin dankbar dafür, dass wir während der Klinikzeit darüber schreiben konnten, wie unsere jeweilige subjektive Wahrnehmung dazu aussah, ohne uns an die Gurgel zu gehen und uns zudem auch noch besser verstehen zu lernen. Ihr ging es oft genug selbst nicht gut.
Ich bin dankbar dafür, dass sie trotz dem Klinikschreck damals zu mir gehalten hat – auch wenn es eine Weile gedauert hat, zu begreifen – und auch heute nicht ständig fragt, ob alles in Ordnung ist, sondern davon ausgeht, dass ich mich selbst melde, wenn etwas mit mir schief läuft. Das habe ich damals versäumt und es würde mir wohl auch Sorge bereiten.
Ebenfalls dankbar bin ich dafür, dass sie mir nicht den Arsch aufreißt, weil ich mich nicht oft genug melde oder genug erzähle und sie stattdessen lieber meinen Twitteraccount nachliest. Meine Mutter und mein kleiner Bruder haben nie etwas auf mich kommen lassen.

Danke für alles. Ich liebe dich.

Meinen Freunden bin ich unglaublich dankbar dafür, dass sie mir nicht den Rücken zukehren, weil ich nicht oft genug schreibe, mich nicht ständig nach ihnen erkundige oder Phasen habe, in denen ich nicht mal zurückschreiben kann. Sie akzeptieren das und in der Regel sind alle Begegnungen und Gespräche genauso, wie sie zuvor auch waren. Ich habe in der Vergangenheit öfter Verabredungen spontan abgesagt, weil ich mich nicht gut genug fühlte, um mit ihnen herumzuziehen oder weil „Clubben“ in meinem Alter zwar Volkssport, aber eben nicht (mehr) mein Ding ist. Konzerte/Festivals/Szenekneipen waren immer schon mehr mein Ding, nicht nur aus musikalischer Sicht. Auf dem M’era Luna trifft man sich zum Beispiel ein Mal im Jahr – auch wenn man sich sonst nicht sieht – und verbringt schöne Zeit miteinander – auch das ist ein Privileg, das ich genieße. Es ist wie Heimkommen.
Dankbar bin ich auch, dass die Leute, die mehrere Tage herkommen (oder die ich besuche), akzeptieren, dass ich jemand bin, der danach Erholung braucht. Nicht vom Menschen an sich, den mag ich auch weiterhin sehr gern, aber von damit verbundenen Aktivitäten. Und danke ebenfalls an die wirklich guten Freunde, die vor ein paar Jahren dafür gesorgt haben, dass ich ein Dach über dem Kopf hatte und wieder neu in mein Leben starten konnte – ohne diese Hilfe hätte ich das nicht alleine auf die Kette bekommen.

Vielen Dank. Ich liebe euch. 

Ich sag es nur einfach zu selten.