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Mein Problem mit Extremen (Feminismus, Unterhaltungsmedien, Diskussionskultur)

Vorweg: Dieser Post beabsichtigt Kritik am Umgang miteinander – dies beziehe ich auf Themen wie Feminismus, Genderdiskussionen, Vegetarismus/Veganismus, die Videospielbranche, generellen Extremismus und überhaupt auf beinahe alles, was zwei Seiten hat – obwohl es nicht nur zwei Seiten hat. Es gibt nicht nur die Enden einer Fahnenstange oder einer Wurst, nicht nur Schwarz oder Weiß. Es geht um die Diskussionskultur, nicht darum, Themen zu verteufeln.
Wer nun den Kopf schüttelt und nicht weiter lesen mag, kann Alt+F4 drücken, oder cmd+Q.

Ich hatte schon immer ein Problem mit Extremen und gehörte nie zu den Menschen, die ihre Meinung oder Ansicht mit der Keule durchsetzen. Ich war zum Beispiel häufig auf Demos die sich gegen rechtes Gedankengut und Rassismus stellen, gehörte aber nie zu den Leuten, die sich vermummten und Steine auf Polizisten/Menschen warfen, oder die Scheiben von Banken oder ähnlichem einwarf, weil sie den Kapitalismus nicht unterstützen wollten – in Nike-Schuhen. Ich finde auch, dass man über viele Themen sprechen muss, gerade, wenn sie einen stören und betreffen und dass man den Mund nicht halten darf. Ich positioniere mich klar gegen Rassismus und klar gegen Nazis, aber die Herangehensweise in Form von massiver Aggressivität und Gewalt ist nicht die meine, mehr nicht.  Das betrifft nicht nur Radikalität/Aggressivität im politischen Sinne, sondern auch jene, die den Leuten in Diskussionen gerne zu Teil wird – egal, ob es um Feminismus, Ernährungskultur, Unterhaltung, Gender, Sexualität oder persönliche Vorlieben geht.

Frankfurt vor wenigen Monaten.

Frankfurt vor wenigen Monaten.

Seit jeher beschäftige ich mich mit den Themen, die mir über den Weg laufen: ich sammle Informationen, ich google Anglizismen, ich beobachte Diskussionen und ich nehme an Diskussionen teil. Letzteres aber nicht mehr sehr oft und das hat mehrere Gründe. In manchen Themen wird einem einfach das Urteilsvermögen oder die „Diskussionshoheit“ abgesprochen.

Bist du nicht klar und zu 100 Prozent für uns, musst du gegen uns sein.“ – Das ist ein Satz, der so zwar nie ausgesprochen wird, aber in seiner Ausführung zur Realität gehört. Wie oben schon erwähnt, finde ich Diskussionen sehr wichtig und halte sie in der Kommunikation für unverzichtbar – aber wer entscheidet eigentlich, zu welcher Seite ich gehöre und wer entscheidet, ob ich für oder gegen etwas bin, weil ich vielleicht mit einem Teilaspekt einer Sache nicht einverstanden bin? Und wer entscheidet, dass er mich einfach in eine Schublade stecken darf?  Anscheinend jeder, außer mir.

Du nennst dich nicht Feministin? Dann kannst du keine Frau sein oder dir ist alles egal“

Grundlagen dieser Diskussionen sind doch irgendwo, die Themen näher an den Menschen zu bringen, Vorurteile, Diskriminierungen und Rassismus zu bekämpfen – die Welt insgesamt jeden Tag ein bisschen offener werden zu lassen. An sich ist das ein schöner Gedanke, wenn da nicht die Menschen wären, die jede Aussage und jedes bisschen Kritik so unglaublich persönlich nähmen und schlimmer noch – selbst diskriminierten, indem sie Menschen von Themen ausschließen oder ihnen ihre Meinung absprechen. Auch sehr schlimm: Beleidigungen am laufenden Band. Ich glaube nicht, dass irgendein Mensch nach solch einer Diskussion herging und sagte: „Ohja, du hast mir die Augen geöffnet. Ich bin so dankbar dafür, dass ich nicht mitreden durfte und Nazi genannt wurde – das hat mich zum Nachdenken angeregt.“
In manchen feministischen Gruppen ist etwas sexistisch, sobald der Großteil der Gruppe es als sexistisch empfindet. Die aktuelle Interpretation von Deutungshoheit („Die Betroffenen haben das Sagen“ – was nicht generell falsch ist) bedeutet, dass sich jemand erstmal outen muss, um mitreden zu dürfen. Es ist aber durchaus von Risiken behaftet Menschen ein Outing zu erzwingen (Sexualität, Religion, psychische oder generelle Krankheiten, Erfahrungen) und schließt diejenigen aus, die sich nicht outen können/wollen – schon gar nicht unter der Prämisse dies in der Öffentlichkeit zu tun.  Ich empfinde es  als anmaßend darüber zu urteilen, was ich oder andere Menschen als sexistisch empfinden sollen. Es gibt viele Dinge, die ich als sexistisch empfinde, aber auch viele, die auf mich eher übertrieben wirken – das ist halt die subjektive Wahrnehmung eines Einzelnen. Natürlich gehe ich nicht damit konform zu sagen: „Nur weil ich ein Problem nicht habe oder sehe, gibt es dieses Problem nicht“ – das ist auch nicht das, was ich sagen will. Ich will sagen, dass ich nicht bevormundet werden will. Ich will mich nicht Nazi nennen lassen oder für etwas verurteilt werden und ich will mir keine Worte in den Mund legen lassen, die ich nie gesagt oder gemeint habe, nur weil ich vielleicht 3 oder 4 Prozent einer ganzheitlichen Aussage anzweifle oder nicht ganz als richtig empfinde. Ich lasse mir sehr gerne Dinge erklären und ich versuche wirklich immer Dinge zu verstehen, aber ich lasse mir keine Feindbilder aufdrängen, sondern denke über die Dinge selbst nach. Ich will mich nicht blöd anmachen lassen, weil ich Tampons nicht als Unterdrückung empfinde oder mir Menstruationstassen suspekt sind. Ich finde es anmaßend zu sagen, dass ich, weil ich nach 8 Jahren extrem harter Arbeit nun wieder studiere und nun mehrheitlich Zuhause bin und mein Bald-Mann arbeiten geht, mich in ein Rollenbild drängen ließe. Dem ist nicht so, denn – und das wird einige überraschen – ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Unvorstellbar. Ich kann selbst entscheiden und habe mich selbst entschieden.
Genauso wenig bin ich ein schlechter Mensch und habe etwas gegen Menschen verschiedenster Geschlechter oder Sexualitäten, weil ich „man“ immer noch schreibe oder nicht alles perfekt durchgendere – für mich allein macht die Sprache noch lang keine Veränderung aus – wenn ihr das für euch so entscheidet und ich deshalb trans-/homo-/nonbinary-feindlich sein soll, finde ich das unschön. Vor gar nicht so langer Zeit ist jemand blöd angemacht worden, weil die Person (s)einem Kind einen pinken Schulranzen schenkte. Das Mädchen hat sich diesen gewünscht, also diese Entscheidung für sich selbst getroffen. Hätte es einen blauen gewollt, hätte es einen blauen bekommen und das einzige, was das Internet macht ist: „Wieso unterstützt du die Scheiße?“ – Warum?
All die oben aufgeführten Dinge sind keine Verallgemeinerungen, aber Situationen, die so passiert sind.

„Deine Aussage ist transphob, ich block dich jetzt.“ – „Erklär mir das bitte.“ – „Diskussion beendet, tschüss.“
Ich halte es außerdem für gefährlich Menschen ihre Probleme abzusprechen, oder sie zu vergleichen – das wird in so ziemlich allen Kontexten getan. Auch das ist ein Sich-Über-Einen-Anderen-Menschen-Stellen, vor allem, wenn man diesen Menschen überhaupt nicht näher kennt. Aussagen wie: „Ja, dann bist du eben eine Frau, die solche Probleme nicht hatte und der Diskussion nicht weiter wert, weil du es als Nichtbetroffene eh nicht verstehst“
Frauen wie ich, die damit jetzt nicht zwingend hausieren gehen, dass sie in Beziehungen Gewalt erfahren haben, oder auf Grund ihres Geschlechts benachteiligt und/oder belästigt wurden, bleiben nach solchen Aussagen dann auch eher sprachlos zurück und fühlen sich unter Umständen auch richtig schlecht.  Es sollte nicht der Sinn sein, dass sich Menschen aus Themen heraushalten, die sie betreffen oder die sie interessieren, weil sie immer damit rechnen müssen, angefeindet zu werden, sobald ihre Meinung nicht die des anderen trifft. Bei Twitter findet man sich auch schneller in einer Gruppe von Leuten wieder, die auf dich einreden, als dir lieb ist – halte ich auch nicht gerade für den guten Ton, Diskutanten öffentlich anzuprangern und darauf zu warten, dass deine Mitstreiter dir helfen, oder jemanden aus dem Gespräch zu entfernen, um dann über ihn zu reden.

Vielleicht macht man sich auch einfach mal Gedanken darüber, dass die eigene Person nicht der Maßstab aller Dinge ist und dass man nicht zwingend eine Art Urteils- und Meinungsherrschaft hat, weil man sich einer Gruppe zugehörig fühlt. Vielleicht macht man sich auch klar, dass man selbst nur ein Mensch ist, der mal emotional wird oder Vorurteile hat. Wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein. Ach nein, Steine wollten wir ja nicht – dann halt den Wattebausch. Man kann sich sicher auf die Schulter klopfen und sich selbst sagen, ich leiste etwas für das, was mir wichtig ist – man sollte das aber nicht tun, wenn man dafür andere Menschen übergeht, diffamiert oder beleidigt. Es ist wichtig etwas für Gerechtigkeit und die eigenen Interessen und Leben zu tun, aber man sollte sich damit nicht über andere stellen. Niemand ist zwingend schlechter, weil er deine Meinung in etwas nicht vertritt und niemand steht unter dir, weil er deine Meinung nicht verstehen kann.

Generell wird in fast allen Themen nur noch Finger-pointing betrieben. XYZ ist scheiße, weil er nicht meiner Meinung ist, XYZ ist ein Nazi, weil 99% aller Nazis sowas ähnliches gesagt haben, alle Spieleentwickler sind scheiße, weil sie XYZ nicht berücksichtigen, alle Autoren sind scheiße, weil sie z.B. nicht alles durchgendern, alle Männer sind scheiße weil XYZ. Das einzige was ich immer nur rauslese, ist Negativität. Dabei kann es hilfreich sein, den Menschen auch positive Dinge näher zu bringen und mit gutem Beispiel voran zu gehen und vor allem etwas zu tun, statt immer nur mit den Fingern auf andere zu zeigen und zu erwarten, erwarten, erwarten. Statt sich darüber zu streiten, dass Pokémon heteronormativ sei, weil es eine Attacke gibt, die nur beim anderen Geschlecht funktioniert, könnte man versuchen, mit gutem Beispiel voranzugehen und etwas Neues voranzutreiben, anstatt etliche Jahre später das Alte zu bemängeln, ohne zum Beispiel zu berücksichtigen aus welchen Kulturkreisen oder Ideen diese entstanden sind und vor allem: ohne immer eine böse Absicht zu unterstellen, denn das ist es tatsächlich in sehr seltenen Fällen und das sollte man immer ein bisschen im Hinterkopf behalten.

Vor ein paar Wochen wurde mir ein Tweet in meine Timeline gespült, der aussagte, dass das Wort „aufreizend“ ganz klar Rape Culture impliziere. Ich fand das irgendwie unersichtlich und fragte, weshalb die Verfasserin so empfinde. Sie sagte, dass das „reiz“ in dem Wort negativ besetzt sei und sich wie eine an Männer gerichtete Aufforderung anfühle. Ich hab versucht das zu verstehen, auch wenn das auf mich irgendwie überzogen wirkte und die Diskussion war nicht lang, dafür aber sehr nett:  sachlich und freundlich und sie endete damit, dass wir verschiedener Ansichten waren, aber uns mit Respekt begegneten, ohne vorneherum freundlich zu sein und hinterher hämische Nonmentions  zu schreiben.
Das sind Diskussionen die etwas bringen – leider nur noch selten zu finden.

Ich denke: Es gibt nicht nur dafür, oder dagegen. Es gibt Menschen, die dafür sind und Dinge kritisieren, oder nicht allen Dingen übereinstimmen oder sie anders beurteilen und es gibt Menschen, die dagegen sind, aber in ein paar Punkten zustimmen. Zwischen Schwarz und Weiß gibt es extrem viele Abstufungen und die sollte man nicht einfach außer Acht lassen und mit Nichtbeachtung strafen.

P.S: Mit Kritikern und Menschen mit Meinungsverschiedenheiten meine ich keine Trolle oder zum Beispiel Antifeministen, sondern Menschen, die ein ehrliches Interesse an Themen haben.

P.P.S: Wer ehrlich und sachlich mit mir darüber diskutieren möchte, findet unten die Kommentarfunktion. 🙂