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(TW) SVV: Gedanken III

Hier nun ein recht emotionaler Beitrag von @Sophies_World_, den ihr auch auf ihrem Blog nachlesen könnt. Mir gefiel er sehr gut, gerade weil er sehr emotional ist,  aber schaut’s euch an:

SVV
Schwieriges Thema, ich weiß. Und ich will nicht umfassend darüber informieren, aber einfach meine Gedanken dazu loswerden.

Es fiel mir schwer, diesen Beitrag zu schreiben und ich habe ihn nicht auf Passwortgeschützt gesetzt. Ich bin froh, dass er von allen gut aufgenommen wurde. Das hier ist sehr privat und ich fühle mich ein bisschen entblößt. Aber es geht mir insgesamt durch die Publikation und das Schreiben besser, sonst hätte ich das nicht gemacht.
SVV – Selbstverletzendes Verhalten. Aus Verzweiflung, Selbsthass, Schmerz. Eine Gegenmaßnahme zu anderem Schmerz. Zu Overloads. Ein Hilfeschrei. Aber Hilfe will ich eh nicht. Ich bin – war – so abhängig davon. Ich habe viel geritzt. Die neusten und tiefsten Narben sieht man noch. Die anderen habe ich quasi ausradiert. Ich hasse den Schmerz, hasse die Narben noch viel mehr, aber der Schmerz tut so gut. Ich will ihn so sehr, vermisse ihn. Die Narben entferne ich regelmäßig. Auf eine Weise, die ich zum Schutze anderer nicht beschreiben möchte. Neue Haut wächst drüber. Die tiefsten Narben sieht man noch. Eigentlich bestehen meine Arme wohl nur noch aus Narbengewebe. Ungesund. Mir egal. Einige Schnitte hab ich selbst genäht, selbst Fäden gezogen. Ich habe Verbände und Pflaster en masse benutzt. Ich trug Stulpen, langärmliges im Sommer, suchte lange nach einem langärmlichen Schwimmshirt für den Urlaub, ging in Behandlung die nichts brachte, ließ es bleiben und machte weiter. Ich liebte es zu bluten. Es zeigte, dass ich noch lebte. Ich hasse es, zu bluten, es zeigt, dass ich noch lebe. Ich schnitt viel. Schnitt am Handgelenk, direkt neben der Schlagader, nachdem ich lange versuchte diese zu schneiden und mich nicht traute. Ich schnitt andauernd. Aus allen möglichen kleinen Gründen, immer überfordert. Meist heulend. Tief, lang. Mit stumpfen Messern. Ich gab die Messer weg und fand doch andere Wege. Ich schnitt mit einer Nagelschere. Bis heute ertrage ich das Geräusch meiner Nagelschere nicht. Ich putzte wahnsinnig viel Blut weg, meine Arme waren immer geschwollen, jede beiläufige Berührung schmerzte. Ich sagte, es wäre eine Katze gewesen, schnitt wieder, setzte an den Schlagadern an. Ich war dabei sie aufzuschlitzen als mir jemand das Messer weg nahm. Keine einfache Aufgabe. Ich erinnere mich kaum. Ich schulde einem anderen mein Leben. Ich will trotzdem immer wieder schneiden, gebe so gern mein Leben auf. Und wenn ich nicht schneide, übergieße ich mit heißem Wachs. Ich verbrenne mich gerne. Ich schneide mich gerne. Vielleicht während du im Haus bist. Nebenan, oder im Bad. Vielleicht während du mit mir telefonierst. Meine Verzweiflung ist still. Na und? Wozu auch nicht schneiden?
Die Narben erinnern mich an was ich bin. Dreck. Ungewollt. Unnötig. Dumm.

Sind doch alles nur Katzenkratzer. Mich schneiden? Ach, ihr kommt auf Ideen, sowas würde ich nie machen. Ich muss der Katze meiner Oma immer die Zecken zeihen und sie festhalten, wenn sie mit Zeckenspray eingesprüht wird. Leider hasst sie mich deshalb. Ich bin doch nicht krank.
Ich bin nicht…
Ich kann nicht…
Ich bin nicht gut genug. Ich reiche nicht…

Hungern. Zu viel essen. In letzter Zeit lieber hungern als zu viel essen. Ich will nicht mehr von meinen Eltern wegen meines Gewichts kritisiert werden. Mehr hungern, mehr Sport. Schon 14 Kilo. Über mein Gewicht habe ich Kontrolle.

Stiller Schrei. Einsamkeit, Schlaflosigkeit. Angst. Angst, Angst, Angst, das Monster unter dem Bett. Dunkel draußen. Auu. Geh. Weg. Lass mich. Angst. Dunkel. Weg, weg, weg, will weg. Lass mich. Raus hier. Weg, einen Moment. Au. Selbst schuld. Gut so. Verdient. Besser so. Lass mich. Einsam. Angst. Einrollen. Blut. Blut überall. Wegmachen. Funktionieren. Spiegelbild anlächeln. Gesicht waschen. Pflaster. Stulpen drüber. Noch lebe ich. Was für ein Fehler. Kein Selbstmitleid. Selbst schuld. Verdient. Dumm, dumm, dumm. Aua. Nicht heulen. Lass mich. Will nichts hören. Geht alle weg.

Ich bin hässlich, dumm, unfähig, kriege nichts auf die Reihe, hab es verdient zu bluten, viel zu bluten. Nicht liebenswert. Nicht dünn genug, nicht hübsch genug, nicht klug genug, schlechte Noten, zu viel Druck, kann nicht tun was sie von mir wollen … Anforderungen nicht erfüllen, dumm, unfähig, blöd, nichts wert … Bluten
Aufhören. Aufhören dumm zu sein, aufhören zu essen. Mehr lernen, nicht mehr schlafen, mehr bluten, Wachs drüber. Kontrolle wiedererlangen, Kontrolle behalten. Besser werden. Bessere Tochter. Nicht so ein Looser, nicht so dumm. Liebenswert sein. Bitte hab mich lieb.

Irgendwie ich selbst sein. Bin so kaputt, egal, weiter machen, sei nicht so eine Memme, stell dich nicht so an. Besser machen, mach es diesmal besser, gute Note, bessere Note, perfekte Note, perfekte Tochter sein, einmal geliebt werden, angenommen werden, nicht fortgestoßen sein, will nicht zweitklassig sein, bin zweitklassig, bin dumm, hässlich, gemein, böse, ungeliebt. Dumm, dumm, dumm. Muss besser sein. Muss perfekt sein. Hasse mich selbst, alle hassen mich, kann nicht geliebt werden, bin nicht perfekt. Ich bin schlecht.

Autistisch, krank, empathielos, dumm, krank, verkorkstes Hirn. Irrational, dumm, dumm, dumm. Alles gleich. Alles laut, doof. Ich bin falsch, ich verstehe die Welt nicht, was ist los? Ich bin dumm, ich kann nicht, ich bin dumm, verstehe nicht…
Wut, Wut, Wut. Angst.
Ich ruiniere alles, bin schuld, bin dumm. Ich verdiene es nicht, jemandem wichtig zu sein. Ich muss wahnsinnig sein, durchgeknallt, nicht liebenswert, ich bin falsch hier.

Warum auch nicht selbst verletzen? Isolieren. Niemand merkt es. Keiner stellt Fragen und selbst wenn – Katzenkratzer können passieren. Egal. Nicht wichtig. Bluten. Viel bluten. Bis kein Blut mehr kommt. Bis das Herz nicht mehr kann. Weil es schon längst nicht mehr will. Warum bin ich unfähig, mein Leben auf die Reihe zu kriegen, warum kann ich meine Probleme nicht regeln? Andere sind schlimmer dran. Ich bin so dumm, so unfair den anderen gegenüber. Ich bilde mir die Probleme nur ein, der Schmerz ist real. Dumm. Warum mache ich das? Will ich nicht. Lass mich. Passiert trotzdem. Bin so dumm. Dumme Laune. Ich bin eine dumme Memme. Ich bin unfähig. Ich kann nicht, lass mich. Ich bin nicht so schlimm dran.

Alles gut.
Einfach glücklich sein. Ich bin happy. Mir geht’s bestens.

Bitte lasst euch allen sagen, dass ich nur noch selten schneide. Mir geht es gut.
Und zu euch? Ihr seid großartig. Ich möchte euch alle umarmen. Ihr seid toll. Du bist toll. Danke, dass es dich gibt und du so bist, wie du bist. Ich meine dich. Du musst nicht allein sein. Du musst niemandem etwas vorspielen. Du musst nichts. Du bist genug. DU bist toll. Du bist gut so, wie du bist.

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