Schlagwort-Archive: SVV

Project Semicolon

Das „Project Semicolon“ ist eine non-profit Bewegung, die im Frühjahr 2013 gegründet wurde und sich auf  psychische Gesundheit fokussiert. Amy Bleuel, die Gründerin, welche damit ursprünglich ihrem Vater gedenken wollte, starb am 23. März 2017 durch Suizid. Sie wurde 31 Jahre alt.

Mit dem Semicolon (welches einen Satz nicht beendet) und dem Leitspruch „My story isn’t over“ (du bist der Autor und entscheidest dich, dein Leben – den metaphorischen Satz – nicht zu beenden) steht diese Bewegung Menschen bei, die unter psychischen Erkrankungen leiden und leistet Aufklärungsarbeit, um Vorurteile abzubauen und präventiv auf Suizidgefährdete einzuwirken. Daraus ist inzwischen eine globale Community entstanden, die sich engagiert, gegenseitig unterstützt und sogar ein Buch (ab Herbst 2017) herausbringt, in dem einige der Geschichten und Tattoos der Menschen abgedruckt werden. Sagte ich Tattoos? Ja, tatsächlich. Viele haben sich ein Semicolon in den verschiedensten Variationen stechen lassen, um sich auch im Alltag und in schweren Situationen daran zu erinnern, dass sie ihre Geschichte in der Hand haben. Die Tattoos, gezeichneten Bilder und die Unterstützung die sie sich gegenseitig entgegenbringen, gibt vielen Hoffnung und Kraft.

Amy hat Menschen zusammengebracht, die unter anderem unter Selbstverletzendem Verhalten oder Suizidgedanken leiden/litten und gab ihnen einen Teil ihrer Hoffnung zurück. Sie ließ sie ihren Schmerz, ihre Ängste und auch ihre Erfolgserlebnisse und Träume teilen. Sie machte etwas sichtbar, das für viele Menschen eher im Schatten existiert, weil zu wenig darüber gesprochen wird. Sie hat etwas auf die Beine gestellt, von dem sie selbst nicht dachte, dass es jemals so groß würde und so viel leistete. Sie fehlt.

Ich schreibe dies hier, weil ich selbst Teil der (deutschsprachigen) Community bin und jahrelang in einer anderen Support-Community tätig war. Dass gerade sie verstarb, lässt einige sprachlos zurück (inklusive mir heute Morgen) und schmerzt.

ABER

Das entwertet weder den Zusammenhalt, noch die Tattoos noch die Nachricht, die sie mit „Project Semicolon“ verbreitete. Es zeigt, dass sich einfach immer noch so unglaublich viel tun muss bezüglich Aufklärung, Prävention und Stigmata. Allein in Deutschland sterben rund 10.000 Menschen jährlich durch Suizid (Quelle: Statista) und die Dunkelziffer der nicht als Suizid erkannten Tode liegt vermutlich um einiges höher.

Glaubt an euch, sucht euch Hilfe und auch und gerade, wenn ihr unterstützend und aufklärend unterwegs seid: nehmt euch Auszeiten, ehe ihr wieder loslegt und für andere da seid. Es ist wichtig, auch auf sich zu achten und für sich selbst da zu sein. Wenn wir Ressourcen haben, können wir etwas verändern und wenn wir diese mal nicht haben, so schaffen wir neue.

 

Advertisements

(TW) SVV: Gedanken III

Hier nun ein recht emotionaler Beitrag von @Sophies_World_, den ihr auch auf ihrem Blog nachlesen könnt. Mir gefiel er sehr gut, gerade weil er sehr emotional ist,  aber schaut’s euch an:

SVV
Schwieriges Thema, ich weiß. Und ich will nicht umfassend darüber informieren, aber einfach meine Gedanken dazu loswerden.

Es fiel mir schwer, diesen Beitrag zu schreiben und ich habe ihn nicht auf Passwortgeschützt gesetzt. Ich bin froh, dass er von allen gut aufgenommen wurde. Das hier ist sehr privat und ich fühle mich ein bisschen entblößt. Aber es geht mir insgesamt durch die Publikation und das Schreiben besser, sonst hätte ich das nicht gemacht.
SVV – Selbstverletzendes Verhalten. Aus Verzweiflung, Selbsthass, Schmerz. Eine Gegenmaßnahme zu anderem Schmerz. Zu Overloads. Ein Hilfeschrei. Aber Hilfe will ich eh nicht. Ich bin – war – so abhängig davon. Ich habe viel geritzt. Die neusten und tiefsten Narben sieht man noch. Die anderen habe ich quasi ausradiert. Ich hasse den Schmerz, hasse die Narben noch viel mehr, aber der Schmerz tut so gut. Ich will ihn so sehr, vermisse ihn. Die Narben entferne ich regelmäßig. Auf eine Weise, die ich zum Schutze anderer nicht beschreiben möchte. Neue Haut wächst drüber. Die tiefsten Narben sieht man noch. Eigentlich bestehen meine Arme wohl nur noch aus Narbengewebe. Ungesund. Mir egal. Einige Schnitte hab ich selbst genäht, selbst Fäden gezogen. Ich habe Verbände und Pflaster en masse benutzt. Ich trug Stulpen, langärmliges im Sommer, suchte lange nach einem langärmlichen Schwimmshirt für den Urlaub, ging in Behandlung die nichts brachte, ließ es bleiben und machte weiter. Ich liebte es zu bluten. Es zeigte, dass ich noch lebte. Ich hasse es, zu bluten, es zeigt, dass ich noch lebe. Ich schnitt viel. Schnitt am Handgelenk, direkt neben der Schlagader, nachdem ich lange versuchte diese zu schneiden und mich nicht traute. Ich schnitt andauernd. Aus allen möglichen kleinen Gründen, immer überfordert. Meist heulend. Tief, lang. Mit stumpfen Messern. Ich gab die Messer weg und fand doch andere Wege. Ich schnitt mit einer Nagelschere. Bis heute ertrage ich das Geräusch meiner Nagelschere nicht. Ich putzte wahnsinnig viel Blut weg, meine Arme waren immer geschwollen, jede beiläufige Berührung schmerzte. Ich sagte, es wäre eine Katze gewesen, schnitt wieder, setzte an den Schlagadern an. Ich war dabei sie aufzuschlitzen als mir jemand das Messer weg nahm. Keine einfache Aufgabe. Ich erinnere mich kaum. Ich schulde einem anderen mein Leben. Ich will trotzdem immer wieder schneiden, gebe so gern mein Leben auf. Und wenn ich nicht schneide, übergieße ich mit heißem Wachs. Ich verbrenne mich gerne. Ich schneide mich gerne. Vielleicht während du im Haus bist. Nebenan, oder im Bad. Vielleicht während du mit mir telefonierst. Meine Verzweiflung ist still. Na und? Wozu auch nicht schneiden?
Die Narben erinnern mich an was ich bin. Dreck. Ungewollt. Unnötig. Dumm.

Sind doch alles nur Katzenkratzer. Mich schneiden? Ach, ihr kommt auf Ideen, sowas würde ich nie machen. Ich muss der Katze meiner Oma immer die Zecken zeihen und sie festhalten, wenn sie mit Zeckenspray eingesprüht wird. Leider hasst sie mich deshalb. Ich bin doch nicht krank.
Ich bin nicht…
Ich kann nicht…
Ich bin nicht gut genug. Ich reiche nicht…

Hungern. Zu viel essen. In letzter Zeit lieber hungern als zu viel essen. Ich will nicht mehr von meinen Eltern wegen meines Gewichts kritisiert werden. Mehr hungern, mehr Sport. Schon 14 Kilo. Über mein Gewicht habe ich Kontrolle.

Stiller Schrei. Einsamkeit, Schlaflosigkeit. Angst. Angst, Angst, Angst, das Monster unter dem Bett. Dunkel draußen. Auu. Geh. Weg. Lass mich. Angst. Dunkel. Weg, weg, weg, will weg. Lass mich. Raus hier. Weg, einen Moment. Au. Selbst schuld. Gut so. Verdient. Besser so. Lass mich. Einsam. Angst. Einrollen. Blut. Blut überall. Wegmachen. Funktionieren. Spiegelbild anlächeln. Gesicht waschen. Pflaster. Stulpen drüber. Noch lebe ich. Was für ein Fehler. Kein Selbstmitleid. Selbst schuld. Verdient. Dumm, dumm, dumm. Aua. Nicht heulen. Lass mich. Will nichts hören. Geht alle weg.

Ich bin hässlich, dumm, unfähig, kriege nichts auf die Reihe, hab es verdient zu bluten, viel zu bluten. Nicht liebenswert. Nicht dünn genug, nicht hübsch genug, nicht klug genug, schlechte Noten, zu viel Druck, kann nicht tun was sie von mir wollen … Anforderungen nicht erfüllen, dumm, unfähig, blöd, nichts wert … Bluten
Aufhören. Aufhören dumm zu sein, aufhören zu essen. Mehr lernen, nicht mehr schlafen, mehr bluten, Wachs drüber. Kontrolle wiedererlangen, Kontrolle behalten. Besser werden. Bessere Tochter. Nicht so ein Looser, nicht so dumm. Liebenswert sein. Bitte hab mich lieb.

Irgendwie ich selbst sein. Bin so kaputt, egal, weiter machen, sei nicht so eine Memme, stell dich nicht so an. Besser machen, mach es diesmal besser, gute Note, bessere Note, perfekte Note, perfekte Tochter sein, einmal geliebt werden, angenommen werden, nicht fortgestoßen sein, will nicht zweitklassig sein, bin zweitklassig, bin dumm, hässlich, gemein, böse, ungeliebt. Dumm, dumm, dumm. Muss besser sein. Muss perfekt sein. Hasse mich selbst, alle hassen mich, kann nicht geliebt werden, bin nicht perfekt. Ich bin schlecht.

Autistisch, krank, empathielos, dumm, krank, verkorkstes Hirn. Irrational, dumm, dumm, dumm. Alles gleich. Alles laut, doof. Ich bin falsch, ich verstehe die Welt nicht, was ist los? Ich bin dumm, ich kann nicht, ich bin dumm, verstehe nicht…
Wut, Wut, Wut. Angst.
Ich ruiniere alles, bin schuld, bin dumm. Ich verdiene es nicht, jemandem wichtig zu sein. Ich muss wahnsinnig sein, durchgeknallt, nicht liebenswert, ich bin falsch hier.

Warum auch nicht selbst verletzen? Isolieren. Niemand merkt es. Keiner stellt Fragen und selbst wenn – Katzenkratzer können passieren. Egal. Nicht wichtig. Bluten. Viel bluten. Bis kein Blut mehr kommt. Bis das Herz nicht mehr kann. Weil es schon längst nicht mehr will. Warum bin ich unfähig, mein Leben auf die Reihe zu kriegen, warum kann ich meine Probleme nicht regeln? Andere sind schlimmer dran. Ich bin so dumm, so unfair den anderen gegenüber. Ich bilde mir die Probleme nur ein, der Schmerz ist real. Dumm. Warum mache ich das? Will ich nicht. Lass mich. Passiert trotzdem. Bin so dumm. Dumme Laune. Ich bin eine dumme Memme. Ich bin unfähig. Ich kann nicht, lass mich. Ich bin nicht so schlimm dran.

Alles gut.
Einfach glücklich sein. Ich bin happy. Mir geht’s bestens.

Bitte lasst euch allen sagen, dass ich nur noch selten schneide. Mir geht es gut.
Und zu euch? Ihr seid großartig. Ich möchte euch alle umarmen. Ihr seid toll. Du bist toll. Danke, dass es dich gibt und du so bist, wie du bist. Ich meine dich. Du musst nicht allein sein. Du musst niemandem etwas vorspielen. Du musst nichts. Du bist genug. DU bist toll. Du bist gut so, wie du bist.


SVV: Gedanken (TW)

Ich habe im Anschluss zum letzten Artikel einen Text von @koexistenz bekommen (vielen Dank an dieser Stelle!), der euch mal eine Betroffenen-Sichtweise aufzeigt. Natürlich ist dieser Text subjektiv und kann/wird nicht für alle Betroffenen gelten; man darf aber gern in den Dialog treten und/oder sich zwecks Veröffentlichung an mich wenden – gerne auch anonym.
Ich wiederum hab mich in manchen Szenen wiedererkannt – gerade was Behörden, Beleidigungen und Bevormundungen angeht; vielleicht geht es manchen von euch ähnlich?

Aber lest selbst:

Gedanken zu SVV

Kannst Du Dir vorstellen, im Hochsommer in brütender Hitze einen Pulli zu tragen? In einer Gesellschaft zu leben, in der es nicht gerne gesehen wird, kurze Ärmel zu tragen? Wann immer Du ein Shirt trägst, wird über Dich gelästert, im schlimmsten Fall darfst Du dir dafür sehr verletzende Sprüche anhören. Für viele Betroffene mit selbstverletzendem Verhalten ist das Alltag.
Die Gesellschaft, in der wir leben, grenzt aus, was „anders“ ist.

Wenn man Narben von selbstverletzendem Verhalten hat, dann sind das Kampfnarben. In den meisten Fällen haben Betroffene viel durchgemacht, die Narben zeugen von Kämpfen mit sich selbst, mit dem Alltag, mit dem Leben. Man selbst kann wählen – Narben verstecken oder nicht?
Ich möchte Euch einen kleinen Einblick in die Situationen geben, die Betroffene oft erleben, wenn sie die Narben offen zeigen.

Belehrungen
Wenn es warm ist, verstecke ich meine Narben nicht. Es ist schon öfter vorgekommen, dass Menschen mir lange Vorträge halten. Ich persönlich finde das sehr unangenehm, dennoch fällt es mir sehr schwer, mich diesen Belehrungen zu entziehen. Es ist für mich kein leichtes Thema, solche Gespräche sind immer sehr anstrengend und meist habe ich kaum eine Chance, mir zu überlegen, wie ich mich am schnellsten aus dem Staub machen kann.
Allein die Tatsache, dass ich teilweise von Orten verschwinden muss, an denen ich gerne bin, finde ich sehr schade.
In solchen Gesprächen „darf“ ich mir dann oft anhören, was ich falsch mache. Dass ich mich einfach mal zusammenreissen muss, damit aufhören. Auch fallen Sätze wie „Narben entstellen dich“ oder „So findest du doch keinen Freund“.
Ja, ich habe Narben. Viele. Sie gehören zu mir. Ob Narben entstellen oder nicht, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich persönlich finde sie nicht entstellend, vermutlich auch, weil sie gefühlt schon immer da sind.
Mich stört es, dass ich, wenn ich keinen Pullover trage, automatisch ein Risiko eingehe, mir mehrmals am Tag von Menschen, die es vermutlich nur gut meinen (aber selbst davon keine Ahnung haben), Vorträge darüber anhören zu müssen, was ich anders machen muss. Der krasseste Fall war ein dreieinhalb Stunden langer Vortrag einer sehr aufdringlichen Person.
Ich kann hier nur für mich sprechen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass auch andere Betroffene sich solche Belehrungen anhören dürfen/müssen und lieber darauf verzichten würden.

Der „Ich kenn das“
Manchmal werden in Gesprächen meine Narben zum Thema. Oft kommt es vor, dass ich dann den Satz „Ich kenn das“ höre. Teilweise sind es sinnvolle Sätze, die darauf folgen: „Ich kenn das, meine Schwester macht das seit Jahren. Ich hoffe, es wird irgendwann besser bei dir.“
Meistens kommt aber sowas wie „Ich kenn das, ich hab mich mit 14 auch einmal geritzt, weil mein Freund mit mir Schluss gemacht hat.“
Generell ist es für mich in Ordnung, wenn meine Narben zum Thema werden. Schliesslich kann man sie sehen, es ist verständlich, wenn jemand neugierig ist, Fragen hat. Sätze wie das erste Beispiel finde ich vollkommen in Ordnung, weil die Person in diesem Fall wirklich wusste, was das bedeutet. Das zweite Beispiel höre ich allerdings öfter und gerne höre ich es nicht. Ich verletze mich seit Jahren, die Gründe sind sehr unterschiedlich. Sich mit 14 Jahren einmal verletzt zu haben, weil es einem ganz kurz schlecht ging, ist etwas anderes, als sich seit vielen Jahren so schlimm zu verletzen, dass es oft genäht werden muss oder müsste. Ich wünsche mir oft, dass Menschen lernen, diese beiden Dinge zu unterscheiden, auch wenn der Übergang ziemlich fließend ist. Im Zweifel würde ich mich darüber freuen, auf solche Formulierungen einfach zu verzichten.

Blicke und Lästereien, Beleidigungen, Beschimpfungen
Wenn man meine Narben sehen kann, dann wird gelästert und gestarrt. Das ist allgegenwärtig, ob in der Stadt oder auf dem Land. Das reicht von „im Bus angestarrt werden“ bis hin zu sehr lauten Lästereien Jugendlicher am Nachbartisch in der Pommesbude.
Oft fallen ziemlich harte Worte wie z.B. „Attention-Whore“, manchmal wird man als Emo klassifiziert.
Beleidigungen oder Beschimpfungen fallen auch oft, teilweise sind diese sehr verletzend. Ich frage mich des öfteren, wieso so etwas sein muss, wieso man sich über Menschen mit Narben von SVV lustig machen muss. Ich gehe meistens davon aus, dass diese Menschen einfach keine interessanten Themen zur Unterhaltung haben. Das macht es einfacher, damit umzugehen.

Kinder mit Eltern
Es kommt oft vor, dass Kinder meine Narben sehen. Viele von diesen Kindern haben so etwas noch nie gesehen und fragen sich natürlich, wieso ich so viele Narben habe. Meistens wird sofort ein Elternteil gefragt.
Das unangenehme sind hier nicht die Kinder, sondern die Eltern. Ich kann verstehen, wenn Eltern nicht wollen, dass ihr vielleicht 4 Jahre altes Kind mit so etwas konfrontiert wird – dennoch finde ich es nicht gut, wenn Eltern, die vermutlich wissen, wovon die Narben kommen, mit Lügen reagieren („Hat bestimmt eine böse Katze.“) oder sowas sagen wie „Da guckt man nicht hin“ oder ähnliches.
Wieso kann man nicht einfach so etwas sagen wie „Ich weiss es nicht“? Das finde ich persönlich weniger doof, als das Kind anzulügen und es schnellen Schrittes wegzuziehen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es Betroffene stört, wenn ein Kind die Narben ansieht. Die meisten Kinder sind nun einmal neugierig…

Indiskrete Fragen, unpassende Formulierungen
Nun ja, „Common Sense“ is not so common. Fragen finde ich vollkommen okay, einige Fragen finde ich jedoch zu persönlich. Okay finde ich sowas wie „Darf ich fragen, wieso du so viele Narben hast?“ oder Fragen danach, was man mich fragen darf. Das finde ich bei Neugierde vollkommen okay, zumal ich so die Grenzen selbst stecken darf.
Viel zu persönliche Fragen gibt es auch, insbesondere von Menschen, die mich vielleicht drei Minuten kennen. Fragen wie „Ritzt du dich zusammen mit Emo-Freunden?“ oder „Mit was ritzt du dich?“ gehen meines Erachtens einfach gar nicht, zu den Gründen, wieso ich das nicht okay finde, fallen mir keine Worte ein. Ich finde Fragen aus diesen Kategorien einfach nicht in Ordnung.
In Sachen Formulierungen würde ich mir wünschen, wenn auf negativ belegte Worte wie „Schnitzen, ritzen, schlitzen“ verzichtet würde und stattdessen einfach die neutrale Formulierung „sich selbst verletzen/selbstverletzendes Verhalten“ verwendet würde.

Diskriminierung
Oft verhalten sich Menschen mir gegenüber zuerst neutral, ändern dieses Verhalten jedoch, sobald sie meine Narben sehen.
Zuletzt kam es vor, dass ich beim Sozialamt war, um Wohnhilfe zu beantragen. Zu Beginn war die bearbeitende Person mit mir einer Meinung, im Laufe des Gesprächs zog ich aufgrund der Hitze im Raum den Pullover aus. Kaum sah mein Gegenüber die Narben, wurde aus der Wohnhilfe sofort Eingliederungshilfe, ohne mir eine einzige Frage zu stellen, ohne einen einzigen Arztbrief oder ein Gutachten zu sehen.
Das finde ich nicht nur verletzend, sondern auch diskriminierend. Bei vielen Sozialarbeitern und im Sozialamt angestellten Personen würde ich mir wünschen, wenn sie im Umgang mit psychisch kranken Menschen besser geschult wären, ob es um SVV geht oder nicht. Kaum ist bekannt, dass ich psychisch nicht gesund bin, werde ich kaum mehr gefragt, wenn es um Entscheidungen geht. Im Grunde werde ich kaum eingebunden. Es geht nur noch darum, mich irgendwie für die Gesellschaft passend zu bekommen, darum, die Gesellschaft toleranter zu machen, wird sich eigentlich nie gekümmert.

Selbstverletzendes Verhalten hat viele Formen. Ob man sich nun schlägt, Drogen nimmt oder sich schneidet macht im Grunde kaum einen Unterschied. Schnitte sind jedoch sichtbar. Das sollte eigentlich nicht problematisch sein, ist es aber. Für Menschen, die sich schneiden, weil es so viele Vorurteile gibt. Schon oft habe ich mir gewünscht, ich würde mich auf eine andere Weise verletzen.
Es ist aber auch für diejenigen ein Problem, die sich auf andere Arten verletzen, weil sie oft nicht ernstgenommen werden.
Wenn man sich in einer Art selbst verletzt, die Narben hinterlässt, dann hat man drei Optionen. Option eins, sich in der Wohnung verschanzen. Dass das keine Lösung ist, sollte allen bewusst sein.
Option zwei ist, einen Pullover zu tragen, einen Teil seiner Selbst zu verstecken, im Grunde unehrlich zu sich selbst zu sein.
Die letzte Option ist, seine Narben zu zeigen. Diskriminierung und Beschimpfungen sind allgegenwärtig, wenn man das tut. Wenn man dann auch noch auf Fragen antwortet, kann es sein, dass behauptet wird, man sei stolz darauf.
Irgendetwas muss sich ändern. Ich wünsche mir Inklusion, nicht Integration. Ich möchte nicht in eine Gesellschaft gequetscht werden, die mich nicht akzeptiert, wie ich bin. Ich möchte nicht an sie angepasst werden, nur damit ich weniger „Probleme“ mache. Ausserdem bin ich mehr als nur ein „Fall“. Ich bin ein Mensch wie jeder andere auch und finde es nicht fair, nur als Fall betrachtet zu werden. Ich bin keine Akte.
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die einen akzeptiert und respektiert, ob man Narben hat oder nicht, ob man sich verletzt oder nicht, ob man psychisch gesund ist oder nicht. Eine Gesellschaft, in die man nicht hereinintegriert, eingegliedert werden muss, sondern eine Gesellschaft, in der man gleich viel wert ist wie jeder andere. Eine, in der es egal ist, ob man Narben hat oder nicht.
Und ich finde es schade, dass das offensichtlich zu viel verlangt ist.

By @koexistenz